Verpackungen

Verbraucherschützer wollen schädliche Verpackungen verbieten

Deutschlands oberster Verbraucherschützer fordert harte Maßnahmen gegen Schadstoffe in Lebensmittelverpackungen sowie in Kochgeschirr.

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Berlin. Mineralölrückstände in Schokolade, der von der EU als „vermutlich Krebs erzeugend“ bewertete Klebstoffbestandteil Formaldehyd in Bambus-Kaffeebechern und Weichmacher in Trinkflaschen: Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Fälle bekannt, in denen Schadstoffe über Lebensmittelverpackungen oder Koch- und Essgeschirr in den menschlichen Körper gelangen.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) dringt nun auf ein härteres Vorgehen der Politik gegen solche gesundheitsgefährdenden Chemikalien. „Die Politik muss hier dringend handeln und für solche Stoffgruppen klare Verbote aussprechen“, sagte vzbv-Vorstand Klaus Müller unserer Redaktion. „Es ist ein Armutszeugnis für die Politik, dass wir als Verbraucherschützer diese Selbstverständlichkeit im Jahr 2020 überhaupt fordern müssen.“

Schadstoffe in Verpackungen: Verbraucherzentrale fordert Verbot

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat bereits Grenzwerte für gesundheitlich bedenkliche Substanzen festgelegt. Das geht den Verbraucherzentralen aber nicht weit genug. Sie fordern stattdessen Verbote gegen besonders schädigende Stoffe.

„Krebserregende, erbgutverändernde oder fruchtbarkeitsschädigende Stoffe haben in Lebensmittelverpackungen nichts zu suchen“, sagt Müller. Nach der Vorstellung von Deutschlands oberstem Verbraucherschützer sollen möglicherweise gesundheitsschädliche Produkte durch Einfuhrkontrollen und Vorführpflichten von vornherein vom deutschen Markt ferngehalten werden.

„Bei der Gesundheit muss das Vorsorgeprinzip gelten. Bevor Lebensmittelverpackungen und Geschirr auf den Markt gelangen, muss ihre Unbedenklichkeit nachgewiesen und von einer unabhängigen EU-Behörde bestätigt werden“, so Müller.

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Weichmacher: In Kleidung verboten, in der Trinkflasche erlaubt

Die aktuelle Rahmenverordnung der Europäischen Union zur Lebensmittelsicherheit bezeichnet der vzbv-Vorstand als „gesetzgeberisches Relikt“, das einer „umfassenden Überarbeitung“ bedürfe. Er nennt dabei das Beispiel Phthalat, eine Chemikalie, die als Weichmacher in Kunststoffen eingesetzt wird.

Die EU stuft gewisse Phthalate als fortpflanzungsgefährdend ein, weshalb sie in Babyspielzeug und auch in einigen Textilien verboten sind, in Lebensmittelverpackungen und beispielsweise Trinkflaschen aber erlaubt sind – solange die Grenzwerte eingehalten werden.

Mineralölfunde in Babymilch

Es ist nicht das einzige Beispiel von Verunreinigungen in Lebensmitteln durch Verpackungen. Im Gegenteil. Die Liste ist lang. Für Aufregung sorgten in den vergangenen Jahren beispielsweise Untersuchungen der Stiftung Warentest und des Verbrauchermagazins „Öko-Test“, die Mineralöl in der Schokolade von Adventskalendern nachwiesen.

Auch die Initiative Foodwatch wies zuletzt Mineralölrückstände nach, unter anderem in Säuglingsmilch des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé sowie in der Eigenmarke der Drogeriekette Rossmann. Während Nestlé die Vorwürfe zurückwies und sein Produkt weiter verkaufte, stoppte Rossmann im Mai den Verkauf seiner Babymilch.

„Seit Jahren ist bekannt, dass zum Beispiel aus Recyclingverpackungen Mineralöle und Hunderte weiterer, teils hochproblematischer Chemikalien auf Lebensmittel übergehen können“, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker unserer Redaktion.

