Milliardärsfamilie

Wie Tengelmann-Chef Haub mit dem verschollenen Bruder brach

Erstmals spricht Tengelmann-Chef Christian Haub über den Bruch mit Bruder Karl-Erivan – und wie zerstritten die Milliardärsfamilie ist.

Tengelmann-Chef Christian Haub spricht über das Zerwürfnis in seiner Familie.

Tengelmann-Chef Christian Haub spricht über das Zerwürfnis in seiner Familie.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Mülheim. In der Öffentlichkeit hat die Tengelmann-Eigentümerfamilie Haub stets ein Bild der Harmonie verbreitet. Hinter den Kulissen hat es aber offenbar längst ein massives Zerwürfnis gegeben, über das Konzernchef Christian Haub (56) erstmals gegenüber unserer Redaktion berichtet. Vor allem das Vertrauen in seinen seit über zwei Jahren verschollenen Bruder Karl-Erivan war zerstört.

Herr Haub, Sie führen die Tengelmann-Gruppe in fünfter Generation. Wird es angesichts des aktuellen erbitterten Familienstreits überhaupt noch eine sechste Generation geben können?

Christian Haub: Die sechste Generation gibt es bereits. Es ist und bleibt mein Ziel, ein nachhaltiges und zukunftsfähiges, manche sagen auch enkelfähiges Unternehmen in einigen Jahren an diese nächste Generation zu übergeben. Wir denken wie die meisten Familienunternehmen nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Daran ändert auch die aktuelle Auseinandersetzung im Gesellschafterkreis nichts, die wir aushalten müssen, um am Ende gestärkt daraus hervorzugehen.

Es geht um geschätzte 450 Millionen Euro Erbschaftssteuer, die die Familie Ihres verschollenen Bruders Karl-Erivan Haub allein in Deutschland aufbringen muss. Hat er nicht in ausreichendem Maße vorgesorgt, um seine Frau und Kinder für einen solchen Fall abzusichern?

Haub: Zu diesem Schluss muss man leider kommen. Es wäre zuerst einmal verantwortungsvoller gewesen, nicht so hohe persönliche Risiken einzugehen. Und wenn man schon sein eigenes Leben und das vieler Bergretter aufs Spiel setzt, dann sollte man wenigstens entsprechende Vorsorge dafür treffen, etwa durch den Abschluss einer hohen Risiko-Lebensversicherung. Aber auch so sollten die finanziellen Mittel für die Begleichung der Erbschaftsteuern vorhanden sein, denn kein Gesellschafter von uns hat in den letzten 20 Jahren mehr an Gewinnausschüttungen, Haftungsprämien, Tantiemen und Gehaltszahlungen erhalten als mein Bruder Karl-Erivan.

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Ziehen Sie aus dieser Erfahrung für sich persönlich Konsequenzen?

Haub: Für mich persönlich habe ich inzwischen entsprechende Vorsorge getroffen, so wie ich es vor Jahren für meinen Vater für sein Ableben vorbereitet hatte, dessen Erbschaftssteuerveranlagung bereits reibungslos über die Bühne gegangen ist.

Ihre Schwägerin Katrin Haub bezeichnet es als anmaßend, dass Sie gemeinsam mit Ihrem Bruder Georg und dem Unternehmen Karl-Erivan Haub ohne Abstimmung mit der Ehefrau für tot erklären lassen wollen. Schmerzt Sie der Vorwurf?

Haub: Meine Schwägerin weiß selbst am besten, dass dieser Vorwurf absolut unberechtigt ist. Sie selbst hat mehrfach erklärt, dass sie meinen Bruder auf keinen Fall für tot erklären lassen wolle, um in der Auseinandersetzung mit mir und meinem Bruder Georg das Druckmittel zu behalten, die Gesellschaftsrechte ihres Mannes exzessiv ausüben zu können.

Dass sie jetzt in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken will, zusammen mit ihren Kindern niemals das Unternehmen verlassen zu wollen, während gleichzeitig mit allen Mitteln versucht wird, den Preis für ihr Ausscheiden immer weiter nach oben zu treiben – das ist ein unwürdiges Schauspiel, das ich nur mit Kopfschütteln beobachten kann. Leider geht es meiner Schwägerin schon seit geraumer Zeit nicht mehr um das Unternehmen, sondern einzig und allein um finanzielle Vorteile.

