Studie

Langsames Comeback: Mitarbeiterwohnungen entstehen in Berlin

Dank einer Gesetzesänderung können Unternehmen Mitarbeitern Wohnungen unter dem Marktpreis anbieten. Projekte gibt es auch in Berlin.

So sollen die Mitarbeiterwohnungen der FG Bau in Wilmersdorf einmal aussehen. Auch in Berlin gewinnen Mitarbeiter- und Werkswohnungen an Bedeutung.

So sollen die Mitarbeiterwohnungen der FG Bau in Wilmersdorf einmal aussehen. Auch in Berlin gewinnen Mitarbeiter- und Werkswohnungen an Bedeutung.

Foto: Architekturbüro Ingenbleek

Berlin. Im Mai oder Juni dieses Jahres soll das Wohnhaus an der Kalkhorster Straße 13 in Wilmersdorf fertig sein. Die Fachgemeinschaft Bau, ein Verband für kleine Bau-Handwerksbetriebe aus Berlin und Brandenburg, hat an dem Standort 37 Wohneinheiten neu errichten lassen. Derzeit läuft der Innenausbau. Nach Fertigstellung sollen in den 36 bis 80 Quadratmeter großen Unterkünften einmal Mitarbeiter der Mitgliedsbetriebe der FG Bau wohnen.

Studie: Berlin noch kein Schwerpunkt von Mitarbeiterwohnungen

Mindestens eine Handvoll ähnlicher Beispiele für Mitarbeiterwohnungen in der deutschen Hauptstadt ließen sich derzeit finden, sagte Arnt von Bodelschwingh von der Agentur RegioKontext am Mittwoch. „Berlin war in der Vergangenheit kein Schwerpunkt für Mitarbeiterwohnungen. Das ändert sich aber gerade“, erklärte von Bodelschwingh, der für den Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) eine Studie zu dem Thema Mitarbeiterwohnungen erstellt hat.

Bodelschwingh hat deutschlandweit ein „Comeback von Mitarbeiterwohnungen“ ausgemacht. Vor allem rund um die industriellen Zentren gebe es Projekte. Konkrete Zahlen nennt die Studie nicht, lediglich Fallbeispiele. Für 2019 seien bundesweit 60 neue Projekte hinzugekommen, sagte von Bodelschwingh.

In den 70er-Jahren gab es 450.000 Mitarbeiterwohnungen

Werkswohnungen haben in Deutschland durchaus eine historische Komponente: In den 70er-Jahren gab es bundesweit noch rund 450.000 Wohnungen, die von Unternehmen erbaut und ihren Beschäftigten zur Miete überlassen wurden. Nach und nach ist der Bestand gesunken. Einen Großteil der alten Bestände habe der Immobilienkonzern Vonovia übernommen, sagte Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes.

Ropertz betonte, dass die Bedeutung von Werkswohnungen für Unternehmen zugenommen habe. „In Deutschland fehlt rund eine Million Wohnungen, überwiegend in Ballungsräumen. In der Folge finden immer weniger Menschen eine Wohnungen“, sagte er. Nicht nur einkommensschwache Haushalte seien betroffen. Die Wohnungsnot sei auch ein Grund, dass Unternehmen schwerer als zuvor Fachkräfte finden würden, so der Mieterbund-Chef. „Stellen können nicht besetzt werden, weil Wohnungen fehlen“, erklärte er. Bezahlbarer Wohnraum habe sich deshalb für viele Firmen zu einem Standortfaktor entwickelt.

Gesetzesänderung könnte Werkswohnungen zum Durchbruch verhelfen

Wegen des Mangels an Fachkräften einerseits und den fehlenden Wohnungen auf der anderen Seite geht RegioKontext in seiner Studie „Mitarbeiter-Wohnen“ davon aus, dass in den nächsten Jahren etwa 10.000 Mitarbeiterwohnungen pro Jahr gebaut werden. Die Wirtschaft selbst muss dabei nicht als eigenständiger Bauherr auftreten. Es gebe verschiedene Möglichkeiten, sich als Arbeitgeber zu engagieren, betonte von Bodelschwingh. „Kooperationen mit wohnungswirtschaftlichen Partnern und anderen gewerblichen Unternehmen bieten großes Potenzial: wenig Aufwand und Risiko und dennoch großer Ertrag und Mitbestimmungsmöglichkeit für das Unternehmen“, so der Studien-Autor.

Die Renaissance der Werkswohnungen macht auch eine Gesetzesänderung möglich, die seit dem 1. Januar dieses Jahres gilt. Demnach können Arbeitgeber ihren Beschäftigten verbilligten Wohnraum zur Verfügung stellen, der bis zu einem Drittel unter der ortsüblichen Vergleichsmiete liegt. Auf diesen Vorteil müssen seit Jahresbeginn keine Steuern mehr gezahlt werden, erklärte GdW-Hauptgeschäftsführerin Ingeborg Esser. Die Bundesregierung habe damit zum Jahreswechsel eine entscheidende Hürde für das Mitarbeiterwohnen aus dem Weg geräumt, so Esser. „Jetzt ist der Weg frei für Unternehmen, sich mit dem Modell des Mitarbeiterwohnens ganz vorn im Rennen um qualifizierte Fachkräfte zu platzieren“, betonte die GdW-Chefin.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) prüft Förderung des Landes

In Berlin gibt es neben dem Projekt der FG Bau bereits einige weitere Beispiele für Mitarbeiterwohnungen. Der landeseigene Immobilienentwickler Berlinovo etwa hat in Zusammenarbeit mit der Polizei Berlin ein Projekt in Lichtenberg realisiert. Dort wurden Ende 2019 zwei Wohngebäude mit 101 Apartments fertiggestellt. Rund ein Drittel der Wohnungen ist für Polizeischüler reserviert. Auch bei dem geplanten gemeinsamen Ausbildungscampus der Berliner Krankenhauskonzerne Charité und Vivantes soll es Wohnungen für Pflegeschüler geben.

Im vergangenen Jahr hatte auch der Senat angekündigt, den Bau von Mitarbeiter- und Werkswohnungen unterstützen zu wollen. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) erklärte damals, prüfen zu wollen, inwieweit das Land Firmen dabei helfen könne. Für die Unternehmen seien die Wohnungen ein Zusatzargument bei der Personalsuche. Für die Stadt entlaste jede gebaute Werkswohnung den Mietmarkt, erklärte die Senatorin damals.