Anfeindungen

Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst nimmt zu

Zwei Drittel aller Mitarbeiter im öffentlichen Sektor erleben Gewalt im Job. Eine aktuelle Umfrage belegt einen dramatischen Anstieg.

Eine Polizeikontrolle eskaliert: Der Berliner Rapper Fler bepöbelte im vergangenen September Beamte.

Eine Polizeikontrolle eskaliert: Der Berliner Rapper Fler bepöbelte im vergangenen September Beamte.

Foto: Twitter

Berlin. Stephan Kreuzer liebt seinen Job. Eigentlich. Als Polizist auf Streife zu gehen, Menschen in Not zu helfen, ist für den 26-Jährigen ein Traumberuf. Doch immer öfter sieht er sich selbst als Opfer. Aggressionen und Drohungen wie „Ich bring dich um“, „Das wirst du bereuen“ oder „Ich weiß, wo du wohnst“ gehören zum Alltag.

Kürzlich lauerte ihm nach Dienstschluss eine Jugendbande vor seiner Wache auf. Zehn Teenager auf Motorrollern. Als er mit seinem Privatwagen nach Hause fuhr, folgten sie ihm bis vor die Haustür.

„Das ist psychische Gewalt“, beschreibt Kreuzer, der in Wirklichkeit anders heißt, seine Erfahrung. „Das verschafft mir ein mulmiges Gefühl, ich habe Angst um meine Familie.“ Da Auflauern aber kein Straftatbestand ist, kann er nicht dagegen vorgehen.

Gewalt gegen öffentlich Beschäftigte hat in den vergangenen zehn Jahren zugenommen

Polizisten, Bahnkontrolleure, Arbeitsamtsmitarbeiter oder Lehrer – immer mehr Beschäftigte im öffentlichen Sektor sehen sich Gewalt ausgesetzt. 67 Prozent haben in den vergangenen zwei Jahren Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe erlebt. Und mehr als die Hälfte (57 Prozent) sagt, dass die Gewalt in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat.

Für 40 Prozent ist sie gleich geblieben, und nur drei Prozent meinen, dass sie abgenommen hat. Dies ist das Ergebnis einer Befragung von 2000 Beschäftigten durch das Umfragezentrum Bonn im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Befragt wurden unter anderem Mitarbeiter bei der Bahn und Post, in Verkehrsbetrieben und der Polizei.

Mehr als jeder Zweite der Befragten wurde laut Umfrage in den vergangenen zwei Jahren beleidigt (58 Prozent) oder angeschrien (55,6 Prozent). Das erlebten Polizisten etwa im vergangenen September, als sie den Berliner Rapper Fler ohne Fahrerlaubnis am Steuer erwischten – festgehalten in einem hunderttausendfach angeschautem Video.

Öffentlicher Sektor: Jeder zehnte Befragte wurde sexuell belästigt

Fast jedem dritten Beschäftigten (30 Prozent) wurde Gewalt angedroht, jeder Vierte körperlich bedrängt. 13 Prozent wurden angespuckt, elf Prozent getreten oder geschlagen. Damit nicht genug. Jeder Zehnte wurde sexuell belästigt, neun Prozent gestalkt. Jeder Zwanzigste wurde nicht nur mit einer Waffe bedroht, sondern sogar damit angegriffen – wie vor Kurzem eine Jobcenter-Mitarbeiterin in Rottweil (Baden-Württemberg).

Die Attacken im Job ziehen oft gesundheitliche Folgen für die Betroffenen nach sich. Sehr viele kämpfen mit Angst, Stress (41,3 Prozent) und Schlafstörungen (57,8 Prozent). Gut jeder Zehnte muss stationär behandelt werden oder in psychotherapeutische Behandlung.

Fast jeder Dritte wird krankgeschrieben. Viele Menschen fürchten sich sogar, nach Angriffen wieder zur Arbeit zu gehen (26,6 Prozent). Mehr als jeder Dritte möchte deshalb sogar die Arbeitsstelle oder die Tätigkeit wechseln.

Beschäftigte sind „Blitzableiter für Versäumnisse der Politik“

So musste beispielsweise ein Busfahrer in Hessen, der eine Passagierin vor einem betrunkenen Fahrgast schützen wollte, in einen Bürojob in einer Behörde wechseln. Dem Fahrer rissen im Handgemenge die Bänder seiner Finger, sodass er keinen Bus mehr lenken kann.

„Die Beschäftigten im öffentlichen Bereich sind oftmals die Blitzableiter für Versäumnisse der Politik“, analysiert die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Die Unzufriedenheit der Bürger hänge oft auch mit dem fehlenden Personal zusammen.

„Kein freier Termin auf dem Amt, fehlende Kitaplätze, verspätete Züge bei der Bahn – in den letzten Jahren wurde der öffentliche Bereich regelrecht kaputtgespart.“

Nach jahrelangen Spar- und Kürzungsrunden müsse endlich wieder investiert werden. „Wir brauchen mehr Geld für mehr Personal, für eine moderne und funktionstüchtige Infrastruktur. Der Staat muss in der Fläche wieder präsenter sein.“

Um alle Aufgaben erfüllen zu können, müsste der Staat nach Ansicht von Hannack mindestens 110.000 neue Vollzeitstellen schaffen. Dies müsse zusätzlich zu rund 115.000 Stellen erfolgen, die jedes Jahr aus Altersgründen neu zu besetzen sind.

Nur zwei Drittel informieren ihre Vorgesetzten über Gewaltvorfälle

Doch offenbar ist die Problematik in manchen Betrieben noch nicht mal bekannt, wird ignoriert oder totgeschwiegen. Nur zwei Drittel der Betroffenen informieren ihre Vorgesetzten über Gewaltvorfälle. 33 Prozent der Beschäftigten reden nicht darüber. Warum?

„Dadurch passiert eh nichts, was mir oder Kollegen hilft“, meinen rund 67 Prozent der Befragten. Jeder Fünfte berichtet, dass sie sich von ihren Vorgesetzten nicht ernst genommen fühlten, wenn sie ihnen von den Vorfällen erzählten.

Die Ursachen für die zunehmende Aggression sind aus Sicht der Betroffenen vielfältig: Die meisten (92 Prozent) meinen, dass es in der Gesellschaft teils an Respekt gegenüber anderen Menschen mangele. 86 Prozent glauben, dass an Beschäftigten des öffentlichen Dienstes der Frust am Staat ausgelebt werde.

Die Bürger seien aggressiv, weil es zu wenig Personal gebe (71,5 Prozent) oder die Bürokratie als zu kompliziert empfunden werde (70,1 Prozent). Auch Beschäftigte reagierten manchmal aufgrund der hohen Arbeitsbelastung aggressiv gegenüber den Bürgern, meinen 17,7 Prozent.

Elke Hannack fordert, dass alle Übergriffe erfasst werden sollten. Der Plan von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), einen Ombudsmann gegen Gewalt einzusetzen, reiche nicht. Vielmehr müssten Prävention und Nachsorge gestärkt werden, meint sie: „Zu oft wird das Thema kleingeredet. Alle Vorgesetzten müssen hier mehr Sensibilität zeigen und solche Vorfälle ernst nehmen.“

In der Vergangenheit ist es immer wieder zu Angriffen auf Mitarbeiter von städtischen oder Bundesbehörden gekommen. So hatte im Dezember ein Mann einen Kölner Stadtmitarbeiter bei einem Hausbesuch tödlich verletzt.