Untersuchung

Jedem vierten Deutschen droht im Alter die Grundsicherung

Eine Untersuchung prognostiziert, dass bis 2035 fünf Millionen Rentner in der Grundsicherung abrutschen. Ein Grund dafür sind Mieten.

Fünf Millionen deutsche Rentner drohen einer Untersuchung zufolge, bis 2035 in die Grundsicherung abzurutschen. Ein Grund dafür sind hohe Mieten.

Fünf Millionen deutsche Rentner drohen einer Untersuchung zufolge, bis 2035 in die Grundsicherung abzurutschen. Ein Grund dafür sind hohe Mieten.

Foto: imago/momentphoto/Bonss

Berlin. Reisen, kulturelle Veranstaltungen besuchen, den Lebensabend genießen – für viele kommende Rentner könnte das zu einer Illusion werden, die von einer grauen Realität namens Altersarmut abgelöst werden wird. Wie eine aktuelle Untersuchung des Pestel-Instituts zeigt, droht fast jedem vierten deutschen Rentner im Jahr 2035 die Armutsfalle.

Konkret prognostiziert die Hannoveraner Forschungseinrichtung, dass von den rund 21,4 Millionen Rentnern im Jahr 2035 über fünf Millionen Menschen in die Grundsicherung abrutschen werden.

Altersarmut: Zahl der Grundsicherungsempfänger hat sich verdoppelt

Für seine Untersuchung, die unserer Redaktion vorliegt, hat das Institut die Zunahme bei den Grundsicherungsempfängern mit dem Schuldenstand von Senioren, den Zahlbeträgen von Neurentnern und der Anzahl derjenigen, die betriebliche und private Vorsorge betrieben, miteinander vergleichen.

Bereits im vergangenen Jahr bezogen demnach 559.419 Senioren ab 65 Jahren Grundsicherung. Damit hat sich die Anzahl seit 2003 mehr als verdoppelt. Auch gebe es laut der Untersuchung eine große Grauzone. Aktuell beziehen rund drei Prozent der Senioren Grundsicherung, anspruchsberechtigt wären laut Schätzungen von Sozialverbänden wohl dreimal so viele.

Im Alter droht der „Rentenschock“

Besonders die Wohnkosten seien laut Matthias Günther, Leiter des Pestel-Instituts, ein Faktor für die Altersarmut: „Mit dem Eintritt in den Ruhestand beginnt oft der sogenannte Rentenschock. Das Nettoeinkommen sinkt, aber die Fixkosten bleiben erhalten. Deshalb müssen Rentner häufig über die Hälfte ihres Einkommens für das Wohnen ausgeben“, sagte Günther unserer Redaktion.

Auch könnten viele Senioren nicht in kleinere Wohnungen umziehen, da im Verhältnis kleinere Wohnungen oft teurer als größere seien.

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Bau-Gewerkschaft warnt vor „sozialer Horrorvorstellung“

Die Industriegewerkschaft Bau-Agrar-Umwelt (IG BAU), die die Untersuchung in Auftrag gegeben hat, zeigt sich über die Ergebnisse alarmiert. „Wenn 2035 jeder vierte Rentner auf Grundsicherung angewiesen sein wird, ist das eine soziale Horrorvorstellung“, sagte IG-BAU-Chef Robert Feiger und fügte an: „Immer mehr Menschen wohnen sich arm.“

Dieses Phänomen der „Wohn-Altersarmut“ habe laut Feiger „längst die Mitte der Gesellschaft erreicht.“

Zahl der Sozialwohnungen hat sich halbiert

Doch selbst wenn Senioren aufgrund eines Abrutschens in die Grundsicherung gezwungen sind, sich eine günstigere Wohnung zu suchen, stehen die Chancen schlecht. Jedes Jahr verlieren mehr Sozialwohnungen ihre Bindung, müssen also nicht mehr günstig vermietet werden, als neue Sozialwohnungen gebaut werden können.

Während sich die Anzahl der Grundsicherungsempfänger in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt hat, gab es bei den Sozialwohnungen den gegenteiligen Effekt: Sie haben sich halbiert auf nur noch 1,18 Millionen Wohnungen.

Für IG-BAU-Chef Feiger steht daher fest, dass ein Neubau von mindestens 60.000 bezahlbaren Wohnungen pro Jahr nötig sei, insbesondere in den Ballungsräumen und Wachstumsregionen. Allerdings hatte eine jüngste Untersuchung erst ergeben, dass die Bundesregierung beim Wohnungsbau ihr Ziel deutlich zu verfehlen droht.

Mieterbund sieht Mietenanstieg von bis zu 3,5 Prozent

Wer keine Sozialwohnung findet, kann ebenfalls nicht auf Entspannung am Immobilienmarkt hoffen. Der Deutsche Mieterbund rechnet damit, dass im kommenden Jahr die ortsüblichen Vergleichsmieten in Deutschland im Schnitt um 2,5 bis 3,5 Prozent steigen werden.

Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbands der Wohnungswirtschaft GdW, rät bei solchen Mietprognosen zwar zu „großer Vorsicht“, sieht aber auch Senioren von zu geringen Wohnungsangeboten und steigenden Preisen in den Ballungsregionen besonders betroffen. „Es wird zukünftig mehr Senioren geben, die arm sind und in allen Bereichen nicht angemessen am sozialen Lebenteil haben können“, sagte Gedaschko.

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Grünen-Politiker kritisiert Bundesregierung

Empört über die aktuelle Entwicklung zeigt sich der wohnungspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Chris Kühn: „Die Bundesregierung läuft sehenden Auges in eine soziale Massenmisere“, sagte Kühn.

Sein Fachkollege aus der FDP-Fraktion, Daniel Föst, betont: „Wir müssen mit den Baukosten runter, denn günstiger bauen heißt günstiger wohnen.“

SPD will mit Grundrente das Problem lösen

Laut SPD-Politiker Bernhard Daldrup, Ausschusssprecher für Wohnen bei den Sozialdemokraten, habe die Regierung dagegen auf die drohende „Wohn-Altersarmut“ reagiert. So sei der soziale Wohnungsbau gefördert, die Mietpreisbremse verschärft und das Baukindergeld eingeführt worden.

Vor allem aber werde die geplante Grundrente dafür sorgen, dass diejenigen, die trotz langer Arbeit nur wenig Rente beziehen, „künftig spürbar mehr in der Tasche haben“, sagte Daldrup unserer Redaktion.

Untersuchung: Grundrente kann Altersarmut nicht stoppen

Die große Lösung zur Altersarmut ist aber laut Pestel-Institut auch die neue Renten-Leistung, auf die sich CDU/CSU und SPD Anfang November verständigt haben, nicht. „Die Einführung der Grundrente für langjährig Versicherte würde die Situation zwar entschärfen, aber nicht grundlegend ändern, da ein erheblicher Teil der künftig auf Grundsicherungsleistungen angewiesenen Personen die 35 Jahre Einzahlung nicht zusammenbekommt“, heißt es in der Untersuchung.