Corona-Pandemie

Rettet China die deutsche Wirtschaft vor dem Absturz?

Chinas Konjunktur kommt wieder auf Trab – deutsche Firmen und der DIHK schöpfen Hoffnung, dass dadurch die Rezession abgemildert wird.

Was ist eine Rezession?

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Berlin. Gut zwei Monate lag die chinesische Wirtschaft auf Eis. Fabriken standen still, Regionen wurden abgeriegelt. Die Corona-Krise hatte die Volksrepublik im Griff. Die Lokomotive der Weltwirtschaft war eingemottet.

Doch seit offiziell keine Neuinfektionen mehr innerhalb von China verzeichnet werden, kommt die Konjunktur in Fernost langsam wieder auf Trab. Die Firmen öffnen, die Arbeiter kehren zurück. Derzeit habe mehr als die Hälfte der Unternehmen die Produktion wieder aufgenommen, teilte das Nationale Statistikamt in Peking mit.

Für die 5200 deutschen Betriebe, die im Land registriert sind, ist dies eine gute Nachricht. „Chinas Wirtschaft befindet sich auf dem Weg zurück zur Normalität. Der komplette Stillstand ist vorbei. Die Wirtschaft kommt wieder in Bewegung“, sagt Jens Hildebrandt, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer in Peking, unserer Redaktion.

Deutsche Firmen atmen auf – trotz deutlichen Einbußen

Davon profitieren auch die deutschen Firmen in China. „Die Unternehmen können fast wieder auf dem Niveau von vor der Corona-Krise produzieren. Die Stimmung ist verhalten optimistisch“, so Hildebrandt. „60 Prozent der deutschen Unternehmen in China sagen: Wir können wieder normal produzieren. Noch vor einem Monat hat praktisch kein Unternehmen produziert“, betont Hildebrandt. Besonders optimistisch gibt sich VW-Vorstandschef Herbert Diess: „China läuft wieder stark für uns, wir managen dort den Hochlauf.“

China ist seit 2016 der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen rund 206 Milliarden Euro. Maschinenbau-Firmen bilden das größte deutsche Kontingent im Reich der Mitte, aber auch der Automobilsektor spielt eine wichtige Rolle.

Volkswagen hat 2019 rund 4,2 Millionen Fahrzeuge in China ausgeliefert, was einem Marktanteil von 20 Prozent entspricht. BMW fertigt hier ebenso wie Daimler, Siemens oder Bayer. Hinzu kommt eine Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen.

Trotz positiver Signale wachsen für die deutschen Firmen die Bäume nicht in den Himmel. Nach einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage der Handelskammer in Peking erwarten 68 Prozent der deutschen Unternehmen für das erste Halbjahr 2020 einen Rückgang ihres Umsatzes bis oder über 20 Prozent. Vor einem Monat waren es nur 48 Prozent der Firmen. Die Daten wurden zwischen dem 18. Und 24. März erhoben.

Experten gehen von Rezession aus – doch es gibt einen Lichtblick

Die Corona-Krise schlägt auf die Erwartungen der Betriebe durch – auch in Deutschland. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung, die sogenannten Wirtschaftsweisen, hat für Deutschland 2020 eine Rezession vorausgesagt. Egal, wie lange die Corona-Pandemie anhalten werde: Das Wachstum werde schrumpfen. Im günstigsten Fall sinke das Bruttoinlandsprodukt um 2,8 Prozent - im schlimmsten um 5,4 Prozent, so die Wirtschaftsweisen.

„Der DIHK geht davon aus, dass die Corona-Krise 2020 in Deutschland zur schlimmsten Konjunktur-Krise seit dem Zweiten Weltkrieg führt“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), unserer Redaktion.

Doch es gibt einen Lichtblick: Die Talfahrt in Deutschland wird durch die anziehende Konjunktur in China möglicherweise gedämpft. „Eine positive Entwicklung der chinesischen Wirtschaft kann die Tiefe der zu erwartenden Rezession in Deutschland abmildern. China als unser wichtigster Handelspartner hat da einen nicht zu unterschätzenden Einfluss“, unterstreicht Treier. „Wichtig ist, dass spätestens in der zweiten Jahreshälfte die deutschen Exporte nach China wieder an Fahrt gewinnen.“

Automobilindustrie: Großer Schaden oder nur ein blaues Auge?

Ein wichtiger Konjunktur-Indikator bestätigte den Silberstreif am Horizont von Chinas Wirtschaft. Der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) des herstellenden Gewerbes stieg im März auf 52 Punkte. Im Februar war er auf 35,7 Punkte eingebrochen, wie das nationale Statistikamt (NBS) mitteilte. Der Wert liegt damit wieder über der 50-Punkte-Marke, die Wachstum signalisiert.

Doch Chinas Wirtschaft ist keineswegs aus dem Schneider. Schon jetzt sehen chinesische Exporteure, dass Aufträge aus Übersee wegbrechen. Wie stark die weltweite Konjunktur durchhängen wird, liegt nicht zuletzt an der Automobilindustrie – immer noch das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Die Beratungsfirma Oliver Wyman erwartet, dass der globale Autoabsatz in diesem Jahr zwischen 17 und 29 Prozent niedriger liegen dürfte als in den ursprünglichen Schätzungen von 76 Millionen Fahrzeugen.

China als größter Automarkt der Welt dürfte mit einem Minus von rund 15 Prozent noch halbwegs glimpflich davonkommen, so Oliver Wyman. In den USA und Europa könnten die Verkäufe zwischen 18 und 36 Prozent niedriger liegen.

Wann erholt sich die deutsche Wirtschaft? Alles hängt von der Dauer des Shutdowns ab. VW-Chef-Diess blickt auch in dieser Frage Richtung Peking: „Wenn man davon ausgeht, dass man die Krise ähnlich schnell behandelt wie China, dann kann man sicherlich auch mit einem blauen Auge davonkommen.“

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