Berliner Unternehmen

Wie deutsche Praxen digitalisiert werden

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Sandeep Singh Jolly ist Geschäftsführer des Berliner Unternehmens German Telematics.

Sandeep Singh Jolly ist Geschäftsführer des Berliner Unternehmens German Telematics.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Die Firma "German Telematics" von Sandeep Singh Jolly stellt Lesegeräte für die Gesundheitskarte her.

Berlin. Sandeep Singh Jolly schlägt sich nach seiner Ankunft im Jahr 1982 in Berlin mit Gelegenheitsjobs durch. Unter anderem arbeitet er als Rosenverkäufer und als Komparse im Schiller-Theater. Später macht er erst seinen Realschulabschluss, dann sogar sein Abitur und studiert an der Technischen Universität Informatik. Heute ist Jolly, der praktizierender Sikh ist und deshalb aus religiösen Gründen Turban trägt, 52 Jahre alt und sein eigener Chef.

Mit seiner Firma German Telematics digitalisiert er gewissermaßen deutsche Arztpraxen. Die von seinem Unternehmen hergestellten Lesegeräte für Gesundheitskarten haben in Deutschland einen Marktanteil von gut 25 Prozent.

Die Lesegeräte gelten als wichtiger Baustein für die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft. Seit 2011 ist die Technik in deutschen Praxen Pflicht. Gespeichert sind auf der Plastikkarte unter anderem der Name des Patienten, seine Anschrift, Geburtsdatum, Krankenkassenmitgliedschaft sowie die Versichertennummer. Verglichen zu den weiteren Plänen des Bundesgesundheitsministeriums ist die Informationslage für den Arzt heute noch dürftig.

Gesundheitskarten sollen bald Medikationsplan speichern

Schon im kommenden Jahr soll zum Beispiel ein elektronischer Medikationsplan auf den Gesundheitskarten gespeichert werden können. Ärzte können dann so auch erkennen, welche Arzneien für den jeweiligen Patienten bereits verschrieben worden sind. Auch etwaige Unverträglichkeiten könnten so abgebildet werden. Ebenfalls 2020 sollen die sogenannten Notfalldaten über die Karten abgerufen werden können. Im Falle einer schweren Verletzung und einer eventuellen Operation könnte der behandelnde Mediziner so zum Beispiel die Blutgruppe oder etwaige Allergien erkennen. Das ist etwa dann wichtig, wenn bei dem Patienten schnell eine Infusion gelegt werden muss.

Sandeep Singh Jolly rechnet sich durch die zusätzlichen Funktionen weitere Chancen aus. Bis heute hat German Telematics etwa 75.000 Geräte ausgeliefert. Damit zählt die Berliner Firma mit 20 Mitarbeitern zu den kleineren Anbietern. Wettbewerber sind unter anderem der französischen Konzern Ingenico und der deutsche Anbieter Cherry. German Telematics punktet in dem Markt auch mit dem Siegel „Made in Germany“. Alle Produkte werden von einem Fabrikanten in Berlin hergestellt. Bei entsprechender Auftragslage sei German Telematics in der Lage, bis zu 10.000 Geräte im Monat produzieren zu lassen, sagt Geschäftsführer Jolly.

Das Angebot der Berliner Firma geht aber über die Produktion und Lieferung der Gesundheitskarten-Lesegeräte hinaus. Mit seiner Unternehmensgruppe kümmert sich Jolly auch um Einrichtung der Technik und sorgt zudem dafür, dass die digitale Infrastruktur in den Arztpraxen auch nach einigen Jahren noch so funktioniert wie sie soll. „So können wir unseren Kunden ein Komplett-Paket anbieten“, erklärt Jolly. Der Kontakt zu den Arztpraxen hat auch historische Gründe.

1992 brachte der Unternehmer eine Software auf den Markt, die Ärzten dabei helfen sollte, Abläufe in ihren Praxen besser strukturieren zu können. Mithilfe des Programms war es etwa möglich, Termine zu koordinieren, Abrechnungen zu erstellen, aber auch Patientendaten und Rezepte einzugeben. „Mit der Software konnten Ärzte ihre Praxen papierlos betreiben“, erzählt Jolly.

Aber auch aus technischen Gründen könnten sich die Marktanteile im deutschen Gesundheitskarten-Lesegeräte-Geschäft noch einmal verändern: Derzeit müssen Praxen die alten Lesegeräte aus dem Jahr 2011 durch neue Technik ersetzten. Das lief bislang schleppender als ursprünglich gedacht, auch, weil nicht alle Hersteller so schnell wie gewünscht liefern konnten. Die neueste Lesegeräte-Generation soll vor allem den Missbrauch der Karten erschweren. Denn mithilfe der neuen Technik wird jede Karte vor der Behandlung überprüft. Auch Änderungen bei den Patientendaten können direkt durch die Praxen durchgeführt werden. Das soll auch dazu führen, dass weniger Gesundheitskarten neu hergestellt werden müssen.

German Telematics erzielt bis zu 3,5 Millionen Euro Umsatz

Vergleichsweise aufwendig bleibt aber die Abrechnung der Behandlungen, zum Beispiel über die Kassenärztlichen Vereinigungen. „Deutschland“, sagt Jolly, „hat das komplexeste Abrechnungssystem. Alle anderen Länder machen es relativ einfach.“ Das Auslandsgeschäft von German Telematics steht aber noch am Anfang. Einige Geräte liefert die Firma zwar in das europäische Ausland. Weltweit aber ist man in vielen Ländern noch nicht so weit wie in Deutschland.

Davon konnte sich Jolly zuletzt auch in Singapur überzeugen. Einwohner in dem südostasiatischen Stadtstaat müssen bei Arztbesuchen lediglich eine ID-Nummer angeben, um behandelt zu werden. Jolly hat bei seinem Besuch mit Ärzten, Apothekern, der nationalen Krankenhausgesellschaft und Ministerien gesprochen. Bis eine Entscheidung darüber gefällt wird, ob eventuell so etwas wie eine Gesundheitskarte eingeführt wird, dürfte noch Zeit vergehen. „Singapur denkt über Konzepte nach, aber hat sich noch nicht entschieden“, sagt Jolly.

Der indisch-stämmige Geschäftsmann will bis dahin das kleine Berliner Unternehmen aber entsprechend positionieren. Bis zu 3,5 Millionen Euro Umsatz erzielt German Telematics jedes Jahr. Raum für Wachstum gibt es noch. Das angrenzende Grundstück neben dem Hauptsitz in Steglitz-Zehlendorf gehört bereits zur Firma. Eventuell könnte dort in den nächsten Jahren ein Erweiterungsbau entstehen.