Vorzeigeprojekt

Wie Berlin mit dem CityLab Innovationen vorantreibt

Vor einem Jahr eröffnete das City Lab, das als Innovationstreiber die Verwaltung digitalisiert. Lob gibt es sogar von der Opposition.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) vor einem Jahr bei der Eröffnung des CityLab. Das Projekt soll auch Impulsgeber bei der Digitalisierung der Verwaltung sein.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) vor einem Jahr bei der Eröffnung des CityLab. Das Projekt soll auch Impulsgeber bei der Digitalisierung der Verwaltung sein.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. In der analogen Welt war das Zählen von Verkehrsteilnehmern eine vergleichsweise eintönige Arbeit: Wollten Bezirke etwa wissen, wie sich verkehrsplanerische Ideen auf die Straßen ausgewirkt haben, wurden mitunter ein paar Studenten für einige Tage rausgeschickt. Mit Stift und Zettel wurde dann festgehalten, was sich so bewegte: Autos, Fahrräder, Fußgänger.

Im CityLab, dem seit einem Jahr bestehenden Vorzeigeprojekt des Senats, ist dafür eine digitale Alternative entwickelt worden. Mit dem „Open Traffic Count“ übernimmt ein intelligentes Kamerasystem Verkehrszählungen – natürlich datenschutzkonform. Bilder werden in Echtzeit ausgewertet und müssen nicht zwischengespeichert werden. „Bezirke können damit Geld einsparen und viel effizienter zählen“, sagt Benjamin Seibel, Chef des CityLabs. Mithilfe der Technik ließen sich auch taggenaue Veränderungen erkennen. Also etwa, welchen Einfluss gesperrte Straßen oder neu aufgebaute Pop-up-Radwege haben, so Seidel.

Am Tag der Eröffnung blitzte und donnerte es

Am 12. Juni des vergangenen Jahres öffnete das CityLab in einem Gebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof erstmals die Türen für die Öffentlichkeit. Bereits 2016 hatte der Senat das Projekt angekündigt, dann passierte lange nichts. An dem Tag aber startete die Einrichtung furios: Es blitzte und donnerte. Auf die dann folgenden zwölf Monate blickt CityLab-Chef Seibel positiv zurück. „Wir sind super zufrieden und überrascht von der positiven Resonanz“, sagt er. Etwa 180 Veranstaltungen mit mehr als 5000 Teilnehmern seien seitdem durchgeführt worden. Das Projekt ist aber mehr als nur Forum und Ausstellung. Vor allem der häufig kritisierten und mitunter lahmenden Verwaltung soll das CityLab neue Impulse geben.

Das CityLab mit seinen acht Mitarbeitern arbeitet dabei ganz anders als es Beschäftigte in den Behörden gewohnt sind. „Wir gehen experimentell vor, probieren aus, setzen schnell um. Es geht nicht darum, dass dann alles zu 100 Prozent funktioniert, sondern darum, in dem Prozess zu lernen, wo die Baustellen sind“, erklärt der Projektleiter. In der Zusammenarbeit mit den Verwaltungen erzeuge das oftmals Reibung. „Man findet schnell Verbündete, aber auch Widerstände von Leuten, die sagen ,Wir haben das noch nie so gemacht’. Das ist uns bewusst, und wir nehmen das auch in Kauf, weil wir diese Spannung produktiv finden“, sagt Seibel.

„Gieß den Kiez“ über 50.000 mal aufgerufen

In den vergangenen Monaten seien verschiedene Projekte umgesetzt worden. Beispielhaft nennt Seibel „Gieß den Kiez“ – eine Plattform, mit der die Bewässerung der 650.000 Berliner Bäume besser koordiniert werden soll. Für jeden Baum sind dabei Informationen zu Art, Alter und geschätzter benötigter Wassermenge hinterlegt. Die Internetseite, die in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Umwelt, dem Pflanzenschutzamt und Bezirken entwickelt wurde, sei mittlerweile über 50.000 Mal aufgerufen worden, so Seibel. Nutzer können mitmachen und zum Beispiel eintragen, welche Bäume sie gegossen haben. Ein weiteres Projekt ist „Hack the Crisis“: Über die Plattform hatte das CityLab zu Beginn der Corona-Krise verschiedene Akteure – etwa Masken-Schneider – miteinander vernetzt. Aber auch bei der Planung von Pop-up-Radwegen habe das CityLab helfen können.