Warum konnte es in dieser auch so emotionalen Frage keinen gemeinsamen Weg innerhalb der Familie geben?

Haub: Ich habe von Anfang an und vielleicht zu lange immer wieder Vorschläge unterbreitet, die aus meiner Sicht für alle Beteiligten und das Unternehmen sehr gut tragbar gewesen wären. Leider wurden diese alle abgelehnt, in erster Linie, weil meine Schwägerin nicht bereit war, auch ihrerseits einen angemessenen Finanzierungsbeitrag aus ihrem sicher mehrere hundert Millionen betragenden Privatvermögen zu leisten, die ihr im Wesentlichen wiederum aus dem Unternehmen zugeflossen sind.

Nach außen hin haben die Haubs stets den Eindruck einer intakten Familie vermittelt. Wie konnte es zu dem Zerwürfnis kommen?

Haub: Mein Bruder Karl-Erivan hatte schon immer einen Macht- und Alleinvertretungs-Anspruch unter uns drei Brüdern erhoben und wurde darin von meinen Eltern, als deren Lieblingssohn er galt, auch noch unterstützt. Ich bin schon sehr früh in die USA ausgewandert und habe mich als Mit-Geschäftsführer um unsere dortigen unternehmerischen Interessen gekümmert.

Mein Vertrauen schwand, als herauskam, dass Karl-Erivan über Jahre hinweg seinen Bruder Georg und andere ihm nahe stehende Personen für viele Millionen Euro auf Kosten des Unternehmens ausspionieren ließ. Dieser Konflikt weitete sich aus, als ich nach dem plötzlichen Verschwinden meines Bruders meine Zelte in den USA abbrach, um die Geschäftsführung in Deutschland zu übernehmen, meine Mutter das aber mit allen Mitteln zu verhindern suchte, indem sie zunächst einen fast 80-jährigen Vertrauten inthronisierte. Mit Unterstützung meines Bruders Georg konnte dieses Intermezzo aber beendet werden.

Für meinen persönlichen Einsatz in dieser schwierigen Zeit habe ich bis heute lediglich von meinem Bruder ein Wort des Dankes und der Anerkennung erfahren. Von anderer Seite wurde mir im Gegenteil das Leben so schwer wie möglich gemacht.

Bei dem Erbstreit kommen nun auch das Gehalt Ihres Bruders Karl-Erivan, Millionenbeträge für die Überwachung Ihres Bruders Georg und andere Interna auf den Tisch. Ist eine solche Abrechnung in Ihrem Sinne?

Haub: Ich hätte mir eine solche Auseinandersetzung gerne erspart. Aber wenn sie selbst persönlich und unfair angegriffen werden, ihre Integrität in Frage gestellt und ihre Familie mit haltlosen Vorwürfen konfrontiert werden, ist es fast schon ein Gebot der Selbstachtung, sich zu verteidigen.

Sie warnen vor einer Lähmung der Tengelmann-Gruppe und argumentieren mit der gefährdeten Sicherheit von 90.000 Mitarbeitern. Würden Sie auch eine Zerschlagung des Unternehmens in Kauf nehmen?

Haub: Niemals. Mein Ziel ist es, unser heutiges Familienunternehmen als Ganzes zu erhalten und zusammen mit meinem Bruder Georg erfolgreich weiter zu entwickeln. Das sind wir unseren Vorvätern schuldig und letztlich auch der nächsten Generation, die ja teilweise schon im Unternehmen tatkräftig mitarbeitet. Ich sehe mich und meinen Bruder Georg wie Stafetten-Läufer, die das ihnen als Treuhänder anvertraute Familienvermögen von Generation zu Generation weitergeben, aber nicht Kasse machen, um das unvorstellbar große Vermögen auszugeben.

Nichts anderes wäre auch im Sinn meines Bruders Karl-Erivan gewesen. Von daher verstehe ich nicht, wie seine beiden Kinder unser wirklich großzügiges Angebot von 1,1 Milliarden Euro – eine unvorstellbare Summe – nicht annehmen, sondern weiter pokern - und das auf Kosten eines Familienunternehmens, zu dem sie selbst bisher außer Unterhaltskosten Null beigetragen haben, das aber die angesparten Rücklagen dringend benötigt, um in der Krise wettbewerbsfähig zu bleiben.

Halten Sie Ihr Angebot für fair?

