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Babymilch: Mineralöl im Nestlé-Pulver – Klöckner alarmiert

In Milchpulvern von Nestlé und Novalac sind Mineralölrückstände entdeckt worden. Das Unternehmen reagierte inzwischen auf die Vorwürfe.

Nur das Gesündeste für die Kleinen: Babys lieben Milch. Jetzt wurden Mineralölrückstände in drei Milchpulverprodukten entdeckt.

Nur das Gesündeste für die Kleinen: Babys lieben Milch. Jetzt wurden Mineralölrückstände in drei Milchpulverprodukten entdeckt.

Foto: Andrea Warnecke / dpa-tmn

Berlin. In Lebensmitteln sind erneut Verunreinigungen entdeckt worden: Einige Säuglingsmilch-Produkte von Nestlé und Novalac sind offenbar mit gesundheitsgefährdendem Mineralöl belastet. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner sprach sich für mehr Transparenz aus.

Dass das Milchpulver in diesem Fall kontaminiert ist, belegen unabhängige Laboranalysen, die die Verbraucherorganisation Foodwatch am Donnerstag veröffentlicht hat.

Bei den Untersuchungen wurden in dem Milchpulver sogenannte aromatische Mineralölbestandteile nachgewiesen, die im Verdacht stehen, Krebs auszulösen. Die Stoffe könnten von den als Verpackung verwendeten Weißblechdosen auf die Produkte übergegangen sein, vermuten die Verbraucherschützer.

Foodwatch fordert Rückruf der betroffenen Produkte

Foodwatch forderte Nestlé und Novalac auf, die belasteten Produkte sofort zurückzurufen und die Eltern vor dem Gebrauch der Produkte zu warnen. Außerdem sollten Handelsketten und Apotheken den Verkauf der Produkte stoppen. Die Verbrauchschützer raten Eltern, ihren Kindern vorsorglich keine Säuglingsmilch aus Weißblechdosen mehr zu füttern, bis die Hersteller belegen können, dass die Produkte unbelastet sind.

Welche Produkte laut Foodwatch nach den Labortests mit MOAH belastet sind:

  • Novalac Säuglingsmilchnahrung PRE 400g; Chargennummer: A5952275; Mindesthaltbarkeitsdatum: 11.03.2020; Belastung mit MOAH: 0,5 mg/kg
  • Nestlé BEBA OPTIPRO PRE 800 g von Geburt an; Chargennummer: 91120346AA; Mindesthaltbarkeitsdatum: 10/2020; Belastung mit MOAH: 3,0 mg/kg
  • Nestlé BEBA OPTIPRO 1 800 g von Geburt an; Chargennummer: 9098080621; Mindesthaltbarkeitsdatum: 10/2020; Belastung mit MOAH: 1,9 mg/kg;

Produkte in Deutschland und Österreich betroffen

In Deutschland und Österreich sind nach den Untersuchungen die Nestlé-Produkte „Beba Optipro Pre, 800 g, von Geburt an“ und „Beba Optipro 1, 800 g, von Geburt an“ betroffen sowie die in Apotheken in Deutschland erhältliche „Novalac Säuglingsmilchnahrung Pre, 400g“, berichten die Verbraucherorganisation. Zudem forderte Foodwatch Handelsketten und Apotheken auf, den Verkauf der Produkte zu stoppen.

„Aromatische Mineralölbestandteile haben in Lebensmitteln nichts zu suchen – schon gar nicht in Produkten für Säuglinge“, erklärte Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch. Gerade bei Lebensmitteln für Neugeborene müssten sich die Eltern absolut darauf verlassen können, dass die Produkte gesundheitlich unbedenklich seien.

Aromatische Mineralöle gelten als potenziell krebserregend

Aromatischen Mineralöle (MOAH) gelten nach Einschätzung der Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) als potenziell krebserregend und erbgutschädigend. Deshalb sollten solche Rückstände selbst in kleinsten Mengen nicht in Lebensmitteln enthalten sein. Neben Maschinen bei Ernte und Verarbeitung kann auch die Verpackung der Grund für die Mineralöl-Verunreinigung sein. Foodwatch geht davon aus, dass die Rückstände von den Weißblechdosen kommen.

