Corona-Krise

Flughafenverband dringt auf Rückkehr zur Reisefreiheit

Der Präsident des Flughafenverbands ADV fordert in der Corona-Krise Staatshilfen und einen Fahrplan für die Öffnung des Reiseverkehrs.

Reisen und Coronavirus: Wohin kann ich jetzt fahren?

Hotels und Ferienwohnungen waren lange leer: Wann hat das ein Ende? Millionen Deutsche wollen raus und Urlaub machen. Klappt Camping oder gar eine Auslandsreise? Wir klären im Video auf.

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Frankfurt/Main. Die riesige Abflugtafel des Frankfurter Flughafens zeigt in normalen Zeiten die Starts der nächsten drei Stunden. In der Corona-Krise reicht sie für den ganzen Tag – und jede zweite Verbindung ist ein ICE vom Flughafenbahnhof.

Stefan Schulte, Präsident des Flughafenverbands ADV und Chef des Flughafenbetreibers Fraport, nimmt Platz auf einer Wartebank im menschenleeren Terminal 1.

Herr Schulte, mit welchem Gefühl gehen Sie durch die leeren Terminals?

Stefan Schulte: Es ist sehr traurig und beklemmend zu sehen, wie diese große, leistungsstarke Infrastruktur nahezu still steht und wie eine Landebahn als Parkplatz zweckentfremdet wird. Das haben wir in früheren Krisen nie erlebt und uns auch nicht vorstellen können. Wir spielen viele Risikoszenarien immer wieder durch. Aber ein solches Szenario hat es noch nie gegeben.

Werden sich die Flughäfen von dem Schock erholen?

Schulte: Die Flughäfen werden sich erholen, aber die Luftverkehrswirtschaft wird dann eine andere sein. Unsere Fixkosten für Personal, Zinsen und Abschreibungen sind hoch und wir haben fast keine Umsätze mehr. Das hält die Branche nicht lange durch. Vor allem kleinere Flughäfen, die keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben, sind jetzt dringend auf Unterstützung angewiesen. Sie haben praktisch keine Liquiditätspuffer.

Welche Hilfe brauchen die Flughäfen?

Schulte: Die Flughäfen brauchen dringend Zugang zu Liquiditätsprogrammen wie von der KfW. Bislang sind die meisten Betriebsgesellschaften davon ausgeschlossen, weil sie überwiegend in öffentlicher Hand sind. Ich kann aber nicht dauerhaft einen Flughafen ohne Umsatz betreiben. Wir halten die Flughäfen für die Grundversorgung in Deutschland offen und betriebsbereit. Das erwartet man seitens der Länder und der Bundesregierung und ich halte das für vollkommen richtig. Die enormen Vorhaltekosten werden aber bislang nicht erstattet. Das summiert sich über alle Flughäfen in Deutschland auf 170 Millionen Euro im Monat. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zahlte die Bundesregierung kompensatorische Zuwendungen an die Airlines. Darüber müssen wir jetzt für die Flughäfen reden.

Wird Fliegen irgendwann wieder so sein, wie vor der Krise?

Schulte: Wir werden wieder so fliegen, wie wir es kannten – vielleicht vor dem Hintergrund der Digitalisierung etwas weniger. Sie sprechen aber einen wichtigen Punkt an: Nach Krisen sind Vorsichtsmaßnahmen oft nicht wieder zurückgenommen worden. Das wird nach dieser Krise so nicht gehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nicht unser Leben lang Schutzmasken tragen werden.

Die Diskussion um die Lufthansa-Rettung zeigt: Teile der Politik wollen Einfluss auf die Zukunft des Luftverkehrs nehmen. Zurecht?

Schulte: Die meisten Flughäfen sind ja in öffentlicher Hand – das heißt, wir haben schon heute einen hohen politischen Einfluss. Trotzdem sind die Flughäfen betriebswirtschaftlich geführt. Das hat in der Regel sehr gut funktioniert. Eigentlich greift die öffentliche Hand bei uns nicht ins operative Geschäft ein.

Wie werden sich die Passagierzahlen nach dem Corona-Neustart entwickeln?

