Geld

Strafzinsen: Schon 190 Banken verlangen Extra-Gebühren

Immer mehr Banken und Sparkassen verlangen auch von Privatkunden Negativzinsen auf Giro- und Tagesgeldkonten. Wo es noch kostenlos ist.

Strafzinsen für Privatkunden: Was man jetzt wissen muss
Beschreibung anzeigen

Berlin. Die Verbraucher werden von ihren Geldinstituten immer häufiger zur Kasse gebeten. Rund 190 Banken und Sparkassen verlangen bereits Negativzinsen auf Guthaben von Giro- und Tagesgeldkonten von Geschäftsleuten. 90 Geldhäuser kassieren solche sogenannten Verwahrgelder auch von Privatkunden.

Dies geht aus einer Untersuchung von 1300 Geldinstituten des Finanzportals Biallo hervor. Zum Vergleich: Vor zwei Monaten verlangten nur 40 Institute Negativzinsen. Seit dem neuen Jahr haben sich viele Banken angeschlossen.

Deutsche Bank, Commerzbank und Postbank verlangen Gebühren

Zu den gebührenerhebenden Banken zählen renommierte Häuser wie die Deutsche Bank, Commerzbank, Comdirect oder DAB BNP Paribas. Die Postbank verlangt Negativzinsen vereinzelt für Großkunden mit hohen Einlagen. Aber es gibt bundesweit auch zahlreiche Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken, die ihre Kunden für Spareinlagen abstrafen.

Guthaben bei ING und DKB noch kostenlos

Jede Bank legt ihre Zinssätze individuell fest, meistens gibt es einen Freibetrag, der mal bei 10.000 Euro, 100.000 Euro, 250.000 Euro oder erst bei einer Million Euro liegt. Noch sind Strafzinsen vom ersten Euro an die Ausnahme, heißt es in der Biallo-Studie. In der Regel müssen Kunden zwischen 0,2 bis 0,5 Prozent Strafzinsen für ihre Einlagen bezahlen. Kostenlos sind Guthaben derzeit unter anderem bei der ING und DKB.

Banken und Sparkassen geben Kosten der Niedrigzinspolitik an Kunden weiter

Hintergrund der Zinserhebung ist die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Diese hat im Juni 2014 erstmals Einlagenzinsen von Banken verlangt, die kurzfristig Geld in der Notenbank parken müssen. Diese Kosten werden nun offenbar zunehmend an die Kunden weitergereicht.

Urteil: Negativzinsen dürfen nur nach Rücksprache verlangt werden

Eigentlich dürfen Negativzinsen nur nach Zustimmung durch die Kunden eingeführt werden. Eine flächendeckende Einführung ist deshalb problematisch. Denn: Bereits 2018 hat das Landgericht Tübingen entschieden, dass bei Altverträge sogenannte Verwahrentgelte nicht nachträglich per Klausel im Preisaushang eingeführt werden dürfen. (Az. 4 O 225/17)

Negativzinsen sind aus unserer Sicht unzulässig, da die Verbraucher sonst zweimal für die Verwahrung ihres Geldes bezahlen müssten: Über die Kontogebühr und über die Negativzinsen, die als Verwahrentgelte bezeichnet werden“, sagt Kay Görner, Rechtsreferent bei den Marktwächtern der Verbraucherzentrale. „Das ist aus unserer Sicht unzulässig und verstößt gegen AGB-Recht.“ Die Erhebung von Negativzinsen ist somit nur bei Neukunden ohne Nachfragen zulässig. Wer also ein neues Konto bei einer Bank eröffnet, muss die aktuell geltenden Bestimmungen akzeptieren.

Banken müssen Kunden persönlich informieren

Wenn jedoch Banken oder Sparkassen von ihren Bestandskunden Strafzinsen verlangen wollen, so müssen sie diese vorher zu einem persönlichen Gespräch einladen, sagt der Chefredakteur des Biallo-Verbraucherportals, Sebastian Schick. „Es genügt nicht, die Bedingungen in den Entgeltinformationen oder Preisaushängen zu ändern. Diese Bestimmungen gelten nur für Neukunden und nicht für bestehende Kunden.“

Comdirect verlangt 0,5 Prozent für Einlagen über 250.000 Euro

Die Comdirect habe deshalb auch ihre sehr vermögenden Privatkunden bereits im November aufgefordert, eine Zusatzvereinbarung zu unterschreiben, die ihr das Recht erteilt, ab dem 1. Januar 2020 ein „Verwahrentgelt“ in Höhe von 0,5 Prozent für Einlagen über 250.000 Euro zu erheben. Die Bank habe nach eigenen Angaben bisher weniger als 300 Kunden angesprochen, die über Sichteinlagen in deutlich größerer Höhe als 250.000 Euro verfügen.

