Investitionen

Corona-Krise: Ist der Höhenflug der Start-ups vorbei?

In der Corona-Pandemie haben es junge Unternehmen schwer – es sei denn, ihr Geschäftsfeld hat Konjunktur. Doch große Deals sind rar.

Der Elektro-Flugtaxi-Hersteller Lilium kann für seine Vision noch Investoren begeistern.

Der Elektro-Flugtaxi-Hersteller Lilium kann für seine Vision noch Investoren begeistern.

Foto: dpa Picture-Alliance / - / picture alliance/dpa

Berlin/Münster. Bei Klara ist von Krise keine Spur. Mitten in der Corona-Pandemie hat das deutsch-amerikanische Start-up mit Sitz in Berlin gerade 15 Millionen Dollar (12,7 Millionen Euro) von einer Risikokapitalgesellschaft des Google-Mutterkonzerns Alphabet erhalten. Klara ist im Bereich der Medizin tätig und versucht, mithilfe von künstlicher Intelligenz Arbeitsabläufe zu automatisieren, ohne dass Arzt und Patient ihr persönliches Verhältnis verlieren.

Ohne Frage – solche Anwendungen sind in dieser Zeit besonders gefragt. Auch der bayerische Flugtaxi-Hersteller Lilium konnte in diesem Jahr beträchtliche Summen einsammeln, mit mehr als 250 Millionen Euro sogar die aktuell größte Geldspritze für ein deutsches Start-up. Auch hier ist die Richtung klar. Bei Flugtaxis geht es um einen Megatrend der kommenden Jahre.

In der Krise gilt für Investoren: Kosten herunterfahren, dann wieder durchstarten

Doch generell haben es Jungunternehmer, die ihre Firmen mit Wagniskapital, oder englisch Venture Capital, aufbauen, derzeit nicht leicht. Der jahrelange Boom erfährt in der Corona-Krise einen Dämpfer. „Der Zugang zu neuem Kapital ist in der Krise schwierig“, sagt Paul-Josef Patt. „Die Investoren haben meist andere Prioritäten wie die Absicherung ihres eigenen Portfolios.“

Patt kennt das Geschäft durch und durch. Er hat zwei Jahrzehnte Erfahrung bei der Finanzierung junger Unternehmen. Er ist Geschäftsführer von eCapital. Der Start-up-Investor aus Münster stattet derzeit 32 Unternehmen – etwa aus den Bereichen Cybersicherheit, Clean­tech, klimaschonende Technologien – mit 240 Millionen Euro aus.

Die Corona-Pandemie geht auch an Patts Investments nicht spurlos vorbei. „Auch wir haben natürlich Unternehmen im Portfolio, die aktuell kämpfen müssen.“ Vertrieb, Kontaktpflege oder etwa die Montage von neuartigen Produkten beim Kunden sind in dieser Zeit kaum oder nur stark eingeschränkt möglich.

Das Krisen-Rezept des Start-up-Investors: Kosten herunterfahren, an alternativen Wachstumsmöglichkeiten arbeiten und durchstarten, wenn sich die Rahmenbedingungen geändert haben. „Der eine oder andere, der gerade gründen wollte, bleibt jetzt erst einmal bei seiner bisherigen Tätigkeit und wartet ab, was passiert“, sagt Patt, der früher Chef des Textilhändlers Ernsting’s family war.

Großteil der Gelder gehen nach Berlin und Bayern

Wie sich die Pandemie auf die Start-up-Szene auswirkt, hat kürzlich das Beratungsunternehmen EY untersucht. EY-Experte Thomas Prüver hat als Corona-Effekt einen starken Rückgang sehr großer Deals ausgemacht. „Gleichzeitig gab es allerdings mehr kleine Transaktionen“, sagt er. Damit falle der Corona-Effekt weniger stark aus als erwartet.

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Im ersten Halbjahr floss das meiste Geld von insgesamt 2,2 Milliarden Euro nach Berlin und Bayern. In der Hauptstadt erhielten junge Unternehmen 149 Finanzierungen im Wert von 1,1 Milliarden Euro. Auf Bayern entfielen 83 Finanzierungen mit einem Volumen von 773 Millionen Euro. Neben dem Lufttaxi-Start-up Lilium stechen in der Hauptstadt der Technik-Verleiher Grover mit 195 Millionen Euro und die Smartphone-Bank N26 mit 91 Millionen Euro hervor.

In den anderen Bundesländern sieht es weniger rosig aus. In Nordrhein-Westfalen (neben Berlin eigentlich eine Start-up-Hochburg), Baden-Württemberg und Hamburg sind der Studie zufolge sowohl die Zahl als auch die Höhe der Finanzierungen deutlich eingebrochen. Sie teilen sich den schmalen Rest der Investitionen, die auch noch um ein Fünftel unter dem Vorjahreswert liegen.

Einzelne Bundesländer haben inzwischen auf die Geldklemme reagiert. Thüringen legte Mitte August einen 20 Millionen Euro schweren „Zukunftsfonds“ für Start-ups auf.

Investor: Echte Unternehmer werden überleben

Anlässlich der Vorstellung einer Studie zu Start-ups im Bereich der künstlichen Intelligenz rief Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutsche Start-ups, am Donnerstag dazu auf, neue Wachstumsimpulse zu setzen: Deutschland müsse bei innovativen Technologien dranbleiben: „Start-ups, die die Corona-Krise aufgrund ihrer meist dünnen Kapitaldecke besonders hart trifft, müssen deswegen zielgerichtet unterstützt werden.“

Investor Patt geht davon aus, dass sich der nach seiner Ansicht zuletzt überhitzte Start-up-Markt durch die Corona-Krise ein Stück weit normalisieren wird. „Da werden wir in den nächsten Monaten einige Insolvenzen sehen – das gehört aber zum Geschäftsmodell von Start–ups dazu.“ Es sei abenteuerlich gewesen, „wie einem zuletzt erklärt worden ist, warum ein Geschäftsmodell Bewertungen von 30 Millionen Euro und mehr erreichen soll, obwohl gerade erst ein paar Hunderttausend Euro Umsatz in den Büchern stehen.“ Doch Patt gibt sich optimistisch: „Echte Unternehmer“ würden die Krise überleben.

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