Wohlfahrtsverband

Caritas-Präsident Neher dringt auf Hartz-IV-Aufstockung

Caritas-Präsident Peter Neher sieht in der Corona-Krise eine Verschärfung der sozialen Ungleichheit. Er will grundlegende Veränderungen.

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Berlin. Der Deutsche Caritasverband ist nicht nur der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche in Deutschland, er ist mit knapp 660.000 Mitarbeitern auch der größte privatrechtliche Arbeitgeber. Viele von ihnen sind in der Pflege und in der Sozialberatung tätig und wurden durch die Corona-Krise vor besondere Herausforderungen gestellt.

Caritas-Präsident Peter Neher spricht im Interview darüber, wie sich die Wohlfahrtsarbeit in der Krise verändert, warum sich soziale Ungleichheiten zu verschärfen drohen und ob der Besuch von Angehörigen in Altenheimen zu Pfingsten bereits wieder angebracht ist.

Herr Neher, das Pfingstfest steht bevor, Gläubige kommen in Kirchen wieder zusammen, auch Besuche in Alten- und Pflegeheimen sind vielerorts wieder möglich. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung oder gehen die Lockerungen zu schnell?

Ich bin mit der Entwicklung durchaus zufrieden. Wichtig ist mir, dass die Lockerungen regional unterschiedlich gehandhabt werden. Dort, wo es vermehrt zu Infektionen kommt, muss entsprechend reagiert werden. Dass Besuche in der stationären Altenhilfe wieder möglich sind, begrüße ich. Aber klar ist auch, dass es dafür genügend Schutzmasken, Schutzkleidung und Corona-Tests geben muss.

Die Caritas betreut über 25.000 Einrichtungen, darunter Altenpflegeheime. Ist die Versorgung mit Schutzkleidung bei Ihnen problematisch?

Zu Beginn der Krise war das ein Riesenproblem. Viele der Mitarbeiter haben sich angesteckt, in einem Altenpflegeheim in Sankt Augustin mussten fast alle Mitarbeiter in Quarantäne. Das war ein Ausnahmefall, aber er zeigt, wie ungenügend die Versorgung war. Mittlerweile hat sich die Situation verbessert. Bei den Test-Möglichkeiten bleiben dagegen Fragen.

Zum Beispiel?

Wie zuverlässig sind die Tests mittlerweile? Wie sehr ist eine Corona-Infektion bei einem negativen Test wirklich auszuschließen? Insgesamt hat sich die Qualität der Tests offenbar aber bereits deutlich verbessert.

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Über das lange Pfingstwochenende werden viele Menschen nach Hause fahren. Sollten sie ihre Angehörigen in den Altenheimen besuchen oder lieber Abstand wahren?

Dort, wo es möglich ist, wo Schutzkonzepte vorhanden sind und Räume der Begegnung geschaffen wurden, sind Besuche zu empfehlen – sowohl im Interesse der Heimbewohnerinnen und -bewohner, als auch im Interesse der Angehörigen. Denn auch für sie war es eine sehr schwere Phase.

Für viele ältere Menschen brach der soziale Kontakte zu ihren Angehörigen von einem auf den anderen Tag weg. Was hat die Caritas getan, um zu helfen?

Unsere Mitarbeiter haben unheimlich viel unternommen. In kürzester Zeit wurde es den Menschen ermöglicht, digital den Kontakt zu halten. Einige Träger haben Briefaktionen organisiert und es gab jede Menge Nachbarschaftshilfe. Es war schön zu sehen, wie viel in kurzer Zeit bewegt wurde. Und natürlich haben auch die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege versucht, so viel wie möglich aufzufangen. Es war eine intensive Zeit, der Anspruch war enorm. Das war nicht leicht für die Teams.

Hatten Sie genug Mitarbeiter, um dieser Situation gewachsen zu sein?

Dass Pflegekräfte fehlen, war ja schon vor der Corona-Krise der Fall. Die Krise hat diese Situation jetzt noch einmal zusätzlich verschärft. Sie haben diese Krise gut gemeistert, daher gebührt den Pflegekräften großer Respekt und Dank.

Der wird ihnen unter anderem in Form einer Bonuszahlung gewährt.

Die von der Bundesregierung beschlossene Bonuszahlung ist gut gemeint, insgesamt aber nicht zufriedenstellend. Eine einmalige Sonderzahlung kann doch nicht die Lösung sein. Es braucht eine angemessene Bezahlung, die muss über adäquate Tarife erfolgen. Hier muss man den Hebel ansetzen. Hinzu kommt, dass die Bonuszahlungen einzelne Bereiche nicht berücksichtigen. Pflegekräfte für Menschen mit Behinderung erhalten beispielsweise keinen Bonus.