Schulte: Entscheidend wird sein, wie sich die Nachfrage entwickelt. Diese besteht aus zwei Segmenten: Das interkontinentale Geschäft vor allem mit Geschäftskunden. Da ist Fliegen vor dem Hintergrund der internationalen Arbeitsteilung einfach notwendig. Das wird im Prinzip intakt bleiben. Der eine oder andere Flug mag aber durch Videokonferenzen ersetzt werden. Dieser Bereich wird sich zunächst auf einem etwas niedrigeren Niveau einpendeln und anschließend langsamer als bisher wachsen. Die Entwicklung im Freizeit-Segment wird ganz stark davon abhängen, wie viel Kaufkraft verloren geht. Aber der Grundtrend, dass wir gerne fremde Kulturen kennenlernen, in den Urlaub fliegen und mobil sein wollen, der wird intakt bleiben. In der DNA der Menschen steckt, dass sie reisen wollen. Damit wird der Luftverkehr nach der Krise weiter wachsen.

Überleben die kleineren Flughäfen die Corona-Krise? Den meisten Standorten ging es schon vor der Pandemie nicht gut.

Schulte: Ich gehe fest davon aus, dass der Wettbewerb zwischen den Flughäfen und der Druck der Fluggesellschaften auf die Flughäfen nach Corona wohl noch größer werden. Es wird weniger Flugzeuge und wahrscheinlich auch weniger Airlines geben, weil ein Teil in die Insolvenz geht. Wenn es weniger Airlines gibt, wird es auch für den ein oder anderen Flughafen schwerer, Verkehre aufrecht zu erhalten.

Wie viele Jobs sind an den deutschen Flughäfen in Gefahr?

Schulte: Für eine genaue Prognose ist es jetzt noch zu früh. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, wir werden bei einer Erholung des Luftverkehrs zunächst 80 bis 90 Prozent des Niveaus von 2019 erreichen. Wir werden die Flughäfen nicht dauerhaft mit Kurzarbeit und Überkapazitäten betreiben können. Würde das zu einem Jobabbau in dieser Größenordnung führen, wären allein hier in Frankfurt 3000 bis 4000 Beschäftigte betroffen. Da wird man intelligente Beschäftigungsmodelle entwickeln müssen, um das so sozialverträglich wie möglich zu gestalten. Wir Flughäfen sind gefordert, uns innerhalb der nächsten Monate mit diesen Szenarien auseinanderzusetzen, um so wettbewerbsfähig wie möglich aus der Krise zu kommen. Das kann auch Anpassungen bei der Infrastruktur bedeuten. Im ersten Schritt könnten zum Beispiel Teile von Terminals geschlossen bleiben und wir nutzen die Gelegenheit, diese vergleichsweise kostengünstig zu sanieren.

Sie bauen in Frankfurt ein drittes Terminal, der neue Hauptstadtflughafen BER erschien bei dem bisherigen Wachstum der Luftfahrt schon längst als zu klein. Ist der Höhenflug der Luftfahrt jetzt vorbei?

Schulte: Ich bin davon überzeugt, dass wir langfristig ein gutes Wachstumspotenzial haben. Deshalb bauen wir natürlich auch ein Terminal 3 weiter. Eine solche Infrastruktur baut man nicht für die nächsten Jahre, sondern für die nächsten Jahrzehnte. Sie sichert Frankfurt auch künftig einen Spitzenplatz im internationalen Wettbewerb. Beim BER und bei uns gilt – ob das nun drei Jahre zu früh oder zu spät kommt, können Sie bei den langen Planungszyklen nicht exakt vorher sagen.

Was können Flughäfen für die Eindämmung des Coronavirus tun?

Schulte: Wir setzen das um, was wir aus unserem täglichen Leben kennen. Wir haben das Terminal auf die Abstandsregeln vorbereitet. Diese können zumindest zu Beginn des wieder hochlaufenden Betriebs eingehalten werden. Wo das im Einzelfall nicht möglich ist, haben wir einen Plexiglas-Schutz oder die Maskenpflicht. In den Wartebereichen bleiben die Mittelsitze frei. Gemeinsam mit den Airlines separieren wir die Passagiere beim Boarding, indem man in Gruppen einsteigt um Staus zu vermeiden. Da sind viele Prozesse bereits umgesetzt sind. Einige weitere sind noch in der Diskussion mit den Behörden, um ein koordiniertes Vorgehen in Deutschland und Europa zu erreichen.

