Wirtschaft

Kündigungswelle in den Berliner Chefetagen

Messechef Göke will seinen Posten aufgeben. Immer wieder müssen Berliner Landesbetriebe den Abgang von Führungspersonal verkraften.

Christian Göke.

Christian Göke.

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Christian Göke trifft bei der Messegesellschaft ab

Der Chef der Berliner Messegesellschaft Christian Göke wirft hin und verlässt das Landesunternehmen zum Ende des Jahres. Das teilte Göke am Mittwochabend mit. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) fand nach der Rücktrittserklärung des Managers nur knappe Worte. Sie verstehe seinen Wunsch, sich nach 20 Jahren bei der Messe beruflich verändern zu wollen. Dank Göke sei die Messe Berlin als Kongressstandort national und international ein Begriff, erklärte sie. Pop dankte Göke pflichtgemäß für sein Engagement, wünschte ihm alles Gute und viel Erfolg.

Göke reiht sich ein in die Liste von Führungspersonal, das Berliner Landesbetrieben in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt hat. Mitunter nutzten die Wirtschaftslenker die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die Berliner Stadtreinigung (BSR) und Co. als Sprungbrett, um einen besser dotierten Job in der freien Wirtschaft zu ergattern, andere wiederum gingen auch aus Frust über das stetige Hineinregieren der Politik in die Betriebe.

Auch der scheidende Messechef hat seine Kämpfe mit der Politik ausgefochten: Seit Jahren ringt er mit den Senatsverwaltungen für Finanzen und Wirtschaft um einen Plan zur Sanierung des Messegeländes. Mit Ramona Pop, die auch stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Messe ist, stritt er um die richtige Reaktion auf homophobe Äußerungen des Ministers eines Partnerlands der Internationalen Tourismusbörse (ITB).

Auch im Beteiligungsausschuss des Abgeordnetenhauses hatte es Göke nicht immer einfach. Mehrfach soll er darum geworben haben, auch das Geld privater Investoren für die Weiterentwicklung des Messe-Geschäfts hinzuzuziehen. Mit der Berliner Landespolitik allerdings war so ein Geschäft nicht zu machen. „Abgeordnete und Senatoren führen sich gegenüber den Chefs der Landesunternehmen mitunter als Eigentümer auf“, sagt ein Beobachter. Das könne nicht jeder Manager vertragen.

Allerdings: Dass die Arbeit an der Spitze eines Landesbetriebs anderen Regeln folgt als bei einem Konzern in der freien Wirtschaft, dürfte jedem Manager vor Amtsantritt klar sein. Für den Senat sind die Landesunternehmen zudem ein Vehikel, um eigene Ideen umzusetzen. Die Manager der Berliner Betriebe müssten deswegen auch diplomatische Fähigkeiten mitbringen – und in Kauf nehmen, dass Entscheidungen länger bräuchten als etwa bei börsennotierten Unternehmen, heißt es.

BVG-Chefin Sigrid Nikutta wechselte zur Deutschen Bahn

Schon seit Jahren, hieß es, würde sie trotz ihres Chefpostens bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) mit einem Wechsel in den Vorstand der Deutschen Bahn liebäugeln. Im Januar dieses Jahres gelang Sigrid Nikutta der Absprung. Die umtriebige Managerin soll bei dem Staatskonzern nun die stets defizitäre Güterverkehrssparte auf Vordermann bringen.

In Berlin leitete Nikutta seit 2010 Deutschlands größten Nahverkehrsbetrieb. Unter ihr schrieb die BVG erstmals schwarze Zahlen, hatte aber angesichts steigender Fahrgastzahlen mit Problemen zu kämpfen. Fahrpläne wurden ausgedünnt, spät neue Fahrzeuge bestellt. Landespolitiker warfen ihr vor, sich zu wenig um das Kerngeschäft und zu viel um Prestigeprojekte wie den Rufbus Berlkönig gekümmert zu haben. Die Notbremse zog die anerkannte Nikutta mit ihrem Wechsel zur Bahn aber nicht.

