Berliner Finanz-Start-up

13,6 Millionen Zahlungen über Ratepay abgewickelt

Miriam Wohlfarth hat den Zahlungsdienstleister gegründet. Die Firma wickelt Onlinezahlungen in Höhe von zwei Milliarden Euro ab.

Erfolgreich im Finanzgeschäft: Die Chefin und Gründerin von „Rate Pay“, Miriam Wohlfarth.

Erfolgreich im Finanzgeschäft: Die Chefin und Gründerin von „Rate Pay“, Miriam Wohlfarth.

Berlin. Zehn Jahre ist der Berliner Zahlungsdienstleister Ratepay Anfang Dezember alt geworden. Den Sprung ins Teenager-Alter feiert das Fintech unter anderem mit neuen Werten, die in dieser Woche als bunte Plakate auf dem Flur in der Firmenzentrale aufgehängt worden sind. Die Eigenschaften „Entscheidungsfreude“, „Mut“, „Siegeswille“, „Herzlichkeit“ und „Einsatzbereitschaft“ sollen den Weg in ein neues, erfolgreiches Jahrzehnt ebnen. Auch das Logo des Anbieters erhalte in nächster Zeit eine Frischzellenkur, erzählt Ratepay-Gründerin Miriam Wohlfarth (49). Das sei vor zehn Jahren eher in einer Low-Budget-Variante entstanden. Mittlerweile sei dafür mehr Geld verfügbar, sagt sie.

Ratepay wickelt für verschiedene Internethändler Zahlungsdienstleistungen ab. Dabei hat sich das Fintech vor allem auf Käufe fokussiert, die per Rechnung oder mit dem Lastschriftverfahren bezahlt werden. Zu den Kunden, die mithilfe von Ratepay die Online-Zahlung von Bestellungen abwickeln, gehören unter anderem die Auktionsplattform Ebay, die Airline Eurowings, das Fernbusunternehmen Flixbus und Bringmeister, der Lieferservice des Lebensmitteleinzelhändlers Edeka. Mehr als 450 Unternehmen, vor allem aus Deutschland, setzten derzeit auf den Service von Ratepay. Im vergangenen Jahr liefen über die Berliner insgesamt 13,6 Millionen Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von rund zwei Milliarden Euro ab.

Ratepay profitiert von dem wachsenden Online-Geschäft

Zuletzt war das Geschäft von Ratepay um 50 Prozent gewachsen. Das liegt nicht nur an dem Unternehmen selbst. Deutschlandweit kaufen immer mehr Verbraucher im Internet ein. Im vergangenen Jahr war das Gesamtvolumen des deutschen Internethandels erstmals auf über 53 Milliarden Euro angewachsen. Auch angetrieben von dieser Entwicklung, schafft es Ratepay, seit 2016 profitabel zu arbeiten. Im vergangenen Jahr betrug der Jahresüberschuss vor Sondereffekten (Ebitda) rund sieben Millionen Euro.

Ratepay agiert als Anbieter von Zahlungsdienstleistungen eher im Hintergrund. Während Wettbewerber wie Paypal oder Klarna als eigenständige Marken auftreten, scheint Ratepay das Dasein im Schatten seiner Kunden aber durchaus zu genießen. „Mehr als 99,5 Prozent der Menschen, die mit Ratepay bezahlen, kennen uns gar nicht und das ist auch gut so“, sagt die Gründerin.

Ratepay fungiert als Dienstleister für seine Kunden

Im Buhlen um neue Kunden punkte Ratepay vor allem mit maßgeschneiderten Lösungen. Für Bringmeister, den Lieferservice von Edeka, hat das Berliner Fintech etwa für Kunden die Möglichkeit geschaffen, auch zurückgegebene Pfandflaschen mit der Bestellung verrechnen zu können. Auch unterschiedlich schweres und damit unterschiedliches teures Obst und Gemüse kann der Anbieter problemlos den Edeka-Kunden in Rechnung stellen.

