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Warum die Commerzbank jede zweite Filiale schließen will

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Die Commerzbank will bis 2024 massiv Stellen abbauen.

Die Commerzbank will bis 2024 massiv Stellen abbauen.

Foto: Arne Dedert/dpa

10.000 Mitarbeiter verlieren ihren Job, in Hunderten Städten schließen Filialen: Das steckt hinter dem Sparplan der Commerzbank.

Berlin/Frankfurt. Manfred Knof steht noch keinen Monat an der Spitze der Commerzbank. Der 55-Jährige, der bis zum Jahreswechsel das Geschäft mit Privat- und Firmenkunden beim größten Konkurrenten Deutsche Bank verantwortete, hat sich bereits bei seinen vorherigen Stationen den Ruf eines harten Sanierers erarbeitet. Und auch seinen 39.600 Mitarbeitern kündigte er gleich zum Start an, es werde „kein bequemer Weg“ mit ihm. Nun wird klar, wohin er die Commerzbank führt. Jede dritte Stelle in Deutschland fällt weg, fast jede zweite Filiale muss zusperren. Das teilte das Kreditinstitut am Donnerstag mit.

Insgesamt 10.000 Vollzeitstellen will Knof in den kommenden Jahren streichen. Das Filialnetz, das bereits im vergangenen Jahr um fast 200 Zweigstellen auf 790 Filialen geschrumpft war, soll nun massiv ausgedünnt werden: Im Jahr 2024 sollen 450 Standorte übrig bleiben. Im Gegenzug will die Commerzbank ihre digitalen Angebote deutlich ausbauen. Für den Stellenabbau will die Bank „faire und – soweit möglich – sozialverträgliche Lösungen“ finden, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns.

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Vorgänger Zielke trat im Streit über Einsparungen zurück

Mit all diesen Maßnahmen will Knof bei dem Geldhaus, das seit der globalen Finanzkrise und der Teilverstaatlichung 2009 nicht wieder recht in die Spur gefunden hat, die Kosten um 20 Prozent reduzieren. Für das Geschäftsjahr 2024 peilt der Manager Einsparungen von 1,4 Milliarden Euro im Vergleich zu 2020 an. Die Kosten für den Personalabbau und weitere Restrukturierungsmaßnahmen beziffert die Commerzbank auf 1,8 Milliarden Euro.

Noch muss die Kahlschlag-Strategie vom Aufsichtsrat und auch vom Vorstand beschlossen werden – die Zustimmung gilt unter Branchenkennern jedoch als ausgemacht. Knofs Vorgänger an der Spitze der Commerzbank, Martin Zielke, hatte seinen Posten im vergangenen Sommer im Streit über Einsparungen geräumt. Aufseher und Investoren hatten seine Strategie als unambitioniert vom Tisch gefegt. Das Papier sah einen Stellenabbau in ähnlicher Größenordnung vor. Mit Zielke warf auch der bisherige Chefaufseher Stefan Schmittmann hin. All dies ließ den Konzernumbau in den vergangenen Monaten stocken.

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Geben die Gremien grünes Licht, kann der neue Vorstandschef Knof durchgreifen. „Wir wollen uns auf die Stärken der Commerzbank konzentrieren und damit ihre Leistungsfähigkeit nachhaltig sichern. Dafür werden wir mit aller Konsequenz Komplexität reduzieren und Kosten senken“, sagte er. „Unsere Ziele sind sehr anspruchsvoll, aber wir werden alles Notwendige tun, um sie zu erreichen.“ Details seiner Strategie will Knof in zwei Wochen im Rahmen der Bilanzpressekonferenz des Konzerns am 11. Februar erläutern. Diese umfasst wohl auch, dass die Bank ihr Geschäft im Ausland zurückfährt und sich künftig stärker auf die Betreuung von Kunden aus dem deutschen Mittelstand konzentriert.

Commerzbank erstmals seit 2012 in den roten Zahlen

An diesem Termin wird er wohl auch verkünden müssen, dass die Commerzbank im vergangenen Jahr erstmals seit 2012 wieder in die roten Zahlen gerutscht ist – und zwar in tiefrote. Belastungen durch die Corona-Krise, den Konzernumbau und auch die Pleite des Zahlungsabwicklers Wirecard haben die zuvor mühsam erarbeitete Profitabilität aufgezehrt. Als Kreditgeber des Skandalkonzerns Wirecard verlor die Commerzbank 175 Millionen Euro. Analysten sehen die Bank erst 2022 wieder in der Gewinnzone.

Was Tausende Menschen den Job kosten wird, freut Anleger: Kurz nach Bekanntwerden des Sparplans schoss der Kurs der Commerzbank-Aktie am Donnerstag um vier Prozent in die Höhe. Weil die Bank schon länger nicht mehr zu den größten deutschen Aktiengesellschaften gehörte, war sie 2018 aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) geflogen. Der Dax umfasst die 30 wichtigsten Titel.

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Wie die Commerzbank leidet die ganze Bankenbranche unter dem seit Jahren anhaltenden Zinstief und einem tiefgreifenden Umbruch durch die Digitalisierung. Reine Online-Banken wie N26 erreichen mit ihrem kostengünstigen Angebot zunehmend nicht mehr nur jüngere Kunden. Hier hat die Commerzbank mit ihrer Online-Tochter Comdirect ebenfalls ein stark nachgefragtes Angebot – das mit einer Smartphone-App auskommt statt einem teuren Filialnetz.

Corona-Krise beschleunigt Filialschließungen

Der Trend zum Online-Banking hat in der Corona-Krise einen enormen Schub erfahren. Der Präsident des Bankenverbands BdB, Hans-Walter Peters, erwartet daher einen beschleunigten Abbau des Filialnetzes seiner Branche. „Letztlich werden die Kunden durch ihr Verhalten entscheiden, was mit den Filialen passiert“, hatte Peters zum Jahresauftakt in einem Interview mit unserer Redaktion gesagt.

Allein im Jahr 2019 haben die Banken in Deutschland 4,5 Prozent ihrer Filialen geschlossen. Zur Aufrechterhaltung der Präsenz in der Fläche betreiben Volksbanken und Sparkassen in Hessen bereits erfolgreich erste Gemeinschaftsfilialen. Darüber denken die Privatbanken nicht nach, betonte Peters im Interview: Dafür unterschieden sich die Geschäftsmodelle der Geldhäuser zu stark.