Sollten dann auch die Tarifverträge der Caritas-Mitarbeiter angepasst werden?

Im Vergleich mit anderen Trägern ist die Bezahlung unter den Tarifbedingungen der Caritas schon jetzt deutlich besser. Letztlich ist das aber immer auch eine Frage der Refinanzierung. Die Kosten müssen von den Kostenträgern übernommen werden, hinzu kommen Unterschiede in den Bundesländern.

Über 80 Prozent der Caritas-Mitarbeiter sind Frauen. Sie gelten als Krisenverlierer, da sie zunehmend in eine traditionelle Rolle gedrängt werden. Sehen Sie das auch so?

Die Geschlechtergerechtigkeit ist ein ganz wichtiger Punkt. Frauen sind in der Krise besonders belastet, neben dem Home-Office übernehmen sie häufig auch noch das Home-Schooling der Kinder, wenn die Kita oder die Schule geschlossen hat. Wenn es selbstverständlich erscheint, dass der Mann der Arbeit nachgeht und die Frau der Kinderbetreuung, dann sagt das etwas über die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern aus. Das Ergebnis kann uns nicht zufriedenstellen.

Wie geht die Caritas damit um?

Auch wir sind an unsere Grenzen gekommen, denn natürlich sind auch wir beim Deutschen Caritasverband ins Home-Office gegangen. Wenn Schulen und Kitas geschlossen sind, können wir nur bedingt entlasten. Daher ist es so wichtig, dass die Schulen und Kitas mit Schutzkonzepten und entsprechend vorbereitetem Personal bald wieder öffnen können.

Neben der Geschlechtergerechtigkeit wird auch befürchtet, dass sich soziale Ungleichheiten verschärfen.

Diese Befürchtung teile ich. Das sieht man schon beim Home-Schooling. Wenn ein Kind in einer adäquaten Wohnsituation lebt und lernt, ist das etwas völlig anderes, als wenn es sich in einer beengten Umgebung befindet. Die unterschiedliche schulische Entwicklung je nach sozialer Herkunft ist durch Studien belegt. Jetzt drohen viele Kinder abgehängt zu werden. Aber das geht noch weiter. Wir haben seit Jahre eine Wohnungsproblematik, es fehlen massiv Sozialwohnungen. Auch hier wird die Krise die Situation verschärfen. Und arme Familien, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind und ohnehin jetzt schon mehr schlecht als recht über die Runden kommen, haben beispielsweise kaum Geld für Schutzmasken, Desinfektionsmittel und zusätzliche Bedarfe durch die Krise.

Grüne und Linke wollten daher einen Corona-Zuschlag für Hartz-IV-Empfänger durchsetzen. Das wurde im Bundestag abgelehnt.

Auch hier fängt das Problem schon früher an. Der Hartz IV-Satz ist grundsätzlich zu niedrig. Unsere Berechnungen haben ergeben, dass er zwischen 70 und 80 Euro höher sein müsste, hier muss dringend aufgestockt werden. Die Krise verschärft die Situation noch. Es ist wichtig, dass der Staat nicht mit der Gießkanne Gelder verteilt, denn es ist immer noch das Geld der Bürger und das muss sinnvoll und gezielt eingesetzt werden. Aber Einzelne, die das Geld bitter nötig haben, könnten einen solchen Zuschlag gut gebrauchen.

Sie erhalten jetzt vielleicht dennoch einen Zuschlag, Finanzminister Olaf Scholz plant eine Zahlung von 300 Euro für Familien.

Das ist aber Geld, das nicht alle Familien nötig haben. Ich bin dafür, dass sehr genau geprüft wird, wer jetzt Hilfe braucht und dann gezielt gefördert wird.

Die Caritas bietet viele Sozial-Beratungen an. War das in der Krise überhaupt möglich?

Die Beratungssituation hat sich stark verändert. Vor der Krise fanden Beratungen meist persönlich vor Ort in den Beratungsstellen statt. Seit einem Jahr haben wir unsere Online-Beratung neu aufgestellt und das hat sich jetzt bewährt. Wir haben in der Krise 400 neue Online-Beraterinnen und -Berater geschult und haben derzeit rund 1000 Kontakte mit Klientinnen und -Klienten pro Tag. Vor der Krise waren es 300. Außerdem haben wir neue digitale Beratungsangebote für junge Erwachsene sowie zu dem Thema Migration und Asyl geschaffen.

Eine Sozialberatung ist oft auch etwas sehr Persönliches. Funktioniert so etwas überhaupt digital?