Diese Lebensmittel werden am häufigsten zurückgerufen
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Drei Labore kommen unabhängig zu ähnlichen Ergebnissen

Drei zertifizierte Labore hatten im Auftrag von Foodwatch unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Analysemethoden Babymilch auf Mineralöle untersucht. Von vier in Deutschland zwischen Ende Juli und Anfang August eingekauften Produkten waren drei mit krebsverdächtigen aromatischen Mineralölbestandteilen (MOAH) verunreinigt.

Nur in einem Produkt – der Nestlé-Säuglingsmilch „Beba Optipro 3, 800g, ab dem 10. Monat“ – waren keine MOAH-Rückstände nachweisbar. Die Analysen zeigten, dass es sich um ungereinigte Mineralöl-Bestandteile handelt.

Foodwatch kritisiert Bundesregierung und Ministerin Klöckner

Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland, sieht in der verunreinigten Babymilch auch ein „eklatantes politisches Versagen“. Bis heute gebe es keine gesetzlichen Grenzwerte für Mineralöle in Lebensmitteln – obwohl es Konsens unter Wissenschaftlern sei, dass eine Null-Toleranz-Grenze gelten dürfe. Im Interview mit unserer Redaktion prangerte der Foodwatch-Chef kürzlich an, dass die Lebensmittelbehörden katastrophal unterbesetzt seien.

Weil es kein bundesweites Gesetz gebe, hätten sich die Bundesländer in einer Arbeitsgemeinschaft mit der Industrie auf Orientierungswerte verständigt, berichtet Rücker. Doch diese Werte würden nur für pflanzliche Produkte gelten – auch weil die Milchindustrie eine solche Zusammenarbeit blockiere.

Unter Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) liege das Thema „offensichtlich auf Eis“, kritisierte Rücker.

Klöckner: „Schädliche Milch darf nicht im Supermarkt landen“

Julia Klöckner selbst forderte Transparenz: „Es geht hier um die Gesundheit von Kindern und Babys, die besonders schutzbedürftig sind“, sagte die Bundesernährungsministerin. Und weiter: „Wenn sich herausstellt, dass Baby- oder Säuglingsmilch der Gesundheit unserer Kleinsten schaden könnte, darf sie nicht im Supermarkt landen.“ Die Verbraucher müssten sich darauf verlassen können, dass Lebensmittel sicher seien.

Das Bundesernährungsministerium teilte auf Anfrage mit, dass eine europäische Lösung angestrebt werde. Doch an eine solche Lösung glaubt der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverband, Klaus Müller, nicht: Da die EU-Kommission diese bisher nicht geliefert hat, muss die Bundesregierung jetzt handeln“, fordert Müller.

Laut Bundesernährungsministerium werde derzeit ein nationaler Verordnungsentwurf erarbeitet. Dieser soll Unternehmen verpflichten, ihre Lebensmittelverpackungen so zu gestalten, dass Mineralölrückstände nicht in Lebensmittel übergehen können.

Erst vor kurzem Frischmilch-Rückruf bei Supermärkten und Discountern

Erst vor kurzem haben Rückrufe von Frischmilch die Verbraucher verunsichert. In mehreren Produkten von Supermärkten und Discountern wurden krankheitserregende Wasserkeime entdeckt. Es wurden sofort Rückrufe durch die Hersteller und die Händler eingeleitet - und die betroffenen Produkte aus dem Verkehr gezogen. Die Verunreinigung wurde durch eine defekte Dichtung in der Produktion verursacht. Das Leck wurde behoben und die Produktion mittlerweile wieder aufgenommen.

Nestlé reagiert und verweist auf Babyservice

Nestlé reagierte am Donnerstag auf die Kritik. „Die Gesundheit und Sicherheit von Babys haben bei uns oberste Priorität. Deshalb nehmen wir die in dem Bericht von Foodwatch erhobenen Vorwürfe sehr ernst“, heißt es in einer Pressemitteilung von Nestlé.

Und weiter: „Wir möchten allen Müttern und Vätern versichern, dass die Babys weiterhin sicher mit unserer Säuglingsnahrung gefüttert werden können. Beba Optipro Pre und Beba Optipro 1 erfüllen alle lebensmittelrechtlichen Vorschriften in Deutschland und der EU.“

Das Unternehmen verweist noch darauf, das sich besorgte Eltern an den Nestlé-Babyservice wenden können: +49 (0)800 23 44 944.

Im Bereich Babyprodukte hatte es bereits am Mittwoch einen Rückruf gegeben. Die Drogeriekette dm ruft Babynahrung wegen Fremdkörpern im Brei zurück.