„Wir wollen ein Verwahrentgelt im breiten Privatkundengeschäft weiterhin vermeiden. Daher haben wir uns bewusst dafür entschieden, ein solches Entgelt nur individuell mit ausgewählten Bestandskunden zu vereinbaren“, so Comdirect-Pressesprecherin Christiane Rehländer. Die Sprecherin sagte, die Bank sei in engem Austausch mit den Kunden, um um Alternativen auszuloten, wie man das Geld anderweitig besser anlegen könne.

Commerzbank will zuerst Kunden mit hohen Einlagen Strafzinsen in Rechnung stellen

Ähnlich verfährt auch die Comdirect-Mutter Commerzbank. „Wir haben zahlreiche Privatkunden angesprochen“, sagte Finanzchef Stephan Engels. Bislang habe die Commerzbank so gut wie keinem Privatkunden Strafzinsen in Rechnung gestellt. „Wir fangen jetzt mit Kunden mit hohen Einlagen an.“ Engels ließ offen, ab welcher Einlagenhöhe Strafzinsen gelten sollen. Einfache Sparer würden weiter verschont.

Bei Firmenkunden erhebt die Commerzbank ab einer bestimmten Einlagenhöhe bereits seit langem Strafzinsen und passt diese nun an die gesunkenen Zinsen an. „Wir überprüfen auch die Freibeträge“, sagte Engels. Zudem wolle die Commerzbank mit Preiserhöhungen und einer Anpassung des Produktangebots einem zu hohen Zufluss von Einlagen entgegenwirken.

Banken verlangen Strafzinsen: Das muss man wissen:

  • Strafzinsen auf Sparguthaben verlangen immer mehr Banken
  • Betroffen sind vor allem Giro- und Tagesgeldkonten
  • Zuletzt haben viele Banken den Zins noch einmal angehoben
  • Verbraucherschützer kritisieren den Zins als rechtswidrig, wenn Kunden bereits Kontoführungsgebühren bezahlen
  • Verbraucherschützer raten zum Wechsel

Verbraucherschützer raten: Widerspruch oder Institutswechsel

Grundsätzlich sollten die Gebühren nicht widerspruchslos hingenommen werden. „Auf jeden Fall sollten Bestandskunden bei solch einer Mitteilung zunächst Widerspruch einlegen“, empfiehlt Schick. Es gibt bereits einen Rekord bei Beschwerden über Banken.

Verbraucherexperten raten zudem betroffenen Kunden, den Wechsel zu einer Bank mit günstigeren Konditionen zu prüfen – etwa ohne Kontoführungsentgelt und einem vielleicht breiteren Automatennetz.

Skatbank hatte als erstes Institut Strafzinsen eingeführt

Die Zinsspirale auf Guthaben von Privatleuten hatte die Deutsche Skatbank vor fünf Jahren im November 2014 in Gang gesetzt. Knapp zwei Jahre später folgte die Raiffeisenbank Gmund. Seither scheint ein Damm gebrochen zu sein – die Zahl der Nachzügler wächst.

So werden derzeit bei der Berliner Volksbank bei Einlagen ab 100.000 Euro Strafzinsen von 0,5 Prozent fällig, bei der Berliner Sparkasse gilt dies ab 500.000 Euro. Die Hamburger Sparkasse verlangt ab 500.000 Euro Guthaben 0,4 Prozent Strafzinsen, die Sparkasse Hannover nimmt ab einer Million Euro für Guthaben 0,5 Prozent Zinsen.

Hintergrund: Was der Kurs der EZB für Kredite und gespartes Geld bedeuten

Der Druck steigt, die Kosten an die Kunden weiterzureichen

Auch der Präsident des Bankenverbandes, Hans-Walter Peters, weiß: „Die Negativzinsen der EZB treffen insbesondere die Banken – kleine, mittlere, wie große und aus allen Branchengruppen –, denen Sparer ihr Geld anvertrauen.“ Die Möglichkeiten, die zusätzlichen Belastungen über Entgelte und Zinsen weiterzugeben, seien zwar begrenzt, doch der Druck steige, sie auszuschöpfen.

