Lebensmittel

Foodwatch-Chef: „Corona droht zu Ernährungsarmut zu führen“

Foodwatch fordert ein Hilfsprogramm für Ärmere in Deutschland. Viele können sich nicht mehr ausgewogen und ausreichend ernähren.

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Berlin. Selbstständigen, Mittelständlern und Unternehmen wird derzeit mit immer neuen staatlichen Hilfsprogrammen geholfen. Die Einkommensschwächeren in der Bevölkerung werden dagegen weitestgehend im Stich gelassen, obwohl sie dringend Unterstützung bräuchten. Die Verbraucherorganisation Foodwatch befürchtet, dass die Corona-Krise auch die Ernährungsarmut in Deutschland verschärfen könnte.

„Schlimmstenfalls können sich mehrere Millionen Menschen in Deutschland eine ausgewogene Ernährung nicht mehr leisten. Manche nicht mal mehr eine ausreichende“, mahnt Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker im Gespräch mit unserer Redaktion. Bund und Länder müssen schnell eine Koordinierungsstelle einrichten, die feststellt, wo Not herrscht – und dort gezielt hilft. Warum auch Lebensmittelkontrollen in der Corona-Krise weniger werden – und Gefahren birgt, lesen Sie im Interview.

Viele Restaurants sind geschlossen, Supermärkte erleben einen Boom. Verändert sich gerade unser Essverhalten?

Martin Rücker: Statt in Kantinen oder Restaurants zu gehen, müssen sich Menschen jetzt selbst etwas zubereiten, die Kinder sind zum Mittagessen zu Hause. Dadurch entsteht eine hohe Sensibilität für die Verfügbarkeit und für Preisentwicklungen in den Supermärkten.

Haben sich die Preise denn erhöht?

Rücker: Ausgerechnet Gemüse und Obst werden teurer – jene Produkte also, die für eine ausgewogene Ernährung wichtig sind und schon jetzt zu wenig gegessen werden. Bei Gemüse führen Experten die Preisanstiege bereits direkt auf Corona zurück. Solche Effekte dürften zunehmen. Zudem sind günstigste Produkte am schnellsten vergriffen: Man bekommt zwar noch Nudeln, aber nicht immer die preiswertesten. Das bereitet vielen Probleme.

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Wenn trifft dies am meisten?

Rücker: Einkommensschwache, gerade auch Familien oder Rentner, die schon vor der Krise darauf angewiesen waren, kostenloses Essen bei Mittagstischen oder bei den Tafeln zu bekommen. Viele dieser Einrichtungen sind geschlossen. Für Kinder aus bedürftigen Familien fällt das kostenfreie Mittagessen in Schule oder Kindergarten weg. Das gilt auch für Versorgungsangebote für Wohnungslose. Die Corona-Krise droht zu einem Programm für Ernährungsarmut zu werden: Schlimmstenfalls können sich mehrere Millionen Menschen in Deutschland eine ausgewogene Ernährung nicht mehr leisten. Manche nicht mal mehr eine ausreichende.

Was bedeutet ausreichend, was ausgewogen?

Rücker: Ausreichend meint satt zu werden, den Energiebedarf decken. Wir sollten aber den Anspruch haben, dass jeder sich auch ausgewogen ernähren kann und durch nährstoffreiche Lebensmittel wie Obst und Gemüse all das bekommt, was der Körper benötigt.

Wofür Vitamine gut sind – und wo sie drin stecken
Wofür Vitamine gut sind – und wo sie drin stecken

Wo sehen Sie problematische Folgen?

Rücker: Riesige Probleme sehe ich vor allem für kleine Kinder. Ihre körperliche und kognitive Entwicklung hängt stark von einer ausreichenden Versorgung mit Mikronährstoffen wie Vitaminen und Mineralien ab. Bei Schuleingangsuntersuchungen fällt schon heute auf, dass Kinder einkommensschwacher Familien spürbar kleiner gewachsen sind – das ist ein Alarmzeichen. Wenn Einkommensschwache die Möglichkeiten fehlen, ihre Kinder ausgewogen zu ernähren, haben diese weniger Entwicklungs- und Bildungschancen und sind mit höherer Wahrscheinlichkeit deshalb als Erwachsene selbst armutsgefährdet. Eine solche Armutsspirale könnte durch die Coronakrise noch verschärft werden.

Für manche Kinder ist das Schulessen oft die einzige warme Nahrung am Tag.

Rücker: Ja, und wenn das kostenlose Essen für Kinder aus einkommensschwachen Familien wegfällt, bedeutet das echte Mehrkosten. Hinzu kommen oft auch noch Einbußen beim Einkommen wegen Kurzarbeit oder gar Jobverlust.

Wird derzeit genug getan, um Einkommensschwächere zu versorgen?

Rücker: Nein. Die Bundesregierung hat in der Corona-Krise viele Hilfsmaßnahmen gestartet, aber ausgerechnet an die Schwächsten unserer Gesellschaft nicht gedacht. Der milliardenschwere Rettungsschirm lässt Einkommensschwache im Regen stehen. Es ist in einem so reichen Land wie Deutschland ein schlimmes Staatsversagen, dass Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen sind und die Tafeln nicht mehr wegzudenken sind. Aber wenn solche Einrichtungen jetzt auch noch wegfallen, muss der Staat handeln. Dass die Minister Giffey und Heil hier nicht entschlossen helfen, ist inakzeptabel. Sie nehmen Hunger und Mangelernährung in Kauf.