BSR-Vorständin Tanja Wielgoß wanderte zu Vattenfall ab

Tanja Wielgoß stand seit 2014 an der Spitze der Berliner Stadtreinigung (BSR), bevor sie Anfang März des vergangenen Jahres zum schwedischen Energiekonzern Vattenfall wechselte. Fraglos kann sich die frühere BSR-Chefin in ihrer neuen Rolle einem wichtigen Thema widmen: Bei dem Staatsunternehmen kümmert sie sich vor allem um Themen rund um die Energiewende.

Bei der BSR stritt sich Wielgoß mit dem Senat über den Biomüll und die Frage, ob angesichts des Klimawandels mehr Abfall verbrannt werden sollte oder nicht. Intern strich Wielgoß Privilegien der Personalvertreter zusammen. Manche warfen ihr vor, die Mitbestimmungskultur im Landesbetrieb zu zerstören. Auch mit BSR-Aufsichtsratschefin und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) hatte Wielgoß Probleme. „Die Chemie hat nicht gestimmt“, sagt ein Beobachter.

IBB-Bankerin Sonja Kardorf kehrte Berlin den Rücken

In Sonja Kardorf verlor das Land Berlin Ende August 2018 eine hoffnungsvolle Bankerin. Kardorf, zuvor seit Juli 2014 Vorstandsmitglied der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB), wechselte auf einen besser dotierten Posten in den Vorstand der Deutschen Leasing AG. „Ich bedauere das Ausscheiden von Sonja Kardorf außerordentlich und bedanke mich für die hervorragende Zusammenarbeit“, sagte IBB-Vorstandschef Jürgen Allerkamp daraufhin. Den Abgang der damals 46 Jahre alten Managerin hatte aber auch er nicht verhindern können.

Für den Berliner Senat, der sich eigentlich vorgenommen hat, die Quote von Frauen in Führungspositionen deutlich zu erhöhen, war der Weggang von Sonja Kardorf eine Niederlage. Sie wäre vermutlich auch eine Kandidatin gewesen für die Nachfolge Allerkamps, der Ende des Jahres 2021 in den Ruhestand gehen will.

Gäde-Butzlaff gab BSR-Posten nach Streit mit der Politik auf

Vera Gäde-Butzlaff hatte elf Jahre lang das Sagen bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) bevor sie Ende 2014 ihren Job aufgab. Offiziell hieß es, dass die Managerin noch einmal etwas Neues machen wollte. Der damalige Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) bedauerte die Entscheidung. Gäde-Butzlaff habe einen hervorragenden Job gemacht, sagte er. Hinter den Kulissen gerieten der Senator und die Firmenlenkerin aber des Öfteren aneinander.

Gäde-Butzlaff heuerte danach bei der Gasag an. Das Energieunternehmen ist zwar nicht in Landeshand, streitet sich mit dem Senat aber seit Jahren um die Konzession für das Gasnetz. Das wohl letzte Kapitel: Gäde-Butzlaff übernahm 2018 den Vorsitz im Aufsichtsrat von Vivantes, den sie Ende 2019 wieder abgab. Der Managerin missfiel, dass die Politik verstärkt in den Berliner Krankenhauskonzern hineinregierte.

Aufsichtsratschef Peter Zühlsdorff verließ Vivantes tief enttäuscht

Tiefgreifende Differenzen zwischen ihm und der Berliner Politik soll es gegeben haben, deswegen legte der Aufsichtsratschef des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes, Peter Zühlsdorff, sein Mandat Ende 2017 nieder. Schon lange zuvor hatte sich der Manager immer wieder darüber geärgert, weil der Senat die Konkurrenz der Charité mit Geld unterstützt und politisch bevorzugt habe.

Kurz vor seinem Rücktritt hatte sich Zühlsdorff zudem gegen die vom Senat betriebene Fusion der Charité-Herzmedizin mit dem Deutschen Herzzentrum gewehrt. Bei Vivantes fürchten sie, die eigene Herzmedizin und die damit verbundenen Einnahmen mittelfristig gegen eine zentralisierte Einheit zu verlieren. Zwischen 2010 und 2012 saß er zudem dem Aufsichtsrat der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner vor, ehe er im Zwist mit der damaligen Wirtschaftssenatorin ging.