Und was machen Sie, wenn die Schutzmaßnahmen bei stark steigenden Passagierzahlen nicht mehr durchsetzbar sind?

Schulte: Für die Anfangsphase haben wir sehr große Terminalbereiche, in denen wir die Passagiere separieren können. Das wird über viele Monate das „Social Distancing“ gewährleisten. Und irgendwann werden wir das Coronavirus ja auch mit Medikamenten und Impfstoffen in den Griff kriegen. Zur Not muss man dann über das verstärkte Tragen von Mund-Nase-Masken und ähnliches reden. Da sind wir flexibel und können reagieren.

Wird Fiebermessen Pflicht am Flughafen?

Schulte: Die Diskussion läuft noch. Experten aus den Gesundheitsämtern sagen ja relativ klar, dass das eigentlich kein sinnvolles Instrument ist. Besonders in Fernost wird das Fiebermessen vor dem Abflug erwartet. Letztlich werden wir das umsetzen, was von den Behörden, die die Verantwortung tragen, angeordnet wird. Hierauf sind wir vorbereitet und können alles in kurzen Fristen umsetzen. Aber dabei gilt: Es sollte zumindest in Europa hierzu ein einheitliches Vorgehen geben. Gestatten Sie mir aber auch die Gegenfrage, warum ein solches Temperaturmessen nur an Flughäfen erfolgen sollte und nicht an anderen vergleichbaren Plätzen wie beispielsweise Hauptbahnhöfen? Letztlich sollte jede Maßnahme sinnvoll sein – Temperaturmessen scheint den Medizinern jedenfalls mehr ein Placebo zu sein als wirklich zur Eindämmung eines Virus beizutragen.

Der Wiener Flughafen bietet für 190 Euro Corona-Tests an, um ohne Quarantäne einzureisen. Ein Modell für deutsche Flughäfen?

Schulte: Es geht um die Grundsatzfrage, wie es mit der Quarantäne überhaupt weitergeht. Der sehr radikale Shutdown, den auch die deutsche Regierung beschlossen hat, war richtig – davon bin ich überzeugt. Aber wir brauchen jetzt einen Fahrplan für die Öffnung. Die Zahl der Neuinfizierten ist in vielen Ländern stark rückläufig. Wir Deutsche, aber auch die Europäer sind inzwischen sehr geübt im „Social Distancing“, sodass pauschale weltweite Reisewarnungen und Quarantänevorschriften nicht mehr gerechtfertigt sind. Das schränkt unsere Grundrechte massiv ein. Die Reisefreiheit muss wieder ermöglicht werden. Und wenn bei einzelnen Flügen aus Hochrisikogebieten wie Großbritannien oder den USA Tests vorgeschrieben werden zur Vermeidung einer Quarantäne, dann kann das ein gangbarer und vernünftiger Weg sein.

Der Billigflieger Ryanair verlangt in der Corona-Krise, dass die Flughäfen ihre Gebühren senken. Haben Sie dafür Verständnis?

Schulte: Wir sitzen alle in einem Boot. Weder die Airlines, noch die Flughäfen haben momentan noch nennenswerte Umsätze und machen hohe Verluste. Insofern ist es kein Ansatz, jetzt einseitig zu verlangen, auf das bisschen, was wir überhaupt noch haben, zu verzichten. Wir haben alle hohe Schulden und Liquiditätsengpässe und wir brauchen unsere Umsätze.

Stunden die Flughäfen ihren Mietern wie Duty-Free-Shops derzeit die Miete?

Schulte: Dort, wo Terminalbereiche offen sind, natürlich nicht. In anderen Fällen sind wir in Gesprächen. Generell läuft es auf eine Mindestmiete hinaus, weil der viel größere umsatzbezogene Anteil wegen der wenigen Passagiere wegfällt.