Absage von Konzerten

Coronavirus - „Eingriff in unsere kulturelle Arbeit“

Peter Schwenkow, Chef des Veranstalters Deag aus Berlin, kritisiert die Politik und will kleinere Konzerte weiter stattfinden lassen.

Der Konzertveranstalter Peter Schwenkow will an kleineren Veranstaltungen festhalten.

Der Konzertveranstalter Peter Schwenkow will an kleineren Veranstaltungen festhalten.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Deutschlandweit können wegen der weiteren Ausbreitung des Coronavirus Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern nicht mehr stattfinden. Peter Schwenkow, Chef der Deutschen Entertainment AG (Deag) in Berlin, befürchtet weitreichende Folgen für die deutsche Live-Entertainment-Branche und hält sogar Insolvenzen für möglich, sollten die Beschränkungen über die Osterferien hinaus Bestand haben. Konzerte mit weniger als 1000 Personen will die Deag weiter durchführen.

Herr Schwenkow, welche Folgen hat die Coronavirus-Pandemie für die deutsche Live-Entertainment-Branche?

Peter Schwenkow: Das ist noch nicht absehbar. Im Moment gilt die Limitierung von maximal 1000 Personen pro Veranstaltung lediglich bis Mitte April. Diese sechs Wochen in der Frühjahrszeit sind für viele Veranstalter nicht so gefährlich, wie sie es im November oder Dezember wären. In diesen Wintermonaten erzielen viele Veranstalter ihre Hauptumsätze. Dennoch gehen jetzt viele Hunderte Millionen Euro auf die Reise. Denn aktuell versuchen alle Veranstalter, betroffene Events zu verschieben. Wir wollen jedem die Möglichkeit geben, sich die Künstler anzuschauen – nun eben zu einem späteren Zeitpunkt.

Wie viele Veranstaltungen sind bei der Deag von den Vorgaben betroffen?

Das sind einige, zum Beispiel auch die Eislauf-Veranstaltung "Disney on Ice", die am Wochenende zu mehreren Terminen mit 30.000 Besuchern im Velodrom stattfinden sollte. Derzeit spielt sich der Hauptteil unseres Geschäfts aber in Clubs ab, die ohnehin lediglich maximal 1000 Leute fassen. Künstler werden aber mitunter auch kreativ: Van Morisson hat in dieser Woche zum Beispiel in Paris gespielt. Er hatte 2000 Karten verkauft und dann kurzerhand an einem Abend zwei Konzerte hintereinander gespielt, damit alle Menschen ihn sehen konnten.

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Was bedeutet die Verschiebung von "Disney on Ice" für Sie als Veranstalter?

Der Aufwand ist hoch. Wir müssen zunächst schauen, ob die Künstler zu einem späteren Zeitpunkt verfügbar sind. Danach müssen wir prüfen, ob die Halle zu dem Zeitpunkt buchbar ist. Momentan ist es so, dass alle Veranstalter versuchen, nach dem Sommer in die Hallen zu kommen, weil niemand weiß, wie lange diese Ausnahmesituation noch anhält. September, Oktober und November sind aber üblicherweise gut gebucht. Das heißt, es wird dann sehr voll. Wir sehen aber eine große Flexibilität bei den Theater- und Hallenbetreibern. Jeder gibt sich nicht nur Mühe sein Geschäft zu sichern, sondern die Branche hält in der schweren Zeit auch zusammen.

Ist es möglich Tickets zurückzugeben, wenn ein Konzert verschoben wird?

Das ist momentan in der juristischen Überprüfung, deswegen kann ich abschließend dazu noch nichts sagen. Wir gehen aber momentan davon aus, dass die Tickets die Gültigkeit behalten und es nur eine Anpassung auf den neuen Termin gibt.

Wenn Sie eine Veranstaltung nicht verschieben können und absagen müssen, was heißt das für die Deag?

Die Deag ist versichert. Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir uns vor zwei Jahren auch gegen den Ausfall von Veranstaltungen wegen pandemischer Infektionen versichert haben. Das haben wir nach der Sars-Pandemie 2003 so entschieden. Viele Veranstalter haben das aber nicht, weil eine entsprechende Absicherung natürlich mehr Geld kostet. Dann können die Folgen schlimm sein. Wir sind deswegen ja auch schon bei Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vorstellig geworden. Die Publikums-Grenze bei Veranstaltungen führt ja praktisch dazu, dass den Unternehmen Millionenumsätze weggenommen werden und den Künstlern ein Arbeitsverbot erteilt wird. Weiterlaufende Kosten müssen deswegen von irgendjemandem bezahlt werden. Ich glaube, die Bundesregierung hat verstanden, dass sie helfen muss.

Rechnen Sie mit Insolvenzen im Live-Entertainment-Markt?

Das kommt darauf an, ob wir Mitte April mit der Sache durch sind. Ich glaube, dass die meisten Unternehmen sechs Wochen auffangen können. Vier oder fünf Monate aber sicher nicht.

Gibt es Überlegungen, ausgefallene Konzerte in irgendeiner Weise aufzufangen, etwa durch Live-Streams?

Nein, das geht nicht in der Qualität wie wir uns das vorstellen. Mein Satz der letzten Tage lautet: Sie können Geisterspiele machen, aber keine Geisterkonzerte.

Es gibt Konzerte, die nun mit 999 Besuchern stattfinden, um die 1000-Leute-Grenzen einzuhalten. Wie sehen Sie das als Veranstalter?

Ich finde das richtig. Wenn Sie 1200 Karten verkauft haben, 200 Leuten das Geld zurückgeben und 999 können sich das angucken, dann ist das im Rahmen der Möglichkeiten, die uns gesetzt werden. Wie gesagt, was da im Moment passiert, ist auf der einen Seite ein sechswöchiges Berufsverbot für alle Kulturschaffenden und auf der anderen Seite eine Situation, bei der ganz viele Fans die Künstler nicht sehen können, auf die sie sich teilweise ein Jahr gefreut haben. Wenn wir dabei helfen können, ein Konzert, das dann mit 999 Besuchern erlaubt ist, zu realisieren, dann machen wir das.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich ja gewünscht, dass Menschen zu weniger Veranstaltungen gehen. Das betrachte ich als Eingriff in unsere kulturelle Arbeit. Herr Spahn kann aber nicht erwarten, dass alle Veranstalter in Deutschland nun die Hände in den Schoß legen und darauf warten, bis er den nächsten Wunsch äußert.

Gehen Sie davon aus, dass die Ansteckungsgefahr mit 999 Leuten im Raum geringer ist als mit 1001?

Das möchte ich nicht kommentieren angesichts der Tatsache, dass überall noch Schwimmhallen und Spaßbäder geöffnet sind.

Welche zusätzlichen Maßnahmen unternimmt die Deag als Veranstalter, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten?

Wir halten uns exakt an das, was das Robert-Koch-Institut vorschreibt.