Es funktioniert sogar sehr gut, da es ein niedrigschwelliges Angebot ist. In der Krise ist beispielsweise die Schuldnerberatung sehr wichtig, insbesondere für viele Alleinstehende und Selbstständige ist das in der Krise ein Riesenthema. Sie haben nicht die Hürde, zu einer Beratungsstelle zu gehen, sondern können sich auf einfachem Wege online Hilfe suchen. Die Hilfsangebote sind dabei per PIN gesichert, sodass der Datenschutz und eine absolute Vertraulichkeit auch im Netz sichergestellt werden können. Wer sich trotzdem lieber persönlich in einer Beratungsstelle beraten lassen möchte, kann das mittlerweile auch wieder tun, viele unserer Stellen sind wieder geöffnet.

In Krisen halten die Menschen traditionell ihr Geld zusammen. Macht sich das bei Ihnen bei den Spenden bemerkbar?

Gespendet kann bei der Caritas sowohl auf der regionalen und örtlichen Ebene, für Projekte hier in Deutschland, als auch für unser internationales Hilfswerk Caritas international. Caritas international hat einen Corona-Fonds für die internationale Hilfe aufgelegt, bisher sind über 1,5 Millionen Euro zusammengekommen. Das ist deutlich weniger als bei großen Naturkatastrophen. Dabei haben wir viele Spenderinnen und Spender, bei denen Wirtschaftskrisen nicht unbedingt eine Rolle für das Spendenverhalten spielen, etwa Pensionäre und Rentner. In der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 hatten wir kaum Einbrüche. Jetzt aber ist es anders. Die Corona-Pandemie sorgt überall für Unsicherheit, viele sorgen sich um ihre Kinder und Enkel und spenden weniger.

Wie verhält es sich mit nicht monetären Spenden?

Es gab eine hohe Spendenbereitschaft an Sachspenden. Das war oft gar nicht so einfach, denn unsere Annahmestellen hatten ebenfalls geschlossen. Zudem haben wir ein ausgeprägtes Spendenverhalten von großen Unternehmen wahrnehmen können. Jack Wolfskin beispielsweise hat Mitarbeiter in der stationären Altenpflege mit Jacken ausgerüstet, Beiersdorf hat Hygiene- und Pflegeprodukte gespendet, Deichmann hat Schutzmasken gespendet und auch Lebensmittelspenden für die Tafeln haben wir von großen Ketten erhalten.

Die frühere Thüringer Ministerpräsidenten Christine Lieberknecht (CDU) hat den Kirchen vorgeworfen, Hunderttausende Menschen allein gelassen zu haben. Fühlen Sie sich als kirchlicher Verband angesprochen?

Wenn man einen solchen Satz hört, dann macht man sich Gedanken. Um es klar zu sagen: Caritas und Diakonie sind Kirche. Und ich weise es entschieden zurück, dass wir nicht präsent waren. In allen sozialen Diensten, in der Pflege, in Krankenhäusern und in der politischen Debatte waren wir in Tat und Wort hoch engagiert. Und auch die Seelsorger der Kirchen waren überall dort, wo es die Vorschriften und die Hygienebedingungen zugelassen haben. Alle haben im Rahmen des Möglichen und weit darüber hinaus ihr Bestes gegeben. Da halte ich eine solche Aussage fast schon für böse, in jedem Fall aber für unangemessen.

In Frankfurt am Main wurde eine Baptisten-Gemeinde nun zum Corona-Hotspot. Ist es richtig, Gottesdienste zuzulassen?

Die Öffnung der Kirchen erfolgt sehr verantwortungsvoll nach einer harten und schweren Zeit, das sage ich nicht nur als katholischer Pfarrer, sondern auch für die vielen Christen, die Gottesdienste vermisst haben. Die Pandemie ist in die Hochzeit des christlichen Glaubens gefallen und hat Gottesdienste zum Osterfest nicht ermöglicht. Jetzt ist es aber richtig, dass geöffnet wird. Anders wäre es auch unangemessen, wenn Biergärten und Kaufhäuser wieder öffnen dürften, Kirchen aber geschlossen bleiben müssten.

Werden sich Gottesdienste dauerhaft verändern?

Solange die Situation so wie bisher ist, werden Restriktionen bleiben. Aktuell wird in den Gottesdiensten beispielsweise nicht gesungen. Das ist nicht schön, aber notwendig. Trotzdem hoffe ich sehr, dass wir diese Form der Gottesdienste nicht lange führen müssen. Denn Gottesdienste leben auch von der Begegnung und dem sozialen Miteinander.

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