Corona

Berliner BMW-Werk: Motorrad-Produktion mit Abstandhalten

Nach der Corona-Pause ist die Serienfertigung im Spandauer BMW-Werk wieder angelaufen. Wegen der Hygienemaßnahmen leidet die Effizienz.

Produktion mit Abstandhalten: Montageleiter Christoph Mühlberg und Meister Christian Pohl am Band im BMW-Motorradwerk in Spandau.

Produktion mit Abstandhalten: Montageleiter Christoph Mühlberg und Meister Christian Pohl am Band im BMW-Motorradwerk in Spandau.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Das wohl kleinste Hilfsmittel im Kampf gegen das Coronavirus ist grau und sieht ein wenig so aus wie ein überdimensionierter Flaschenöffner. Im BMW-Motorradwerk in Spandau ist das Teil aus dem 3D-Drucker an zahlreiche Türen angebracht. Mitarbeiter müssen dank der Vorrichtung Türen nicht mehr mit der Hand öffnen, können sich stattdessen durch Unterhaken des Ellenbogens Zugang verschaffen. Innerhalb des Werks steht das Bauteil auch dafür, dass es Standortleitung und Mitarbeitern gelungen ist, die Produktion in einem der größten Industriebetriebe Berlins coronatauglich aufzustellen.

Die Pandemie hatte auch das BMW-Werk unvorbereitet getroffen. Am 20. März war am Standort die Serienfertigung der Maschinen heruntergefahren worden. Mehr als ein Monat lang standen die Bänder still. Lediglich in einem kleineren Bereich auf dem Werksgelände sind noch sogenannte Projektfahrzeuge gefertigt worden. Die Stückzahl aber war überschaubar. „Das waren fünf bis zehn am Tag“, sagt Werksleiter Helmut Schramm. Im Normalbetrieb werden im Spandauer Motorradwerk 800 Maschinen täglich produziert.

BMW in Berlin: Wegen Corona war zeitweise ein Großteil der Belegschaft in Kurzarbeit

Wegen des Aussetzens der Produktion mussten im April 1400 der 2100 Mitarbeiter am Standort in Kurzarbeit gehen. Die übrige Belegschaft– unter anderem Ingenieure, aber auch Bereiche der Verwaltung und auch Schramm selbst – arbeiteten im Homeoffice. Seit dem 4. Mai aber ist das Leben zurück auf dem Gelände im Berliner Nordwesten. Seitdem fährt die Serienfertigung wieder hoch. Mittlerweile sind alle Mitarbeiter wieder aus der Kurzarbeit zurück – und doch ist alles anders als vorher.

Thomas Brückner steht in der Motorenmontage und breitet die Arme aus. „Wenn wir uns mit den Fingern nicht berühren können, haben wie die 1,50 Meter Abstand eingehalten“, sagt Brückner, der Produktionsleiter für diesen Bereich ist. Die Pause haben er und seine Kollegen auch dazu genutzt, um zu überlegen, wie die Arbeit im Werk mit Blick auf die Abstands- und Hygieneregeln neu organisiert werden könnte. Arbeitsplätze sind unter anderem mit durchsichtigen Kunststoffvorhängen voneinander abgetrennt worden. Gut für die Belegschaft: Wegen der separierten Arbeitsplätze besteht während der Schicht keine Pflicht zum Tragen von Atemschutzmasken. Viele Arbeiter würden aber von sich aus den Mund-Nasen-Schutz tragen. Der bayrische Automobilkonzern stellt pro Mitarbeiter und Schicht vier Masken zur Verfügung.

BMW-Werksleiter: Corona-Maßnahmen werden wohl eine Zeit lang Bestand haben

Corona-bedinge Veränderungen gibt es auch am Band in der Fahrzeugproduktion: Bislang bewegten sich die Motorräder über die Fördersysteme ganz langsam durch die Hallen. Jetzt hat BMW die Fertigung hin zu einem getakteten Bandbetrieb verändert. „Das Fahrzeug steht stationär im Takt. Dadurch ist stets ein Abstand von drei Metern zwischen den einzelnen Mitarbeitern gewährleistet“, erzählt Christoph Mühlberg, stellvertretender Montageleiter in der Fahrzeugfertigung.

Auch den Schichtwechsel hat BMW wegen Corona verändert. Zuvor begegneten sich Früh- und Spätschicht stets am Arbeitsplatz. Den Übergang hat der Konzern entzerrt und betriebliche Pausen eingeführt. In einigen Bereichen ruht zwischen den Schichten die Produktion bis zu eine Stunde lang. Auch Pausen wurden anders organisiert: Die Kantine bietet vermehrt Speisen zum Mitnehmen an, vielfach verbringen die Mitarbeiter ihre Ruhephasen vor den Hallentoren auf dem Hof. Werksleiter Helmut Schramm rechnet damit, die Maßnahmen bis auf Weiteres so aufrechterhalten zu müssen. „Das Thema Corona wird uns noch über Monate, vielleicht sogar bis nächstes Jahr begleiten. Deswegen glaube ich, dass dieser Zustand erstmals eine Weile anhalten wird“, so Schramm.

Keine Prognose, ob Stückzahl aus dem vergangenen Jahr gehalten werden kann

Allerdings: Wegen der Corona-Maßnahmen werden im Spandauer BMW-Werk weniger Zweiräder pro Schicht als zuvor produziert. „Wir verlieren etwas an Effizienz, so zwischen 10 und 15 Prozent“, gibt Schramm zu. Die Stückzahl könne man aber wieder aufholen, zum Beispiel durch Arbeit an einem Sonnabend, so der Standortleiter. Im vergangenen Jahr hatten das Werk noch 155.367 Maschinen verlassen. Ob das Volumen gehalten werden könne, ließ Schramm offen. „Wir werden das produzieren, was der Kunde haben will und schauen, wie sich der Markt verhält“, erklärt er.

Derzeit sieht Schramm trotz der finanziell angespannten Lage vieler Bundesbürger dennoch positive Signale bei der Nachfrage in Deutschland. „Weil der Urlaub wegfällt denken vielleicht einige Menschen eher darüber nach, ihr Geld für ein neues Motorrad auszugeben“, sagt Schramm, der das Werk in Spandau seit 2017 leitet.

Fertigung der voll-elektrischen Motorräder soll noch in diesem Jahr ausgebaut werden

Etwa 60 Millionen Euro investiert der BMW-Konzern jedes Jahr in das Berliner Werk. In diesem Jahr werde es wohl etwas weniger sein, sagt Schramm. An vielen Projekten werde trotz Corona allerdings festgehalten. Der Produktionsstart der neuen „R18“, einem Cruiser-Bike, mit dem BMW Harley-Davidson einige Kunden abjagen will, sei planmäßig verlaufen.

Auch das neue Modell des voll-elektrischen Motorrads „C evolution“ soll bald erstmals gebaut werden. „Wir werden die Fertigung in dem Bereich zeitnah umbauen und auch ausbauen. Die neue Serienproduktion wird deutlich größer sein“, kündigt Schramm an. Das Elektro-Bike, das vor allem im Ausland gefragt ist, wird bereits seit fünf Jahren in Spandau produziert. Bislang allerdings war die Stückzahl überschaubar: Etwa 20 Elektro-Motorräder am Tag wurden zuletzt gebaut.