Was sollte geschehen?

Rücker: Man sollte schnell und unbürokratisch helfen, damit die Menschen zumindest alle Möglichkeiten haben, sich ausgewogen und ausreichend zu ernähren. Wohlfahrtsverbände fordern eine Aufstockung der Regelsätze um 100 Euro im Monat, das unterstützen wir. Doch das reicht noch nicht. Es muss auch Hilfen geben für Menschen, die bisher gar keine staatlichen Leistungen erhalten, wie viele Wohnungslose. Oder denken Sie an Menschen aus Osteuropa, die keinen Anspruch auf Leistungen des deutschen Staates haben und die ihren Unterhalt bisher auf der Straße verdient haben, sei es mit Musik oder durch Betteln. Ihnen ist das komplette Einkommen weggebrochen – manche haben keinen Cent mehr, um sich Essen zu kaufen.

Sollte der Staat hier eingreifen?

Rücker: Bund und Länder müssen schnell eine Koordinierungsstelle einrichten, die feststellt, wo wirklich Not herrscht und es am Nötigsten fehlt – und dort gezielt hilft. Es darf nicht sein, dass in einem so reichen Land Menschen Hunger leiden müssen oder sich nicht ausreichend ernähren können, weil sie durchs Raster fallen.

Sollte es ein Grundrecht auf eine gesunde Ernährung geben?

Rücker: Jeder Mensch muss finanziell in der Lage sein, sich eine ausgewogene Ernährung auch leisten zu können. Regelsätze und auch die Beträge, die zum Beispiel für Schulessen bezahlt werden, sind so hoch festzulegen, dass damit ein gesundes Essen bezahlt werden kann.

Worauf muss man bei der Essenszubereitung derzeit besonders achten?

Rücker: Bisher gibt es keine Hinweise, dass man sich über Lebensmittel mit Corona-Viren anstecken kann. Daher gilt, was immer richtig ist: Eine ausgewogene Ernährung hilft dem Immunsystem und eine gute Küchenhygiene schützt vor gesundheitlichen Belastungen durch Keime. Dafür gibt es viele Tipps, etwa beim Bundesinstitut für Risikobewertung.

Lebensmittelskandale und Rückrufe zählten bislang zum Alltag. Im Moment hört man wenig davon. Arbeiten alle Betriebe jetzt besonders sorgsam? Oder wird weniger kontrolliert?

Rücker: Es gibt weiterhin Rückrufe, die gegenwärtig aber weniger wahrgenommen werden. Sorgen bereitet uns, dass amtliche Lebensmittelkontrollen und Proben massiv zurückgefahren wurden, da die Laborkapazitäten jetzt für Corona-Proben gebraucht werden und Kontrolleure in den Gesundheitsämtern aushelfen. Langfristig ist das ein echtes Problem, weil solche Routine-Kontrollen notwendig sind, um lebensmittelbedingte Erkrankungen zu vermeiden – was übrigens gerade während der Corona-Pandemie wichtig ist.

Nicht nur die Lebensmittelbranche ist systemrelevant – die Lebensmittelkontrollen sind es auch. Hier fällt den Ländern auf die Füße, dass sie jahrelang bar jeder Vernunft am Personal in den Ämtern und Laboren gespart haben. Die Landesregierungen müssen dringend ein Konzept vorlegen, wie sie die Kontrollen so schnell wie möglich wieder hochfahren wollen, während das Thema Corona richtigerweise noch eine ganze Weile hohe Priorität haben wird.

Reichen die Fortschritte bei der Verringerung von Zucker, Fett und Salz in unseren Lebensmitteln?

Rücker: Nein. Die Reduktionsstrategie der Ernährungsministerin, die allein auf Freiwilligkeit der Industrie setzt, ist ein einziges Desaster. Julia Klöckner allein wird verstehen, wie sich eine Zuckerreduktion um 0,2 Prozent bei Limonaden ohne rot zu werden als Fortschritt verkaufen lässt. Wir brauchen endlich gesetzliche Maßnahmen. Ärzte, Krankenkassen, Verbraucherverbände und WHO fordern seit Jahren eine Werbebeschränkung für ungesunde Lebensmittel für Kinder, aber nichts passiert.

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Der Nutri-Score muss europaweit verbindlich auf allen Lebensmittelpackungen eingeführt werden, um Produkte besser vergleichen zu können. Zudem muss eine Steuer für stark zuckerhaltige Limonaden kommen, die Übergewicht und Diabetes befördern – und gleichzeitig die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse auf null gesetzt werden. Ungesunde Lebensmittel würden damit teurer, gesunde günstiger. Das fördert eine ausgewogenere Ernährung und würde den Menschen auch in der jetzigen Coronakrise helfen.

Was kommt bei Ihnen zu Ostern auf den Tisch?

Rücker: Das weiß ich noch nicht. Aber auf alle Fälle wird ein Schoko-Ei dabei sein.