Corona-Krise

Kurzarbeitergeld für deutlich mehr als 100.000 Beschäftigte

Die Arbeitsagentur geht von einer steigenden Zahl an Anträgen aus. Die Zahlen aus dem Krisenjahr 2009 wurden bereits übertroffen.

Coronavirus-Krise: Was bedeutet eigentlich Kurzarbeit?

Unternehmen ächzen unter der Krise, verursacht durchs Coronavirus. Damit Arbeitnehmer ihren Job nicht verlieren, hat der Staat einen Kündigungs-Stopper: Kurzarbeitergeld. Was ist das eigentlich?

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Berlin. Die Krise rund um die Ausbreitung des Coronavirus führt in Berlin zu einer Welle von Kurzarbeit. Nach Morgenpost-Informationen aus dem Umfeld der Arbeitsagentur lagen bis Mitte der Woche bereits Anträge für weit mehr als 100.000 Beschäftigte in Berlin vor, die in den nächsten Wochen ganz oder teilweise in Kurzarbeit sein werden. Offizielle Zahlen hatte die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Berlin zuletzt am vergangenen Freitag veröffentlicht. Zu dem Zeitpunkt hatten bereits rund 2800 Berliner Betriebe Kurzarbeit angemeldet. Betroffen waren 60.800 Mitarbeiter.

Die angemeldete Kurzarbeit übertrifft dabei schon jetzt die Zahlen aus dem Krisenjahr 2009. Während der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise hatten laut Arbeitsagentur-Statistik lediglich 39.670 Beschäftigte in der deutschen Hauptstadt zeitweise konjunkturelles Kurzarbeitergeld erhalten.

Die derzeitige Lage auf dem Arbeitsmarkt entwickle sich mit täglichen Veränderungen und sei schon jetzt sehr angespannt, sagte am Mittwoch Berlins Arbeitsagentur-Chef Bernd Becking. „Wir verzeichnen bei den Arbeitsagenturen einen sprunghaften Anstieg der Kurzarbeit, weil vieles geschlossen wurde. Er wird die Dimension der Finanzkrise voraussichtlich deutlich übertreffen. Waren damals nur bestimmte Sektoren betroffen, sind es nun breite Wirtschaftsbereiche, wie die für Berlin wichtige Dienstleistungsbranche“, so Becking weiter.

Kurzarbeit auch bei der Berliner Flughafengesellschaft

Vor allem die zur Eindämmung des Coronavirus staatlich verordnete Kontaktsperre trifft viele Unternehmen hart. Weil deswegen auch viele Restaurants schließen mussten, ist bereits ein Großteil der Gastronomen in Berlin von Kurzarbeit betroffen. Europaweit ausgesprochene Reisebeschränkungen treffen darüber hinaus die Tourismuswirtschaft. Bereits am Dienstag hatte die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg für ihre rund 2220 Beschäftigten beantragt. Aber auch viele Industrieunternehmen müssen wegen Lücken in den Lieferketten die Arbeit reduzieren. In Berlin betroffen sind unter anderem das Motorenwerk von Mercedes-Benz in Marienfelde mit 2500 Mitarbeitern und das Motorradwerk in Spandau von BMW. Dort arbeiten etwa 2000 Menschen.

„Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Kurzarbeit. Die Zahlen sind in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen. Bei Dienstleistern, bei Hotels und in der Gastronomie sowie in Teilen des Handels ist in erster Linie die weggebrochene Nachfrage das Problem. In der Industrie sind oft Lieferketten gerissen, die die Produktion bremsen, einigen Firmen fehlen auch Mitarbeiter. Eine Besserung der Lage sehen wir derzeit noch nicht“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck, auf Morgenpost-Anfrage.

Antragsstau bei den Arbeitsagenturen

Angesichts der weiter steigenden Zahl wird die Corona-Krise auch für die Arbeitsagenturen zur Belastungsprobe. Bundesweit sollen sich mittlerweile rund 20.000 unbearbeitete Anträge aufgestaut haben. In Berlin hat die Regionaldirektion derzeit rund 700 Mitarbeiter zusätzlich eingesetzt, die Anfragen und Anträgen von Unternehmen entgegennehmen.

Dennoch sorgen sich betroffene Firmen. „Wir hatten gehofft, dass uns das Kurzarbeitergeld eine kurze Atempause verschafft“, sagte Sarah Basteck, Mitglied der Geschäftsleistung des Berliner Reiseunternehmens Wörlitz Tourist. Wegen der Antragswelle rechne sie nun aber erst in den nächsten fünf bis sechs Wochen mit einer Auszahlung des Kurzarbeitergelds durch die Arbeitsagentur. Wörlitz Tourist hatte für 156 seiner 182 Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt. Wegen des Coronavirus und der europaweiten Reisebeschränkungen hatte das Unternehmen alle bis Mitte April geplanten Reisen absagen müssen.

1800 Berliner Unternehmen beantragen Liquiditätshilfen

In Berlin haben unterdessen schon einige Tausend Unternehmen die kurzfristigen Liquiditätshilfen des Landes beantragt. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft meldeten für das Programm „Soforthilfe I“ 1800 Unternehmen Interesse an. 600 Anträge mit einem Volumen von 120 Millionen Euro würden derzeit konkret bearbeitet. Am Mittwoch seien bereits erste Kreditverträge unterschrieben worden, so die Wirtschaftsverwaltung. „Das Land Berlin hat schnell gehandelt, die Nachfrage für die Soforthilfe ist riesig. Deshalb erwägen wir eine weitere Aufstockung um 100 Millionen Euro“, erklärte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne).

Mit Blick auf Bundeshilfen appellierte Pop auch an die Hausbanken betroffener Unternehmen. Angesichts einer 90-prozentigen Haftungsfreistellung durch die öffentliche Hand verbleibe bei ihren Instituten nur ein sehr vertretbares Restrisiko, schrieb die Senatorin am Mittwoch an mehrere Geschäftsbanken. „Wir können diese Krise nur gemeinsam bewältigen – wie zuletzt in der Finanzkrise von 2008, als der Finanzsektor durch staatliche Rettungspakete stabilisiert wurde“, so Pop in dem Brief weiter.

Ab Freitagmittag können bei der zuständigen Investitionsbank Berlin (IBB) zudem Zuschüsse für für Kleinst- und Solounternehmen beantragt werden. Dafür stehen vorerst 300 Millionen Euro zur Verfügung.

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