Amazon-Tochter

Audible produziert nun in eigenen Studios in Berlin

Etwa acht Millionen Deutsche hören täglich Hörspiele, Hörbücher oder Podcasts. Nun hat der Marktführer Audible kräftig investiert.

Audible-Europachef Nils Rauterberg (r.) und Produktionsleiter Marcus Raabe in den neuen Studios in Berlin-Mitte.

Audible-Europachef Nils Rauterberg (r.) und Produktionsleiter Marcus Raabe in den neuen Studios in Berlin-Mitte.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Erst vor ein paar Tagen ist in den neuen Studios des Hörerlebnis-Spezialisten Audible eine der wohl längsten Podcast-Folgen aller Zeiten aufgezeichnet worden. Elf Stunden, elf Minuten und elf Sekunden verbrachten Micky Beisenherz und Oliver Polak in dem Aufnahmeraum in Mitte, um die 111. Folge ihres Podcasts „Juwelen im Morast der Langeweile“ entsprechend zu würdigen. Vielleicht hat auch die neue Technik dazu beigetragen, dass Beisenherz und Polak es so lange zusammen in einem Raum ausgehalten haben.

Denn der Audio-Anbieter Audible, über dessen Plattform der Podcast angeboten wird, hat kräftig investiert. Etwas weniger als eine Million Euro soll die Amazon-Tochter nach Informationen der Berliner Morgenpost ausgeben haben. Im Erdgeschoss des Firmensitzes in der Schumannstraße in Mitte sind von dem Geld auf rund 250 Quadratmetern vier Studios entstanden.

Hörbuch-Aufnahmen mit besserer Klimatechnik

Unter anderem ist in den Aufnahmeräumen ein spezielles Klima- und Lüftungssystem eingebaut worden. Der Clou: Die Lüftung wurde nicht in den Studios, sondern auf dem Dach verbaut. In den Räumen sorgt spezielle Luftaustrittstechnik an der Decke für die entsprechende Frischluftzufuhr. „So werden keinerlei Geräusche verursacht, und wir können die Klimaanlage während der Aufnahmen laufen lassen,“ erklärt Audible-Produktionsleiter Marcus Raabe. Vor allem in dem sogenannten Multi-Cast-Studio, wo gleichzeitig bis zu sieben Sprecher an einer Aufnahme arbeiten können, sei das wichtig.

Der Studio-Neubau in Berlin ist für Deutschlands Hörbuch-Marktführer auch eine Zeitenwende. Bislang waren die Produktionen größtenteils mit externen Partnerstudios produziert worden. An den Kooperationen will Audible weiter festhalten. Der Neubau in Berlin trage auch der gestiegenen Nachfrage auf dem deutschen Markt nach Audio-Produktionen Rechnung, sagt Audible-Europachef Nils Rauterberg.

„Es geht nicht mehr nur darum, Buchvorlagen zu vertonen und Zugang zu existierenden Inhalten zu geben, sondern neue Geschichten speziell fürs Hören zu entwickeln“, erklärt Rauterberg. Das ganze Geschäft werde von den Inhalten angetrieben. Audible wolle den Hörern einen Mehrwert bieten. „Dafür haben wir jetzt die Fähigkeiten und Kapazitäten geschaffen“, erklärte der Audible-Geschäftsführer mit Blick auf den Studioneubau.

Audible will mehr als 500 Audio-Titel in Deutschland produzieren

Etwa 15 Prozent der für den deutschen Markt geplanten Produktionen sollen künftig in den neuen Aufnahmeräumen stattfinden. Im kommenden Jahr will Audible mehr als 500 Audio-Titel in Deutschland produzieren, darunter sind auch 100 sogenannter Audible-Originals. Das sind Produktionen, die von Autoren eigens für das Unternehmen entwickelt werden, für die es also bislang keine Buchvorlage gibt.

Audible hat mit der Entwicklung eigener Formate und Vorlagen auch auf die Wünsche der Kunden reagiert. Laut der Branchenstudie Hörkompass 2019 hört bereits ein Drittel der Gesamtbevölkerung – etwa 23 Millionen Menschen – regelmäßig Hörbücher, Hörspiele oder Podcasts. Fast acht Millionen Menschen hören sogar täglich Audio-Angebote. Das sind doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor und fast viermal so viele wie 2016.

Hörbuch-Konkurrent Bookbeat wirbt um Kunden

Neben Audible mischen auch andere Anbieter im deutschen Markt mit. Neben Google und Spotify haben auch junge Anbieter wie Nextory den Markt für sich entdeckt. Besonders aggressiv um Kunden wirbt seit Sommer 2019 der schwedische Anbieter Bookbeat, der derzeit in vielen deutschen Städten großflächige Kampagnen plakatiert hat. Bookbeat bietet anders als Audible eine Hörbuch-Flatrate an.

Nils Rauterberg beobachtet die Entwicklungen am Markt aufmerksam. Sorgen macht sich der Audible-Europachef angesichts der neuen Konkurrenz aber nicht. „Wir freuen uns, dass mehr Player die Bedeutung des Audio-Trends erkennen. Für uns ist die wachsende Konkurrenz ein Ansporn, weiter an der Spitze der Entwicklung zu sein“, erklärt Rauterberg.

Audible-Podcast bekam Deutschen Radiopreis

Ideen für neue Podcasts, Hörspiele und Hörbücher können Autoren mittlerweile dauerhaft bei dem Audio-Produzenten einreichen. Innerhalb eines Jahres kommen so mehr als einhundert Vorschläge zusammen, so Rauterberg. Die Produktionen an sich sind mittlerweile durchaus kostspielig. Neben der Sprachaufnahme finanziert Audible für einige Projekte auch extra komponierte Musik-Stücke und stellt für journalistische Formate Recherchebudgets zur Verfügung.

Der Kurs zahlt sich aus: Für die Produktion „Im Untergrund“, in der die Journalistin Patrizia Schlosser nach drei untergetauchten RAF-Terroristen sucht, gab es im vergangenen Jahr den Deutschen Radiopreis – es war der erste überhaupt für einen Podcast.

Nils Rauterberg erkennt bei einem Rundgang durch die neuen Studios aber auch, wo noch Potenzial besteht. Vor einem Fenster bleibt er stehen und blickt in den Innenhof. Erste Blumenzwiebeln seien zwar bereits angepflanzt worden. Das Gärtnern an sich sei aber noch keine Kernkompetenz von Audible, gibt Rauterberg süffisant zu.