Neue Zahlen

Zahl der Betriebe in Berlin deutlich gestiegen

Vor allem die Informations- und Telekommunikationsdienstleistungsbranche wächst. Wirtschaft fordert dennoch mehr Engagement vom Senat.

In Berlin ist die Zahl der Unternehmen deutlich gestiegen. Vor allem die Informations- und Telekommunikationsbranche legte zu.]

In Berlin ist die Zahl der Unternehmen deutlich gestiegen. Vor allem die Informations- und Telekommunikationsbranche legte zu.]

Foto: dpa Picture-Alliance / GAETAN BALLY / picture alliance/KEYSTONE

Berlin. Die Zahl der Betriebe in Berlin ist in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich gestiegen. 2019 erreichte sie 99.700 und lag damit 4,2 Prozent höher als drei Jahre zuvor, wie die Senatsverwaltung für Wirtschaft am Dienstag mitteilte. Bundesweit habe der Zuwachs bei lediglich 0,9 Prozent gelegen. In Berlin wuchs vor allem die Zahl der Betriebe in Informations- und Kommunikationsdienstleistungen. In der Branche habe sich die Zahl der Betriebe in den vergangenen drei Jahren um insgesamt um 15 Prozent erhöht.

„Das besonders große Wachstum bei den Informations- und Kommunikationstechnologien unterstreicht nicht zuletzt Berlins starke Position bei innovativen Start-ups und Unternehmen“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) mit Blick auf die Zahlen. Der Wirtschaftsstandort Berlin entwickle sich zudem mit einem hohen Tempo, merkte Pop an. Diese Entwicklung käme auch bei den Menschen an. „Mit der steigenden Zahl an Betrieben ist eine deutliche Zunahme an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung verbunden“, erklärte sie.

Pop: Wachstum der Betriebe auch mit Beschäftigungsaufbau verbunden

Nach Angaben der Wirtschaftsverwaltung sei die Zahl der Beschäftigten in den letzten drei Jahren in Berlin um 11,7 Prozent gestiegen. Bundesweit gab es hingegen nur einen Anstieg um 6,2 Prozent. Im Bereich der kleinen, mittelgroßen und großen Betriebe seien bei der Beschäftigung zwischen 2016 und 2019 in Berlin jeweils überdurchschnittliche Zuwachsraten erreicht worden, teilte die Senatsverwaltung mit.

Auch Wirtschaftsverbände in Berlin zeigten sich auf Anfrage angetan von den neu veröffentlichten Zahlen. „Berlin ist seit Jahren Gründungshauptstadt. Hier ist der Unternehmergeist, der in Deutschland so oft vermisst wird, noch zu Haus“, erklärte der Geschäftsführer für Wirtschaft und Politik bei der Industrie- und Handelskammer (IHK), Henrik Vagt. Der Standort überzeuge nicht nur durch die Vielzahl der Neugründungen, sondern auch durch deren Qualität, so der Kammer-Geschäftsführer.

Berliner Start-ups sammelten 2019 so viel Geld wie nie zuvor

Ein Beleg dafür ist das nach Berlin geflossene Risikokapital. Nach Angaben der Wirtschaftsprüfgesellschaft EY waren im vergangenen Jahr an junge Unternehmen in der deutschen Hauptstadt insgesamt 3,7 Milliarden Euro geflossen. Berlin lag damit an der Spitze aller deutschen Bundesländer. Europaweit landete der Standort auf dem dritten Platz hinter London und Paris.

Vagt sieht aber nach wie vor Potenzial, Berlin als Standort für Unternehmen noch attraktiver zu machen. Insbesondere Expansionsflächen für schnell wachsende Unternehmen seien inzwischen Mangelware, erklärte er. „Es müssten weit mehr neue Gewerbeflächen ausgewiesen werden als bisher – der Fokus darf nicht allein auf dem Wohnungsbau liegen. Sonst droht die wirtschaftliche Dynamik, die Berlin sich so mühsam erarbeitet hat, wieder zu erlahmen“, mahnte der Wirtschaftsfachmann.

UVB: Senat muss Mittelstand stärker in den Blick nehmen

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) sehen in den neuen Zahlen auch einen Beleg dafür, dass die Politik des Senats noch stärker den Mittelstand in der Stadt in den Blick nehmen müsse. „Vor allem die mittelgroßen Unternehmen legen zu. Hier gleicht sich die Wirtschaftsstruktur der in anderen Regionen an. Bislang war Mittelstand in der Hauptstadt weniger stark vertreten. Das ändert sich nun. Die Politik sollte diesen Trend unterstützen und ihre Regelungen stärker auf den Mittelstand ausrichten“, sagte UVB-Geschäftsführer Sven Weickert. Als Negativbeispiel nannte er das jüngst novellierte Vergabegesetzt. Sowohl UVB als auch IHK hatten das Gesetz nach der Verabschiedung kritisiert. Durch zu viele bürokratische Vorgaben verschrecke der Senat bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen kleinere Firmen zusehends, hieß es.

Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus hält mit Blick auf die neuen Betriebe-Zahlen vor allem das überdurchschnittliche Wachstum von Kommunikations- und Technologieunternehmen für ein wichtiges Signal. „Daher ist der Senat hier besonders gefordert, für diese Betriebe das Breitbandnetz und 5 G fokussiert anzugehen. Ideen aus der SPD, die Förderung von Start-ups an die Gründung von Betriebsräten zu knüpfen, sind hingegen das völlig falsche Signal“, sagte Swyter. Die Sozialdemokraten hatten in der vergangenen Woche vorgeschlagen, Fördermittel nur noch an Start-ups mit Betriebsrat und Tarifvertrag zu vergeben. Die SPD-Abgeordnete Ina Czyborra ruderte inzwischen aber zurück: „Wir haben das etwas überspitzt formuliert“, gestand sie dem Portal „Gründerszene“. Natürlich erwarte man nicht, dass in einem Vier-Mann-Start-up sofort ein Betriebsrat gegründet oder ein Tarifvertrag eingeführt werde.