Tarifstreit

Mitten in der Corona-Krise: Warum auf dem Bau Streiks drohen

Eigentlich läuft es in der Bauwirtschaft gut, nach dem Corona-Einbruch erholt sich die Branche schnell. Doch jetzt drohen Streiks.

Beispielloser Wirtschaftseinbruch wegen Corona-Pandemie

Die deutsche Wirtschaft ist wegen der Coronavirus-Pandemie im zweiten Quartal 2020 um mehr als zehn Prozent eingebrochen, das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1970.

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Berlin. Die Bauwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren zum deutschen Konjunkturmotor entwickelt. Die Krise ließ zwar auch diesen Motor stottern, dennoch kam der Bau deutlich besser als andere Wirtschaftszweige durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie.

Und doch steht dem wichtigen Wirtschaftszweig unter Umständen ein turbulenter Herbst bevor. Denn im Streit um neue Tarifverträge konnten sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber bisher nicht einigen. Jetzt droht sogar mitten in der Corona-Krise ein Streik.

Mehr Aufträge auf dem Bau – trotzdem drohen Streiks

Der Auftragsrückgang im ersten Halbjahr lag bei 3,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Und die Tendenz zeigt aufwärts. Im Vergleich zum Mai gingen im Juni 12,4 Prozent mehr Eingänge ein. Und nicht nur das: Mit einem Auftragseingang von 8,3 Milliarden Euro wurde der beste Juniwert erzielt, der je gemessen wurde.

Es könnten also Zuversicht und Optimismus in der Branche überwiegen. Doch stattdessen herrscht Streit. Der Grund liegt in der laufenden Tarifverhandlung. Weil sich die Gewerkschaft IG Bau mit den Arbeitgeberverbänden des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB) und des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes (ZDB) nicht auf einen Abschluss einigen konnte, beginnt ab heute die für zunächst zwei Tage angesetzte Schlichtung.

IG BAU wirft Arbeitgebern Verantwortungslosigkeit vor

Die IG Bau fordert unter anderem 6,8 Prozent mehr Lohn und ein Wegegeld. Zwei Wochen haben beide Seiten dann Zeit, sich zu einigen. Klappt das nicht, drohen Streiks. „Sollte die Schlichtung platzen, werden wir uns auch ohne die Möglichkeit von Massendemonstrationen Formen des kreativen Arbeitskampfes einfallen lassen, die die Unternehmen natürlich wirtschaftlich spüren würden“, sagte IG-Bau-Chef Robert Feiger unserer Redaktion.

Er warf den Arbeitgebern Verantwortungslosigkeit vor: „Uns ist klar, dass es am Ende ein Kompromiss sein wird. Aber bisher haben sich die Arbeitgeber im höchsten Maße verantwortungslos präsentiert. In der Schlichtung erwarten wir, dass sich dieses Verhalten ändert“, sagte Feiger.

In den bisherigen Verhandlungen hätte die Arbeitgeberseite kein Angebot vorgelegt. Das stößt Feiger übel auf: „Die Bauarbeiter sind sauer. Sie arbeiten die Krise durch und hören von der Arbeitgeberseite nur, dass man nicht mehr Lohn zahlen will, weil die Gefahr besteht, dass irgendwann die Folgen der Krise doch noch auf den Bau überschwappen könnten. Das lassen wir nicht durchgehen.“

Beide Seiten nutzen die aktuellen Zahlen für sich

Die aktuellen Zahlen zur Auftragslage wollen beide Seiten für ihre Argumentation nutzen. ZDB-Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa sprach von einer „deutlichen Überzeichnung der Nachfrage­entwicklung“, da der Juni-Auftragseingang durch Großprojekte geprägt sei – etwa im Schienenverkehr. Solche Aufträge seien aber gerade für mittelständische Bauunternehmen nicht repräsentativ.

IG-Bau-Chef Feiger interpretiert die Zahlen anders. Er sieht sie als Zeichen, dass die Krisenverun­sicherung der Auftraggeber gewichen ist. Dabei argumentiert er auch mit dem Wohnungsbau. Dieser liege im ersten Halbjahr mit rund 150.000 Wohnungsbaugenehmigungen 8,2 Prozent über dem Vorjahreszeitraum, wo es noch keine Pandemie gab.

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