Neobroker

Zocken an der Börse: Wenn der Aktienkauf fast nichts kostet

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Steffen Preißler
GameStop: Rebellion der Kleinanleger

GameStop: Rebellion der Kleinanleger

Kleinanleger versuchen milliardenschwere Hedgefonds ins Wanken zu bringen. Online-Broker verwehren Kleinanlegern den Kauf von GameStop-Aktien. Mehr dazu im Video.

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GameStop zeigt: Neobroker machen den Direktbanken Konkurrenz. Vor allem bei jungen Erwachsenen steigt das Interesse an Wertpapieren.

Hamburg. Zocken an der Börse statt an der Spielkonsole: Student Felix S. hat nicht viel Geld für die Börse, aber bisher sehr viel Spaß an der Wertentwicklung seiner wenigen Aktien. Besonders wenn die Post abgeht bei einem Wert wie Gamestop­ Das ist ein US-amerikanischer Einzelhändler für Computerspiele und Hardware, den manche als das kommende Netflix für Computerspiele sehen. Eine Aktie, die unter starken Schwankungen und einer Handelsaussetzung stand, die nun die US-Justiz untersuchen will. Eine Aktie, die um knapp 1500 Prozent zulegte – entgegen den Empfehlungen der Profis.


Diese und andere Tipps werden in verschiedenen Online-Communitys gehandelt. Heute ist es eine Spiele-Aktie und morgen der US-Brennstoffzellen-Hersteller Plug Power, der in einem Monat knapp 70 Prozent zugelegt hat. Allerdings ist im Moment der Kursanstieg erst einmal ausgebremst. Schnell rein in das Papier und schnell wieder raus. Möglich wird das durch neue Anbieter wie Trade Republic oder Justtrade, die den Börsenhandel mit Blick auf die Handelskosten revolutioniert haben und auch die bisher günstig erscheinenden Direktbanken wie Comdirect oder ING alt aussehen lassen. Von der Bankfiliale an der Ecke ganz zu schweigen.


Ein Trade kostet bei den neuen Anbietern null Euro oder einen Euro, egal ob man Aktien für 500 oder 5000 Euro kauft. Trade Republic kommt ganz ohne Mindestorder aus, während die anderen mindestens 500 Euro Einsatz verlangen. Gehandelt wird über das Smartphone, mit ein paarmal Tippen aufs Display sind Kauf oder Verkauf erledigt. Beim Broker Scalable Capital können sich die Kunden auch für eine Flatrate entscheiden, die sich vor allem für Vieltrader lohnt. Depotgebühren gibt es bei den neuen Anbietern nicht.

Gamestop-Turbulenzen an der Wall Street dauern an
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Aktien werden in der Corona-Pandemie immer beliebter

Dagegen erscheinen die Gebühren bei den Direktbanken richtig teuer. Nach einem Vergleich der Stiftung Warentest (Finanztest 11/2020) kostet eine Aktienorder über 2500 Euro bei der Comdirect 13,65 Euro Gebühren, bei der ING 12,90 Euro und bei der DKB 10,86 Euro. Die Commerzbank verlangt im Klassikdepot 50,60 Euro, die Postbank 31,80 Euro und die Hamburger Volksbank 25,76 Euro.


Das neue Angebot fällt zusammen mit einem deutlich gestiegenen Interesse an Aktien, wie eine Umfrage unserer Redaktion bei Banken zeigt. Die Corona-Pandemie pusht die Anlage in Aktien und Fonds. Davon profitieren zunächst auch die Direktbanken, denn die Neobroker dürften die breite Masse noch gar nicht erreicht haben. „Gerade junge und jüngere Menschen haben im vergangenen Jahr die Börse für sich entdeckt“, sagt Matthias Hach, Bereichsvorstand Comdirect bei der Commerzbank. „Fast zwei Drittel der Depot-Neukunden bei Comdirect waren unter 40 Jahre alt.“

Die ING verzeichnete schon im ersten Halbjahr 2020 17 Prozent mehr Trades als im Vorjahreszeitraum. „Der Anteil der Kunden, die wegen eines Depots zu uns kommen, hat sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt“, sagt ING-Sprecher Sebastian Göb. „Den stärksten Zuwachs sehen wir bei den 25- bis 35-Jährigen.“ Eine neue Generation, die das Telekom-Trauma und den Zusammenbruch des Neuen Marktes nicht bewusst mitbekommen hat, fasst Vertrauen in die Aktie.

Laut einer Studie von Direktbanken nutzt gut jeder Dritte unter 25 Jahren Aktien als Geldanlage. Bei der DKB waren die Monate März und April 2020 bisher die Rekordmonate bei Aktienkäufen. „Die Kunden haben aber damals geringere Summen pro Kauf investiert“, so DKB-Sprecher Hauke Kramm. Der Einstieg war günstig, aber die Unsicherheit noch groß.