Haub: Mit diesem Angebot gehen wir weit über das hinaus, was der Familie meines Bruders nach dem Gesellschaftsvertrag für ihre Anteile zustünde, wenn sie im Jahr 2030 von ihrem Kündigungsrecht Gebrauch machte. Ich hoffe sehr, dass auch die andere Seite das irgendwann erkennt. Unser Angebot basiert auf einem Verkehrswertgutachten, das von unserem Wirtschaftsprüfer KPMG vor der Pandemie erstellt wurde. Die drohende weltwirtschaftliche Rezession hätte genug Anlass geboten, von einem niedrigeren Wert auszugehen; stattdessen haben wir es sogar noch um 150 Millionen aufgestockt, sind also den Kindern meines Bruders gleich doppelt entgegengekommen.

Die Familie von Katrin Haub will erfahren haben, dass Sie auch einen Gesamtverkauf oder einen Börsengang planen. Stimmt das?

Haub: Nein, diese Behauptung ist völlig aus der Luft gegriffen. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, mit welchen bewusst falschen Vorwürfen auf der anderen Seite mittlerweile gearbeitet wird, um mich in der Öffentlichkeit in ein schlechtes Licht zu rücken und die eigenen finanziellen Forderungen durchzusetzen.

Wie ist Ihre Idealvorstellung, die Gesellschafterstruktur in der Tengelmann-Gruppe neu zu gestalten?

Haub: Ich glaube, von meinen ursprünglichen Idealvorstellungen von einer harmonischen Unternehmerfamilie sind wir mittlerweile ein großes Stück entfernt. Aber ich bin bereit, Kompromisse zu schließen, wenn wir auf diese Weise Stabilität im Gesellschafterkreis und Sicherheit für unsere 90.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erreichen.

Grundvoraussetzung dafür ist aber Vertrauen im Gesellschafterkreis, wie es zu meinem Bruder Georg besteht. Da meine Schwägerin und ihre Kinder schon seit längerem ausscheiden wollen, ja sogar schon Anfang dieses Jahres eine schriftliche Offerte über 1,6 Milliarden Euro vorgelegt haben, es also nur noch ums Geld geht, erübrigt sich insoweit jeder weitere Kommentar.

Was erwarten Sie von der „Gegenseite“, wenn am Mittwoch die Gesellschafterversammlung tagt?

Haub: Die Einsicht, dass wir unsere Auseinandersetzung im Sinn der erfolgreichen Weiterführung der Unternehmensgruppe beenden und dabei Kompromisse eingehen müssen. Ich habe dafür die Voraussetzungen geschaffen, indem ich auf den bisherigen bewährten und erfahrenen Beirat zu verzichten bereit bin, eine neue Beiratsbesetzung vorgeschlagen sowie ein konkretes Kaufangebot dem ausscheidungswilligen Gesellschafterstamm vorgelegt habe. Es ist jetzt an meiner Schwägerin und ihren Kindern zu erkennen, dass die Sache ausgereizt und der Rubikon bald überschritten ist.

Zum 150. Geburtstag von Tengelmann im Jahr 2017 hieß das Motto „Weiterhandeln“. Wie lange wird es die Unternehmensgruppe Tengelmann noch geben?

Haub: Ich bin überzeugt davon aus, dass es unsere Unternehmensgruppe noch jahrzehntelang geben wird und werde zusammen mit meinen vier Kindern das Erforderliche dazu beitragen. Unser Familienunternehmen hat es im Laufe der Jahre immer wieder verstanden, auch schwere Krisen zu meistern – externe wie selbstverursachte. Und es hat sich immer wieder den gewandelten Verhältnissen angepasst, ja teilweise neu erfunden. Nicht ohne Stolz heißt es ja in unserer Branche: Nichts ist beständiger als der Wandel im Handel. Von daher bin ich zuversichtlich, dass es uns auch dieses Mal gelingen wird, gleich zwei große Krisen erfolgreich zu meistern und daraus gestärkt hervorzugehen: die coronabedingte Wirtschaftskrise und den derzeitigen Gesellschafterstreit. Ich bin froh zu dessen Bewältigung mit dem Wirtschaftsanwalt Mark Binz einen Berater an meiner Seite zu wissen, der über langjährige Erfahrung und vorzügliche Erfolgsausweise in solch diffizilen Angelegenheiten verfügt.