Autoindustrie

BMW-Chef: „Wir investieren Milliarden ins Auto der Zukunft“

Elektromobilität muss nicht zwangsläufig Jobs kosten, sagt BMW-Chef Oliver Zipse. Wie soll das gehen? Und was hält er vom Diesel?

Der Maschinenbauingenieur und Informatiker Oliver Zipse (56) übernahm im August 2019 die Führung des BMW-Konzerns.

Der Maschinenbauingenieur und Informatiker Oliver Zipse (56) übernahm im August 2019 die Führung des BMW-Konzerns.

Foto: imago stock / imago images/Gerhard Leber

München. Der Umstieg auf Elektroantriebe kostet viele Tausend Arbeitsplätze bei deutschen Autobauern, allen voran Daimler. BMW will es ohne Personalabbau schaffen – wie das gehen soll, erklärt Vorstandschef Oliver Zipse.

Herr Zipse, die deutsche Autoindustrie setzt bei den Investitionen inzwischen voll auf Elektromobilität. Ein unumkehrbarer Weg?

Oliver Zipse : Elektromobilität ist für die BMW Group eine technologische Selbstverständlichkeit – und das schon seit vielen Jahren. Wir investieren Milliarden in das Auto der Zukunft. Aber dabei geht es um viel mehr als den Hochlauf einer einzelnen Antriebstechnologie. Auch wenn in der Öffentlichkeit derzeit alles auf die rein batterieelektrische Mobilität schaut.

E-Autos fahren sauber, ihre Produktion ist aber noch nicht sehr umweltfreundlich. Wann produzieren Sie klimaneutral?

Zipse: Dieses Jahr werden wir an all unseren Standorten weltweit ausschließlich Strom aus regenerativen Energiequellen beziehen. Außerdem haben wir seit 2006 den Ressourcenverbrauch und die Emissionen für die Produktion eines Fahrzeugs im Durchschnitt etwa halbiert.

Damit sind wir im Wettbewerb führend. Richtig ist aber auch: Ein Großteil der CO-Emissionen von E-Autos entsteht in der Lieferkette – von der Rohstoffgewinnung bis zur energieintensiven Herstellung der Batteriezellen. Auch dieses Feld haben wir sehr genau im Blick.

Wer baut die nötige Ladeinfrastruktur in Deutschland? Sollten Ladesäulen bei Wohnungsbauten und Bürogebäuden Pflicht werden? Wünschen Sie sich finanzielle Anreize für mehr öffentlich zugängliche Ladesäulen?

Zipse: Der Ausbau der Infrastruktur ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg der E-Mobilität – aber auch derjenige, bei dem es noch an vielen Stellen hakt. Wir gehen hier bewusst in Vorleistung: Zum Beispiel installieren wir bis Ende 2021 gemeinsam mit Eon über 4000 Ladepunkte an unseren deutschen Standorten – alle mit Grünstrom betrieben. Aber nachhaltige Mobilität ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, da braucht es auch die Unterstützung aus der Politik.

Die IG Metall sorgt sich um Hunderttausende Arbeitsplätze, wenn der Umstieg auf Elektroantriebe klappt. Zu Recht?

Zipse: Mit Blick auf die BMW Group ist die Sorge unbegründet. Wir wissen seit Jahren, dass der Hochlauf der E-Mobilität Veränderungen mit sich bringt – und wir haben uns rechtzeitig vorbereitet. Unsere Werke sind für die E-Mobilität befähigt, wir haben bereits Tausende Mitarbeiter zu dem Thema qualifiziert und wir entwickeln und fertigen zum Beispiel unsere E-Maschinen selber.

Transformation passiert nicht über Nacht, und es ist eine unternehmerische Aufgabe, diesen Übergang erfolgreich zu gestalten. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht!

Aktuell laufen bei BMW noch immer schwere SUV am besten, Umweltaktivisten nennen BMW einen „Klimakiller“. Findet die Mobilitätswende ohne die Kunden statt?

Zipse: Nachhaltige Mobilität kann nur gelingen, wenn die Kunden überzeugt sind. Technologien, die am Kunden vorbei entwickelt werden, bleiben wirkungslos – auch für den Klimaschutz. Wenn Lösungen für Nachhaltigkeit wirksam sein sollen, dann müssen wir die Menschen begeistern, statt bevormunden.

Deswegen bieten wir in fast jeder Baureihe mindestens ein elektrifiziertes Modell an. Der Kunde muss die Wahl haben und sich ohne Kompromisse für E-Mobilität entscheiden können. Wir bieten ihm diese Wahlmöglichkeit zwischen den verschiedenen Antriebsarten – wir nennen das „Power of Choice“.

Und erlauben Sie mir eine Anmerkung zu SUV: Auch die werden immer effizienter. Unser X5 verbraucht als Plug-in-Hybrid nur zwei Liter auf 100 Kilometern – und wird übrigens vor allem von Familien und älteren Menschen geschätzt.

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Bereits 2013 hat BMW mit dem i3 als erster deutscher Hersteller ein Elektroauto in Großserie gebaut. Warum hat BMW danach die Führungsrolle nicht ausgebaut, sondern fast kampflos abgegeben?

Zipse: Einspruch! Wir haben unsere Führungsrolle sehr wohl ausgebaut: Das meistverkaufte Elektroauto 2019 in Deutschland war ein BMW. Weltweit haben wir bereits über eine halbe Million elektrifizierte Fahrzeuge auf der Straße, während sich die meisten Wettbewerber nur mit Ankündigungen überboten haben.

Deswegen haben wir in diesem Bereich auch einen höheren Marktanteil als alle anderen deutschen Premiumhersteller zusammen. Und wir machen weiter Tempo. Jetzt gelten die verschärften CO-Ziele, zu denen wir uns glasklar bekannt haben. Wir werden ja sehen, wer die Werte erreicht und wer nicht.

Und wo wird der Diesel am Ende der Dekade stehen?

Zipse: Es wird weiterhin Kunden geben, für deren Fahrprofil der moderne Diesel der effizienteste Antrieb bleibt. Deswegen entwickeln wir auch unsere konventionellen Technologien weiter und reduzieren mit jeder neuen Motorengeneration Verbrauch und CO2-Emissionen deutlich. Auch dies trägt zur Erreichung der CO2-Ziele bei.

Sie setzen mit Daimler auf eigene Carsharing-Modelle und die Taxi-Alternative Free Now. Wenn immer mehr Städter kein eigenes Auto brauchen – untergräbt das nicht Ihr Kerngeschäft?

Zipse: Im Gegenteil: Die On-Demand-Mobilität spielt sich überwiegend in den Zentren großer Städte ab – dort, wo die Fahrt mit einem eigenen Auto wenig effizient ist. Gerade unsere Kunden leben aber zum Großteil in suburbanen Gegenden oder kleineren Städten in den Landkreisen.

Das breite Angebot an Mobilitätsformen der Innenstädte existiert dort nicht. Außerdem möchte nicht jeder sein Auto teilen, viele genießen die Privatsphäre im eigenen Fahrzeug. Deswegen wächst das Premiumsegment weiter – individuelle und gleichzeitig nachhaltige Mobilität hat Zukunft.

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