So funktioniert die Registrierung bei Neobrokern

Wer über die Neobroker handeln will, muss dort (oder bei der damit verbundenen Bank) ein Depot eröffnen. Mit konkreten Kundenzahlen halten sich die neuen Anbieter zurück. Im April 2020 zählte Trade Republic, ein Jahr nach dem Start, nach eigenen Angaben 150.000 Kunden. Branchenkenner gehen bei Scalable Capital von täglich 1000 Neukunden aus. Bei Trade Republic wartet man für die Depoteröffnung stundenlang auf das Videoident-Verfahren – das lässt auf großes Kundeninteresse schließen.

Wenn man an der Reihe ist, erfolgte die Identitätsüberprüfung schnell und professionell. Nach der Beantwortung der Fragen zur Risikobereitschaft und der Erfahrung mit Wertpapieren sowie dem Überweisen eines Betrages für die ersten Orders kann sofort gehandelt werden. Alle Anbieter setzen auf das Videoident-Verfahren, bei Scalable Capital ist auch das herkömmliche Postident-Verfahren nutzbar.

USA: Trading-Apps schon weit verbreitet

Das Vorbild für die neuen Anbieter kommt aus den USA. Dort nutzen bereits 13 Millionen Kunden die Trading-App des weltgrößten Neobrokers Robinhood. Die neuen Aktienbroker zeigen, dass ein Aktienkauf nicht zehn oder gar 30 Euro kosten muss. Das Geschäftsmodell der Neobroker beruht darauf, dass sie Provisionen für Kundenorders bekommen, die sie an Handelsplätze und andere Broker weiterreichen. Bis zu drei Euro pro Trade seien laut „Wirtschaftswoche“ drin.

„Es gibt Rückvergütungen, nur wurden die bisher eben nicht weitergereicht“, sagt Michael B. Bußhaus, Geschäftsführer von Justtrade. Für Investmentfonds erhalten die Broker Bestandsprovisionen und auch an den Derivaten, also Optionsscheinen und Zertifikaten, lässt sich nach Bußhaus’ Einschätzung „ganz gut verdienen“.

Bei ETFs, also börsengehandelten Indexfonds, zahlen die Anbieter aber nur beim Kauf etwas. Am Verkauf verdient der Broker nichts. Auch Jacob Hetzel von Scalable Capital verweist auf Provisionen von Produktanbietern, zum Beispiel bei Fonds und ETFs. „Außerdem fallen bei dem Handelsplatz Gettex keine Handelsgebühren an.“ Auch beim Clearing, dem Ein- und Ausbuchen von Aktienkäufen und -verkäufen, lässt sich viel Geld sparen. Bußhaus: „Wenn man nicht jede Order einzeln abarbeitet, sondern passende zusammenfasst, spart das viel.“

Neobroker bieten nur ein begrenztes Aktienangebot

Die günstigen Preise ergeben sich auch aus dem eingeschränkten Angebot, wenn man es mit Brokern wie der Comdirect vergleicht. Dort können mehr als 20.000 Aktien auf 73 Handelsplattformen gehandelt werden. Anleger können unter 19.000 gemanagten Fonds, 2000 ETFs und 1,6 Millionen Derivaten wählen.


Aber brauchen die meisten Anleger ein so umfassendes Angebot? „Auf 500 Aktien entfallen laut Deutscher Börse 95 Prozent der tatsächlichen Handelsumsätze“, sagt Malte Rubruck, Geschäftsführer von Gratisbroker. „Mit 4000 Aktien deckt unser Angebot also ziemlich zuverlässig alles ab, was wirklich gehandelt wird.“

Gespart wird auch am Service. Justtrade und Gratisbroker bieten keinen Depotübertrag von einem anderen Institut an.
Bei den Handelsplätzen setzen die Neobroker auf ein oder zwei Anbieter. Gettex ist ein Ableger der Bayerischen Börse. LS Exchange wird von der Hamburger Börse überwacht. Scalable Capital ermöglicht auch den Handel über Xetra. Das kostet allerdings extra, mindestens 5,49 Euro pro Trade.

„Es wird nicht investiert, sondern gezockt“

Die Stiftung Warentest hat festgestellt, dass es bei den Handelsplätzen der Neobroker keine erhöhten Handelsspannen im Vergleich zum Xetra-Handel der Deutschen Börse gibt. Der Aktienexperte Christian W. Röhl sieht in den Neobrokern „eine Demokratisierung der Geldanlage“. Gerade mit Blick auf die Gebühren. „Aber es besteht die Gefahr, dass Entscheidungen zu impulsiv getroffen werden, gerade beim Handeln am Smartphone.“


Kombiniert mit den Tipps aus Social Media lasse man sich leicht zu Transaktionen hinreißen, die man nicht wirklich durchdrungen habe. „Es wird nicht investiert, sondern gezockt“, sagt Röhl. Er weiß aber auch, dass die Neobroker eine gute Möglichkeit sind, sehr kostengünstig Sparpläne zu starten. „Wir haben dauerhaft kostenlose ETF-Sparpläne eingeführt“, sagt Hetzel von Scalable Capital.

Student Felix S. hat jedenfalls inzwischen auch seinen Vater angefixt. Dieser hat nun zwei Depots. Eins bei der Postbank und eins bei Trade Republic.