Zwar gebe es Alternativen, etwa Recycling-Kartonverpackungen. Die wolle die Lebensmittelindustrie aber nicht nutzen, weil sie teurer als die herkömmlichen Verpackungen seien, lautet Rückers Vorwurf, der ebenfalls auf eine schärfere Regulierung pocht.

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Verbrauchschützer Müller schlägt europäisches Zulassungsverfahren vor

Doch laut Verbrauchschützer Klaus Müller würden neue Regeln allein das Problem nicht lösen – wie bereits die Praxis zeige. Selbst da, wo es Regeln gibt, würden diese nämlich oft nicht ausreichend kontrolliert, da es neben Personal auch an Daten fehle, um die Tausende Stoffe bewerten zu können, die in Verpackungen oder Geschirr zum Einsatz kämen.

Um den Prozess zu vereinfachen, schlägt der Verbraucherzentrale Bundesverband vor, dass über ein europäisches Zulassungsverfahren Positiv- und Negativlisten erarbeitet werden. Auf diesen soll nach Vorstellung der Verbraucherschützer klar erkennbar sein, welche Chemikalien für welche Produktbereiche verwendet werden dürfen und welche nicht.

Ministerium will reagieren

Das Bundeslandwirtschaftsministerium nimmt die Kritik offenbar ernst. Die Sicherheit von Lebensmittelverpackungen sei dem Ministerium ein besonderes Anliegen, teilte eine Sprecherin unserer Redaktion mit. „Deshalb gilt: Dort, wo es auf Grundlage entsprechender Risikobewertungen im Sinne des gesundheitlichen Verbraucherschutzes erforderlich ist, müssen Regelungen ergänzt oder angepasst werden“, so die Sprecherin. Dies sei aktuell etwa bei Druckfarben für Lebensmittelverpackungen und auch bei Mineralölbestandteilen aus Verpackungen der Fall.

Auf europäischer Ebene setze sich das Ministerium für eine Erweiterung der bisherigen EU-Regelungen für andere Materialgruppen ein, so die Sprecherin.

Umfrage: Jeder Vierte würde belastete Produkte kaufen

Was aber denken die Verbraucher selbst, wenn sie auf einmal erfahren, dass in ihrem Lieblingsprodukt geringe Mengen an gesundheitsschädlichen Chemikalien entdeckt worden wären? Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat dazu eine repräsentative Studie beim Marktforschungsunternehmen Kantar in Auftrag gegeben, das Ergebnis liegt unserer Redaktion vorab vor.

73 Prozent der Befragten gaben demnach an, dass sie diese Lebensmittelverpackungen oder entsprechendes Koch- und Essgeschirr nicht mehr nutzen würden. Immerhin jeder Vierte würde aber nicht auf ein entsprechendes Produkt, das regelmäßig konsumiert wird, verzichten wollen, selbst wenn geringe Mengen an gesundheitsschädlichen Materialien nachgewiesen werden würden.

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Je jünger, desto sorgloser

Auffällig dabei: Vor allem Jüngere sind sorgloser. In der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen würden sogar 35 Prozent belastete Produkte weiterhin kaufen und nutzen, bei den über 60-Jährigen sind es nur 18 Prozent.

Und auch ein zweites Merkmal sticht hervor: Vor allem Geringverdiener mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 1500 Euro im Monat sowie Spitzenverdiener mit mehr als 3500 Euro im Monat meiden kontaminierte Produkte. Deutlich sorgloser ist die Gruppe derjenigen, die ein Haushaltseinkommen von 1500 bis 3500 Euro im Monat haben.

Grundsätzlich sind aber 93 Prozent der Befragten der Auffassung, dass gesundheitsschädliche Chemikalien in Lebensmittelverpackungen oder Koch- und Essgeschirr nichts zu suchen hätten.

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