Altpapierpreise

Berlinern drohen höhere Kosten für Altpapier-Entsorgung

Wegen Überkapazitäten sinken bei den Entsorgern die Preise für Altpapier. Die Abholung der blauen Tonne könnte deswegen teurer werden.

Auf dem Betriebsgelände von Bartscherer in Reinickendorf stapelt sich das Altpapier. Innerhalb von sechs Monaten sind die Verkaufspreise für alte Zeitungen und Kartons um die Hälfte gesunken.

Auf dem Betriebsgelände von Bartscherer in Reinickendorf stapelt sich das Altpapier. Innerhalb von sechs Monaten sind die Verkaufspreise für alte Zeitungen und Kartons um die Hälfte gesunken.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Berlin. Schon seit den 1970er-Jahren sammelt Joachim Lange in Berlin Altpapier ein. Aber so etwas hat der 80 Jahre alte Besitzer des Entsorgungsunternehmens Bartscherer noch nicht gesehen: Auf dem Betriebshof in der Reinickendorfer Montanstraße stapeln sich die gepressten Altpapierballen mittlerweile haushoch in mehreren Reihen. Lange schätzt, dass hier derzeit etwa 3500 Tonnen alte Zeitung, Pappen und Kartons lagern. Sonst seien es lediglich 1000 Tonnen, sagt Lange und breitet entschuldigen die Arme aus.

„Die Berge stehen nicht hier, weil wir das so mögen, sondern weil wir Probleme bei der Abnahme haben“, erklärt Lange. Denn momentan ist zu viel Altpapier auf dem Markt. Für Entsorger wie Bartscherer sind die Preise, die sie mit dem Verkauf des Altpapiers erzielen können, deswegen deutlich gesunken.

Für Altpapier wird nur noch die Hälfte gezahlt

Normalerweise läuft das Geschäfte des Berliner Entsorgungsbetriebs so: Die Firma Bartscherer, die rund 200 Mitarbeiter in Berlin hat, holt mit den etwa 60 eigenen Fahrzeugen das gesammelte Altpapier von Mietshäusern oder Unternehmen ab. Auf dem firmeneigenen Betriebshof in Reinickendorf wird das gesammelte Papier sortiert, gepresst und dann gelagert – bevor es zu den Papierfabriken im Berliner Umland gebracht wird. Im Herbst vergangenen Jahres erhielt Bartscherer-Chef Joachim Lange von seinen Abnehmern noch bis zu 150 Euro je gelieferter Tonne Altpapier. Mittlerweile ist der Preis jedoch auf maximal 70 Euro gesunken.

Einfach die sinkenden Preise auszusitzen, gehe nicht, sagt Lange. Nach einem guten halben Jahr seien die Papierballen durchgeweicht und unbrauchbar. Dann bekomme er gar kein Geld mehr dafür. „Wir spekulieren nicht damit“, verteidigt er sich. Um den Preisverfall aufzufangen, sieht der langjährige Branchenkenner nur eine Lösung: „Die Abfallerzeuger müssen jetzt dafür zahlen. Das tut natürlich weh“, sagt Lange.

Überkapazitäten durch Chinas Importstopp

Denn für viele Wohnungsunternehmen, die sich von Bartscherer die blaue Papiertonne leeren lassen, war der Service des Unternehmens bislang kostenlos – und damit auch für viele Mieter. Angesichts des anfallenden Papiervolumens, das Langes Firma dann verwerten konnte, war das Geschäft für Bartscherer dennoch einträglich. Durch den nun stark gesunkenen Wiederverkaufspreis für die gepressten Altpapierballen ändert sich das allerdings.

Ein Grund für den massiv gesunkenen Altpapierpreis in Europa ist die geringere Nachfrage aus China: Das Reich der Mitte sperrt die gepressten Papierreste aus Deutschland und der Europäischen Union systematisch aus. Verantwortlich dafür ist eine Strategieänderung der chinesischen Regierung, die bereits 2018 entschied, den Import von Müll zu begrenzen – auch von Altpapier. Etwa acht Millionen Tonnen verschifften europäischen Unternehmen bis dahin nach Fernost. Das ist nun nicht mehr möglich.

Deswegen versuchen andere europäischen Länder ihre Altpapier-Mengen nun bei deutschen Abnehmern unterzubringen. Schon 2018 lieferten Entsorger aus den Niederlanden nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) 235.000 Tonnen Altpapier, aus Polen kamen weitere 150.000 Tonnen. „Sollten weiter große Mengen Altpapier aus den Nachbarländern auf dem deutschen Markt angeboten werden, während gleichzeitig die Nachfrage konjunkturbedingt schwächelt, müssen wir mit einem weiteren Preisverfall rechnen“, warnt Christoph Gombert, Geschäftsführer der Alba Berlin GmbH und verantwortlich für das Geschäft in der deutschen Hauptstadt.