Für Ratepay ist das Geschäft allerdings nicht ohne Risiko: Während der Händler von dem Berliner Unternehmen prompt sein Geld erhält, muss Ratepay selbst mitunter länger warten, bis die Kunden die getätigten Bestellungen auch bezahlen. Ab und an bleibt das Fintech auch auf den Kosten sitzen. Wie hoch die Ausfallzahlen tatsächlich sind, will Ratepay zwar nicht sagen. Betrügereien beim Interneteinkauf, vor allem durch sogenannten Identitätsdiebstahl, hätten in den vergangenen Jahren aber zugenommen, so Gründerin Wohlfarth.

Berliner Start-up arbeitet mit Künstlicher Intelligenz an Erkennung von Internet-Kriminellen

Ratepay hat deswegen massiv in das hausinterne Risikomanagement investiert. Über eine eigens entwickelte Künstliche Intelligenz (KI) wird so gewissermaßen vor der Bestellung jeder Warenkorb analysiert. „Jeder Betrug hat bestimmte Muster. Wir haben Maschinen, die darauf trainiert sind, das zu erkennen“, erklärt Wohlfarth.

Entscheidend dafür, ob eine Bestellung als auffällig gewertet wird, ist zum Beispiel der Wert der Bestellungen. Weicht der Warenkorb deutlich von den getätigten Durchschnittsbestellungen ab, schaut Ratepay genauer hin. Ebenfalls ein guter Indikator für einen möglichen Identitätsdiebstahl ist die verwendete E-Mail-Adresse. Betrüger würden vor allem sogenannte Wegwerf-Mailadressen verwenden, so Wohlfarth. Andere Scoring-Anbieter, etwa die Schufa, spielen bei Ratepay hingegen nur eine untergeordnete Rolle, so die Gründerin.

Ratepay gehörte lange zum Hamburger Versandunternehmen Otto

Miriam Wohlfarth selbst gilt als eine der Pionierinnen der deutschen Fintech-Szene. Ratepay, 2009 von ihr und zwei weiteren Geschäftspartnern gegründet, beschäftigt derzeit in seinen Charlottenburger Büros fast 250 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat aber durchaus schwerere Zeiten hinter sich. Vor zehn Jahren sei der Appetit auf Finanzdienstleistungen im Internet kaum vorhanden gewesen, sagt Wohlfarth rückblickend. Auch die damalige weltweite Finanzkrise wird daran ihren Anteil gehabt haben. 2011 verkauften Wohlfarth und ihre Mitgründer Ratepay an den Hamburger Versandriesen Otto – ein Glücksfall, wie Wohlfarth sagt. „Von Otto haben wir gelernt, was die Deutschen von einem Kauf auf Rechnung erwarten“, erklärt sie mit Blick auf den Otto-Katalog, der einstigen Versand-Bibel der Nation.

2017 gab Otto das Zahlungsgeschäft auf und verkaufte Ratepay an die Finanzinvestoren Advent International und Bain Capital, die bis heute Eigentümer des Berliner Unternehmens sind. Die neuen Besitzer hätten dazu beigetragen, dass Ratepay heute effizienter arbeite, sagt Wohlfarth. Ihr Unternehmen sei aber vergleichsweise unabhängig. Das zeigt auch ein Blick in die Chefetage: Miriam Wohlfarth und CEO Jesper Wahrendorf sind mittlerweile seit neun Jahren ein Team.

Ratepay-Gründerin Wohlfarth geht von stärker automatisierten Bezahlvorgängen aus

Ratepay rechnet auf dem deutschen Markt mit weiterem Wachstum. Im internationalen Vergleich seien die Deutschen noch vergleichsweise zurückhaltend, was die bargeldlose Bezahlung angehe. Als Beispiel nennt Wohlfarth den Fahrdienstleiter Uber. In den USA sei es üblich, dass der Bezahlvorgang durch das Aussteigen aus dem Auto abgeschlossen sei, in Deutschland hingegen müsse der Nutzer noch immer die Bezahlung autorisieren. „Die Deutschen sitzen gerne auf dem ,driver seat’“, sagt Wohlfarth dazu – sie haben also ihre Finanzen gern unter Kontrolle.

Automatisierte Bezahlvorgänge werden aber auch hierzulande zunehmen, glaubt die Unternehmerin. „Dass Kunden sich zu Hause hinsetzten, ihr Online-Banking öffnen und dann Überweisungen tätigten, wird es so nicht mehr geben“, sagt sie. Das sei auch eine Frage der Bequemlichkeit.