Wirtschaft

Psychologie-Start-ups profitieren von der Corona-Krise

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Dominik Bath
Der Gründer der Firma HelloBetter, David Ebert.

Der Gründer der Firma HelloBetter, David Ebert.

Foto: Sergej Glanze

Verbraucher greifen derzeit verstärkt auf Online-Beratungen zurück, die auch Berliner Unternehmen anbieten.

Berlin. Keine Kunden mehr, null Euro Umsatz, die Insolvenz droht: Angesichts der Corona-Krise sind die Sorgenfalten von Berliner Unternehmern groß. Die Pandemie trifft aber nicht nur Firmenchefs, die sich fragen, ob ihr Geschäft die Pandemie überleben wird. Auch manch Bürger kommt wegen der Kontaktbeschränkungen ins Grübeln, erzählt der Psychologe David Ebert. „Die Forschung zeigt, dass Quarantänemaßnahmen mittelfristig zu einem substanziellen Anstieg psychischer Beschwerden führen können“, sagt Ebert.

Der 40 Jahre alte Wissenschaftler hat gemeinsam mit Hannes Klöpper das Psychologie-Start-up HelloBetter gegründet. Das Berliner Portal bietet neben Stress- und Schlaftrainings auch Programme an, die Betroffenen bei psychischen Beschwerden wegen der aktuellen Corona-Krise helfen sollen. Seit der Gründung 2015 hätten rund 30.000 Kunden die Angebote genutzt. Derzeit seien die Abrufzahlen noch einmal deutlich gestiegen, erzählt Ebert.

Enorm großer Beratungsbedarf

Auch Freiberufler, Selbstständige und Kleinstunternehmen würden nun verstärkt die Angebote nutzen. Denn anders als große Firmen und Konzerne hätten diese Unternehmer häufig nicht die Möglichkeit, auf ein betriebliches Gesundheitsmanagement zurückzugreifen, so Ebert. Die Psyche sei aber ein Thema, das sich stark auf die Produktivität und die Fehlzeiten von Mitarbeitern auswirke, sagt der Professor, der auch wissenschaftlicher Leiter von HelloBetter ist. Durch die von der Corona-Pandemie ausgelöste Situation werde nun bemerkt, wie die Belastung der Beschäftigten zunehme.

Von verzweifelten Unternehmern angesichts der Corona-Krise berichtet auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Viele seien den Tränen nah gewesen. Auch der Beratungsbedarf war enorm groß, weil niemand gewusst habe, wie es weitergehen solle und welche Unterstützungsleistungen es gebe, sagt Anke Fredericksen-Alde, die bei der Kammer für die Corona-Beratung verantwortlich ist. „Bei nicht wenigen Anrufern macht sich wegen der Planungsunsicherheit mittlerweile leider auch Resignation bemerkbar, weil sie nicht wissen, wie lange sie ihren Betrieb und die Mitarbeiter noch retten können“, so die IHK-Mitarbeiterin.

Das Start-up HelloBetter versucht mit seinen Programmen gegensteuern. Derzeit stehen Trainings aus neun spezifischen Problembereichen zur Verfügung. Dazu gehören unter anderem chronische Schmerzen, Alkoholkonsum, Depression, Grübeln und Sorgen, Panik und Angstgefühle oder eben Corona. Nutzer erhalten dabei nicht nur telefonisch psychologische Beratung. Kern der Programme sind Online-Trainings, mit denen die Menschen gezielt eigene Probleme angehen können. 32 Studien hätten die Wirksamkeit der Angebote bereits belegt, erklärt Ebert. Kosten für die Programme werden zum Teil oder ganz von Krankenkassen oder Arbeitgebern übernommen, so der Gründer. Das Corona-Training sei derzeit sogar gänzlich kostenlos. Investoren versprechen sich viel von psychologischen Internet-Portalen wie HelloBetter. Erst kürzlich hat das junge Unternehmen eine Finanzierung im einstelligen Millionenbereich eingesammelt. Der Berliner Wettbewerber Selfapy erhielt erst Anfang des Jahres sechs Millionen Euro von Investoren.

Größere Offenheit gegenüber digitalen Helfern

Ein Grund dafür sind auch politische Entscheidungen. Das neue Digitale-Versorgung-Gesetz von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll nicht nur Online-Sprechstunden einfacher machen, sondern auch Apps auf Rezept ermöglichen. Wenn also ein Arzt psychologische Trainings im Internet verschreibt, sollen Krankenkassen künftig die Leistung übernehmen.

Farina Schurzfeld, die vor dreieinhalb Jahren Selfapy mitgegründet hat, beobachtet nicht nur bei Verbrauchern eine größere Offenheit gegenüber den digitalen Helfern. „Online-Therapie wird mehr und mehr als wirksame Ergänzung zu stationärer und ambulanter Psychotherapie betrachtet“, sagt Schurzfeld. Das Corona-Programm, das Selfapy Ende März gestartet hatte, ist nach Angaben des Unternehmen bereits von 2000 Menschen genutzt worden. Insgesamt verzeichnet das Start-up während der Corona-Krise ein Drittel mehr Nutzer.