Energiewirtschaft

Warum Deutschland 1000 neue Windräder pro Jahr braucht

Kerstin Andreae, Verbandschefin der Energiewirtschaft, fordert im Interview mehr Öko-Kraftwerke und geringere Kosten für Verbraucher.

Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des BDEW, fordert mehr Tempo bei der Energiewende.

Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des BDEW, fordert mehr Tempo bei der Energiewende.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Klimaneutralität? „Je schneller, desto besser“, sagt Kerstin Andreae. Die frühere Grünen-Politikerin ist seit November 2019 Cheflobbyistin der deutschen Energiewirtschaft. 1000 zusätzliche Windräder an Land seien nötig – und zwar jedes Jahr, sagt die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Sie waren Politikerin der Grünen im Bundestag, bevor Sie jetzt einen der größten Wirtschaftsverbände der Republik führen. Haben Ihre Kinder an den Klima-Demonstrationen der Fridays for Future-Bewegung teilgenommen?

Kerstin Andreae: Meine elfjährige Tochter hat in der Schule diverse Plakate für die Demonstrationen gemalt. Hingegangen ist sie aber nicht, die waren ihr dann wohl doch zu groß und unübersichtlich. Für sie ist das aber ein großes Thema. Wenn unsere Familie, wie ursprünglich geplant, nach Irland in den Sommerurlaub gereist wäre, hätten wir den Zug genommen. Denn meine Tochter weigerte sich, in ein Flugzeug zu steigen. Zwei volle Tage und zwei Übernachtungen hätten wir dafür gebraucht.

Ein großes Zugeständnis. Was halten Sie von dem Fridays for Future-Phänomen?

Andreae: Ich finde es faszinierend. Vorher gab es eine lange Diskussion über die vermeintlich unpolitische Jugend, dann kam diese Bewegung mit Wucht, Konsequenz und Kreativität. Ihr kann sich keiner entziehen, die Politik nicht, die Wirtschaft nicht.

Bis 2050 soll der Kohlendioxid-Ausstoß nahe Null sinken, plant die Bundesregierung. Das dauert noch 30 Jahre. Müsste es nicht schneller gehen?

Andreae: Die Energiebranche tut, was sie kann. Sie hält die Ziele der Bundesregierung ein, oder wird sie sogar übererfüllen. Und das, obwohl der Klimaschutzplan der Bundesregierung einen echten Kraftakt darstellt. Trotzdem gilt: Je schneller, desto besser.

Geht die Energiewende vielen Firmen in Ihrem Verband nicht zu schnell?

Andreae: Im Gegenteil, die sagen eher, es laufe zu langsam. Vor allem wünschen sie sich klare politische Rahmenbedingungen, damit sie ihre Investitionen in die Erneuerbaren Energien auch planen können. Deswegen ärgerten sich viele Unternehmen, dass die Regierung so lange an der Obergrenze für den Ausbau der Sonnenstrom-Kraftwerke festhielt und gleichzeitig einen strengen Mindestabstand für neue Windräder von Siedlungen festschreiben wollte. Als der Solardeckel endlich fiel, ging ein Aufatmen durch die Branche. Bei der Windenergie sind jetzt die Bundesländer gefragt, Flächenbegrenzungen beim Ausbau zu vermeiden. Die Firmen wollen mehr und schneller in die saubere Energie der Zukunft investieren.

Viele Mitgliedsfirmen Ihres Verbandes leben noch von der Kohleenergie. Geht denen die Energiewende nicht total auf die Nerven?

Andreae: Nein. Es geht nicht um die Frage des Ob, sondern um das Wie. Den Herausforderungen durch den Klimawandel kann sich keiner entziehen. Um es mal so zu sagen: Auch Managerinnen und Manager haben Kinder, die an den Klimademos teilnehmen. Die Firmen sehen die Veränderungen. Bald beschließt der Bundestag das Gesetz zum Ausstieg aus der Kohleenergie. Spätestens 2038 soll Schluss sein. Niemand kämpft jetzt noch um weitere Jahre für die Kohle. Die zentrale Frage lautet: Wie gestaltet die Politik den Investitionsrahmen, um in die neue Energiewelt zu gelangen?

Der BDEW fechtet für die Kohle, indem er fordert, dass die Betreiber für jedes Kraftwerk, das sie stilllegen müssen, entschädigt werden.

Andreae: Wir kämpfen um einen fairen Ausgleich, damit diese Unternehmen in Erneuerbare Energien investieren können. Und es geht hier um klare rechtsstaatliche Grundsätze: Wenn der Staat verordnet, dass Anlagen abgeschaltet werden, greift er in privates Eigentum ein. Dann geht an Entschädigungen kein Weg vorbei. Das gilt umso mehr, als manche Steinkohlekraftwerke ihre Kapitalkosten noch nicht erwirtschaftet haben.

Andere sind schon lange geschrieben und produzieren nun einfach Geld. Warum soll man die Betreiber aus Steuermitteln beschenken?