Mitarbeiter der Verwaltungen hätten dabei auch den Ort CityLab an sich schätzen gelernt. In den Räumen am früheren Flughafen herrsche eine ganz andere Atmosphäre als etwa in einem Bezirksamt. Der Austausch falle leichter. Auch der für die Digitalisierung der Verwaltung zuständige Staatssekretär in der Berliner Senatskanzlei, Frank Nägele (SPD), hat ähnliche Beobachtungen gemacht: „Meine These ist, dass wir kein Problem mit unseren Beschäftigten haben, sondern mit unseren Strukturen und Prozessen. Das bestätigt sich, wenn man die Menschen dort arbeiten sieht.“

Staatssekretär hofft auf Förderung durch den Bund

Das Land Berlin unterstützt das CityLab mit rund 1,5 Millionen Euro in diesem Jahr. Sichergestellt ist die Finanzierung bis in das Jahr 2021. „Mein Ziel ist es, dem CityLab im nächsten Doppelhaushalt 20/21 mehr Raum zu geben“, sagt Nägele. Der Politiker hat aber auch die Hoffnung, in diesem Jahr bei dem Smart-City-Förderprogramm des Bundes berücksichtigt zu werden. Bei der letzten Vergabe war Berlin noch leer ausgegangen. Mit dem neuen Corona-Konjunkturpaket hatte der Bund aber weitere Mittel bereitgestellt. Das Fördervolumen für jede Gewinner-Kommune betrage laut Nägele 17,5 Millionen Euro. Ein Drittel davon müsse Berlin aber selber stemmen. „Wenn das kommt, haben wir auch einen Hebel, unabhängig vom Doppelhaushalt beim CityLab nachzulegen,“ sagt er. Mit einer Entscheidung wird im Oktober gerechnet.

Ein Kritikpunkt am CityLab kommt von der Technologiestiftung Berlin, unter deren Dach das Projekt aufgebaut wurde, selbst. Viele Prototypen seien innerhalb des CityLabs entstanden, sagt der Vorstandsvorsitzende der Technologiestiftung, Nicolas Zimmer. „Ich würde mir wünschen, dass mehr von diesen Lösungsmöglichkeiten in den Regelbetrieb überführt werden“, so Zimmer. Das sei bisher noch nicht gelungen.

FDP: CityLab eines der wenigen Erfolgsprodukte des Senats

Dennoch lobt sogar die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus das Projekt. Das CityLab sei eines der wenigen Erfolgsprodukte des Berliner Senats, sagt der digitalpolitische Sprecher der FDP, Bernd Schlömer. „Die Digitalisierung öffentlicher und privater Bereiche ist nur dann ein Erfolgsmodell, wenn man sich kontinuierlich und systematisch Innovationen für die Zukunft erschließen kann. Dazu ist das CityLab das richtige Instrument, das man ruhig mit mehr Mitteln ausstatten darf“, erklärt er.

Mitunter fehle innerhalb der Verwaltung aber noch das Verständnis, was das CityLab leisten könne, beklagt Leiter Benjamin Seibel. „Wir können mit zwei Entwicklern nicht die E-Akte retten, und wir haben auch schon mal Anfragen bekommen, den Facebook-Kanal zu betreuen. Das müssen wir dann ablehnen“, sagt Seibel. Stattdessen will sich das Team auf echte Verbesserungen konzentrieren. Da ist zum Beispiel die Sache mit den Zebrastreifen. Innerhalb der Verwaltung seien dafür 18 Arbeitsschritte und etwa drei Jahre nötig. Der Zeitraum, glaubt Seibel, könne mit mehr digitalen Prozessen halbiert werden.