Arbeitsmarkt

Berliner Wirtschaft bietet Pandemie die Stirn

Arbeitslosenzahl sinkt leicht gegenüber dem Vormonat. Verbände fordern nun mehr Engagement bei Qualifizierungen und in der Ausbildung.

Ein Auszubildender an einer virtuellen Schweißmaschine. Viele Ausbildungsplätze sind in der Stadt noch unbesetzt.

Ein Auszubildender an einer virtuellen Schweißmaschine. Viele Ausbildungsplätze sind in der Stadt noch unbesetzt.

Foto: Christoph Schmidt / dpa

Berlin. Die Berliner Wirtschaft sieht erste Anzeichen für eine Verbesserung der Lage auf dem Beschäftigtenmarkt in der deutschen Hauptstadt. „Erstmals seit dem tiefen Einbruch im Frühjahr sehen wir leichte Anzeichen einer Stabilisierung auf dem Arbeitsmarkt. Die Zahl der Menschen in Kurzarbeit geht leicht zurück, die Unternehmen werden wieder zuversichtlicher, einige schaffen bereits wieder neue Arbeitsplätze“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck, am Dienstag mit Blick auf die neue Arbeitslosenstatistik. Für eine Entwarnung sei es aber noch viel zu früh.

Die Zahl der Menschen ohne Job in Berlin war im Vergleich zum Juli um rund 1000 gesunken. Insgesamt seien in der deutschen Hauptstadt im Monat August 214.303 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet gewesen, teilte die Bundesagentur für Arbeit am Dienstag.

Die Lage am Arbeitsmarkt habe sich inmitten der Corona-Pandemie für viele unerwartet positiv entwickelt, hieß es. Allerdings lag die Zahl der Arbeitslosen um 58.055 höher als ein Jahr zuvor. Die Arbeitslosenquote in Berlin erreichte im August 10,7 Prozent. Das waren 0,1 Prozentpunkte weniger als im Vormonat, aber 2,7 Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor.

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UVB: Aufwärtstrend nicht nur Unachtsamkeit gefährden

„Die Zahlen zeigen, dass es den Unternehmen gelingt, der Pandemie die Stirn zu bieten und zugleich erfolgreich zu wirtschaften. Hier hilft allerdings nach wie vor das Instrument der Kurzarbeit. Von den guten Arbeitsmarkt-Daten der vergangenen Jahre sind wir weit entfernt“, so Amsinck weiter. Es gelte jetzt, den Aufwärtstrend nicht durch Unachtsamkeit zu gefährden und das Infektionsgeschehen im Griff zu behalten, erklärte er auch mit Blick auf die Demonstration von sogenannten Corona-Leugnern am Wochenende in Berlin. Dort wurden geltenden Abstands- und Hygieneregeln mitunter nicht eingehalten.

Die Regionaldirektion der Arbeitsagentur teilte mit Blick auf die Zahlen mit, dass sich der Arbeitsmarkt in der Region stabilisiert habe. „Seit April wurde es von Monat zu Monat schlechter. Umso schöner, dass die Daten jetzt in eine andere Richtung zeigen“, sagte der Geschäftsführer der Regionaldirektion, Marcus Weichert, am Dienstag. Eine Trendwende für alle Branchen sehe er aber nicht.

Es sei weiterhin wichtig, das Erreichte nicht zu gefährden. Weitere Einschränkungen würden Teile der Wirtschaft wohl nicht überleben, mutmaßte Weichert. Zudem würden einige Unternehmen auch weiterhin Unterstützung benötigen. „Aufgabe der Politik ist es, prinzipiell gesunden Geschäftsmodellen unter die Arme zu greifen“, sagte er. Das könne auch durch neue Hilfsprogramme geschehen.

IHK: Konsequent auf lebenslanges Lernen setzen

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin sieht auf Wirtschaft und Politik in der Hauptstadt trotz der besseren Arbeitsmarktzahlen große Aufgaben zukommen. „Dass im Gegensatz zum Vormonat weniger Menschen ihre Arbeit verloren haben und gleichzeitig mehr Arbeitslose in Jobs vermittelt werden konnten, ist ein erster Hoffnungsschimmer für den vom Corona-Schock getroffenen Berliner Arbeitsmarkt“, sagte Kammer-Präsidentin Beatrice Kramm.

Weiterhin erklärte Kramm, damit sich dieser Trend fortsetzte, müsse konsequent auf lebenslanges Lernen gesetzt werden. Das beginne am Anfang der beruflichen Laufbahn mit der dualen Ausbildung, ziehe sich dann weiter durch die Erwerbsbiografie der Menschen und manifestiere sich in der Frage nach geeigneten Qualifizierungsmaßnahmen für die Beschäftigten.

„Es ist richtig, dass die durch Kurzarbeit freigewordene Zeit für weitere Qualifizierungen genutzt werden sollte und auch, dass Berlin das Kurzarbeitergeld während der Qualifizierung aufstocken will. Was die Hauptstadt jetzt braucht, sind nachhaltige und zukunftsgerichtete Konzepte, damit Qualifizierung nicht am Bedarf der Wirtschaft vorbei erfolgt und Beschäftigte wie Betriebe zukünftig krisenfest aufgestellt sind“, forderte die IHK-Präsidentin.

Zahl der zurückgegangenen Ausbildungsplätze macht Sorgen

Mit Blick auf den Start des Ausbildungsjahres müsse es nun darum gehen, die 5.060 freien Ausbildungsplätze konzertiert mit allen Partnern im Land Berlin bis Februar 2021 zu besetzen, sagte Kramm. Auch UVB-Chef Christian Amsinck sagte, jungen Menschen stünden die Türen offen. „Wer sich jetzt rasch bewirbt oder sich an die Jugendberufsagenturen wendet, kann den Karrierestart noch schaffen“, erklärte er.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in der Region forderte die Betriebe hingegen auf, das Ausbildungsplatzangebot nachzubessern. „Vor allem in Berlin ist die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze vom ohnehin niedrigen Niveau deutlich zurückgegangen, das macht uns Sorgen“, sagte der Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, Christian Hoßbach.

Als Reaktion auf die Corona-Krise hatten zum Beispiel Betriebe aus der Hotel- und Gaststättenbranche die Zahl der Lehrstellen deutlich verringert. Hoßbach sagte, die Unternehmen müssten jetzt prüfen, ob sie kurzfristig Ausbildungsplätze nachlegen können, um nicht in den Fachkräftemangel von morgen hineinzulaufen.