162.000 Tonnen Altpapier wurden in Berlin von privaten Verbrauchern eingesammelt

Anders als in vielen anderen deutschen Regionen ist in Berlin kein kommunaler Entsorger für das Altpapier zuständig. Stattdessen teilen sich in der Hauptstadt nach Angaben der Senatsverwaltung für Umwelt rund 40 Unternehmen den Markt. Zu den größeren Firmen zählen Bartscherer, Alba, Berlin Recycling, Remondis und Veolia. Laut Umweltverwaltung lag die eingesammelte Menge von privaten Endverbrauchern im Jahr 2018 bei 162.000 Tonnen. Hinzu kommen Branchenkennern zufolge etwa 200.000 Tonnen, die von den Entsorgern bei Kunden aus Gewerbe, Handel und Industrie eingeholt werden. Bartscherer sammelt nach eigenen Angaben jedes Jahr etwa 200.000 Tonnen weggeworfene Zeitungen, Magazine und Kartons ein. Neben Berlin ist die Firma aber auch in Teilen Brandenburgs aktiv.

Nicht jeder Kunde von Bartscherer musste bislang für die Altpapier-Entsorgung des Unternehmens zahlen. Gewerbekunden stellten die Reinickendorfer bis zu sieben Euro pro Leerung in Rechnung, kleinere Wohnungsunternehmen und Hauseigentümer zahlten bis zu vier Euro. Für große Wohnungsfirmen mit mehr als 50 Mietshäusern in der Stadt ist die Abholung bislang kostenlos. Ein Grund ist auch die Zusammensetzung des Altpapiers: Während Gewerbekunden häufig nur Kartons und Verpackungen entsorgen, landen bei Wohnungsmietern auch zu rund 40 Prozent Zeitungen und Magazine in der Tonne. Dieses sogenannte grafische Papier kann Bartscherer teurer verkaufen.

Wohnungsbauunternehmen wollen steigende Kosten an Mieter weitergeben

Doch angesichts sinkender Erlöse bei dem Weiterverkauf des aufbereiteten Altpapiers denkt Bartscherer um. Preisanpassungen werde es im Rahmen der vertraglichen Möglichkeiten nicht nur für Gewerbekunden und kleinere Wohnungsunternehmen geben. Auch die bislang kostenlose Abholung bei großen Wohnungsfirmen soll ab 2021 Geschichte sein, sagt Ingo Ihlbrock, kaufmännischer Leiter von Bartscherer. „Die gestiegenen Kosten werden sich die Wohnungsunternehmen über die Nebenkosten von ihren Mietern wiederholen“, glaubt Ihlbrock.

Bei der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) hält man sich auf Anfrage noch bedeckt. „Derzeit müssen unsere Mieter nichts für die Abholung von Altpapier in der blauen Tonne zahlen, weil die Sekundärrohstoffpreise bisher die Kosten deckten“, so Sprecher Christoph Lang. Eine gesicherte Prognose über die künftige Marktentwicklung könne man nicht abgeben. „Sollten Kosten entstehen, würden diese mit den anderen Betriebskosten auf die Mieter umgelegt“, sagt Lang. Ähnliches ist auch von den Unternehmen Degewo, Gewobag und Howoge zu hören.

Altpapier-Entsorgung für Deutsche-Wohnen-Mieter seit 2020 erstmals kostenpflichtig

Berlins größter privater Vermieter, Deutsche Wohnen, teilt mit, dass die kostenneutrale Altpapierentsorgung bis 2019 vertraglich geregelt gewesen sei. Aufgrund der aktuellen Marktsituation hätten allerdings die Dienstleister für die Altpapierentsorgung bereits im vergangenen Jahr ihre Verträge gekündigt. „Im Rahmen der neu geschlossenen Dienstleisterverträge ist die Altpapierentsorgung vom Jahr 2020 an kostenpflichtig“, so eine Sprecherin. Man habe aber „gute Konditionen“ vereinbaren können. Die Entsorgungskosten würden im Rahmen der Betriebskosten entsprechend umgelegt.

Der Verband BDE geht davon aus, dass sich die Entwicklung nur schwer wieder zurückdrehen lässt. Mit Blick auf die Preise sehe man keine Anzeichen für eine Veränderung, sagt Verbandsgeschäftsführer Andreas Bruckschen. Sollte sich etwas ändern, nimmt der Verband auch die Verbraucher in die Pflicht. „Gegen Konkurrenz aus der europäischen Union können sich deutsche Entsorger auf Dauer nur über Qualität durchsetzen“, so Bruckschen.

In den eigenen vier Wänden sollten auch Verbraucher darauf achten, Müll richtig zu trennen. Bei Plastik im Altpapier müssten die Entsorger hingegen zusätzliche Arbeitsschritte unternehmen. Weil das Zeit und Geld koste, wäre das „in der jetzigen Marktsituation fatal“, sagt der BDE-Chef.