Andreae: Auch diese – zumeist kommunalen – Unternehmen brauchen die Einnahmen, um in die Zukunft zu investieren.

Der Bau neuer Windräder ist oft stark umstritten. Bürgerinnen und Bürger wehren sich vor Ort. Benötigt Deutschland mehr Rotoren als heute?

Andreae:Ja. Wenn wir die Klimaschutzziele einhalten wollen, müssen wir pro Jahr ungefähr 1.000 Windräder an Land zusätzlich errichten. Das klingt viel, sollte angesichts der Größe des Landes aber eigentlich kein Problem darstellen. Ich bin mir sicher, dass viel mehr Leute Windenergie gut und sinnvoll finden, als es Kritiker gibt. Trotzdem müssen wir alle mehr für die Erneuerbaren Energien als saubere, bezahlbare und sichere Energiequellen werben.

Die mangelnde Akzeptanz liegt auch daran, dass viele technische Probleme ungelöst sind. Warum hat die Energiewirtschaft bislang kaum Speicherkapazitäten für Strom aus erneuerbaren Energien geschaffen?

Andreae: Die Speicherung ist eine zentrale Frage der Energiewende. Überschüssigen Strom aus Wind- und Solaranlagen kann man verwenden, um Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zu spalten. Letzterer lässt sich gut speichern, transportieren und später als Brennstoff nutzen. Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie macht die Bundesregierung hier einen Anfang und nimmt viel Geld in die Hand, um diese Technologie zu entwickeln.

Sonnenkraftwerke sind weniger umstritten als die riesigen Rotoren. Auf dem Land haben schon viele Häuser Solarzellen auf dem Dach. Warum nicht auch in den Städten?

Andreae: Die Photovoltaik wurde in den Städten tatsächlich sträflich vernachlässigt. Das liegt auch an dem unzureichenden Mieterstrom-Gesetz und zu viel Bürokratie. Wir erhoffen uns einen Schub durch die anstehende Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Sie haben Recht: die Energiewende muss in die Städte gelangen.

Deutschland hat auch wegen der Ökostromumlage mit die höchsten Strompreise in Europa. Tut die Bundesregierung genug, um die hohen Kosten der Energiewende zu begrenzen?

Andreae: Die Regierung will die EEG-Umlage auf 6,5 Cent je Kilowattstunde reduzieren. Richtig, aber nicht genug. Die EEG-Umlage hätte auf fünf Cent gesenkt und auf diesem Niveau eingefroren werden müssen. Schließlich machen staatlich induzierte Abgaben inzwischen 53 Prozent des Strompreises aus. Innerhalb von zehn Jahren ist dieser Wert um mehr als zwei Drittel gestiegen. Die anderen Preisbestandteile, also Beschaffung, Vertrieb, Netzentgelte, sind dagegen im gleichen Zeitraum zusammengenommen nur um sechs Prozent gestiegen.

Der Börsenpreis für Strom sinkt. Warum geben die Anbieter das nicht an ihre Kunden weiter?

Andreae: Das betrifft vor allem das sehr kurzfristige Angebot, bei dem Strom für den nächsten Tag gehandelt wird. Stromanbieter kaufen aber auch langfristig ein. Und hier ist der Preis 2019 im Jahresschnitt gestiegen. Kein Unternehmen kann es sich leisten, Preissenkungen nicht weiterzugeben. Denn zu hohe Preise führen dazu, dass die Kunden zu günstigeren Anbietern wechseln. Das ist heute so einfach wie nie.

Erneuerbare Energien stehen bald für 50 Prozent unseres Stromverbrauchs. Doch Strom gibt es nur, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Ist die Versorgung noch sicher?

Andreae: Erstmal ist es großartig, dass der Anteil der erneuerbaren Energien innerhalb von 20 Jahren von nahe Null auf bald 50 Prozent gestiegen ist. Wir haben Tage, an denen wir schon mehr als 100 Prozent erreichen. Jetzt müssen wir dringend die Speicher entwickeln und die Stromnetze ausbauen, um diese Schwankungen abzufangen.

Im Bundestag waren Sie Mitglied der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, nach der nicht alle Entscheidungen am Bruttoinlandsprodukt gemessen werden sollten. Was bedeutet das für den Neustart der Wirtschaft nach der Corona-Krise?

Andreae: Wohlstand ist mehr als Wachstum. Aber Wachstum, das unsere Wirtschaft nachhaltig verbessert, brauchen wir. Erneuerbare Energien, Wasserstoff, Elektromobilität und grüne Gase beispielsweise sind die Bereiche, die wachsen müssen, um klimaschädliche Technologien zu verdrängen. Neben negativen und tragischen Entwicklungen in der Corona-Krise sehe ich auch eine positive: Wir denken jetzt wieder mehr darüber nach, wie wir künftig leben, arbeiten und unsere Nahrung produzieren wollen.