Präsident des Bankenverbands erwartet Weitergabe der Kosten an Kunden

„Ich persönlich könnte mir etwa vorstellen, dass viele Banken auf Dauer nicht mehr umhinkönnen, die zusätzlichen Belastungen auch in der Breite an Privatkunden weiterzugeben“, sagte Peters weiter. Die Entscheidung müsse natürlich jedes Institut selbst treffen. Und hiermit tun sich viele schwer. Denn wie in allen Branchen sind steigende Preise Gift fürs Geschäft. Keiner möchte deshalb Kunden verlieren.

Strafzinsen ab wann? Diese Banken verlangen sie

Geldinstitut – Zinssatz p.a. – Anlagebetrag

  • Berliner Sparkasse: 0,50 % ab 500.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Berliner Volksbank: 0,50 % ab 100.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Comdirect: 0,5 % ab Einlagen über 250.000 Euro auf Girokonto
  • Deutsche Skatbank: 0,50 % ab 100.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Ethikbank: 0,40 % nach individueller Vereinbarung auf Girokonto
  • Flatex: 0,50 % für Guthaben auf dem Cashkonto
  • Frankfurter Volksbank: 0,40 % nach individueller Vereinbarung (nur für höhere Beträge)
  • GLS Bank: 0,40 % ab einer Million Euro auf dem Tagesgeldkonto
  • Hamburger Sparkasse: 0,40 % ab 500.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Kreissparkasse Stendal: k. A. ab dem ersten Euro auf dem Tagesgeldkonto
  • Nassauische Sparkasse: 0,40 % ab 500.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Raiffeisenbank Gmund: 0,40 % ab 100.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Volksbank Kraichgau: 0,50 %, individuelle Vereinbarung, i.d.R. nicht unter einer Million
  • Raiffeisenbank Südstormann Mölln: individuell ab 750.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Sparda-Bank Berlin: 0,40 % ab 100.000 Euro auf Tagesgeldkonto
  • Sparkasse Bamberg: 0,40 % ab 1.000.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Sparkasse Coburg-Lichtenfels: 0,50 %, Sichteinlagen im hohen Millionenbereich
  • Sparkasse HagenHerdecke: 0,40 % Einzelfallentscheidung
  • Sparkasse Hannover: 0,50 % ab einer Million Euro, individuelle Vereinbarung
  • Sparkasse Harburg-Buxtehude: 0,50 % ab 500.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Sparkasse Meschede: 0,40 %, individuelle Vereinbarung
  • Sparkasse Neu-Ulm–Illertissen: 0,50 %, nur in Einzelfällen nach individueller Vereinbarung
  • Sparkasse Neuss: variabel, individuelle Vereinbarung, Einzelfallentscheidung
  • Sparkasse Rotenburg/Osterholz: 0,50 % ab einer Million Euro auf Girokonto
  • Sparkasse Versmold: 0,40 %, individuelle Vereinbarung
  • V-Bank München: 0,50 % ab 500.000 Euro
  • Volksbank Baden-Baden/Rastatt: 0,40 % ab einer Million Euro
  • Volksbank Dresden-Bautzen: 0,50 % ab einer Million Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Volksbank Eisenberg: 0,40 % ab 100.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Volksbank Ettlingen: 0,50 % ab 250.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Volksbank Freiburg: 0,40 % ab 750.000 Euro auf Tagesgeld- und Girokonto
  • Volksbank Main-Tauber: 0,50 % ab 500.000 Euro auf täglich verfügbare Sichteinlagen
  • Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien: gestaffelt, Negativzins wird als Gebühr weitergeben
  • Volksbank Raiffeisenbank Starnberg-Herrsching-Landsberg: 0,40 %, vereinzelt für Privatkunden, nur für „frisches“ Geld
  • Volksbank Stendal: 0,50 %, ab 100.000 Euro auf Kontokorrentkonten
  • VR-Bank Alzenau: 0,40 %, individuelle Vereinbarung
  • VR Bank Bayreuth-Hof: 0,60 % ab 300.000 Euro auf Giro- und Tagesgeldkonto
  • VR-Bank Landsberg-Ammersee: 0,40 % ab 300.000 Euro auf Girokonto
  • VR-Bank Mittelsachsen: 0,40 % ab 100.000 Euro auf Tagesgeld

Quelle: Biallo / Angaben ohne Gewähr / Stand: 20. Januar 2019