Altersbezüge

Neue Wirtschaftsstudie: Was für die Rente mit 69 spricht

Laut einer IW-Studie könnte ein höheres Rentenalter wie ein Konjunkturprogramm wirken. Der DGB spricht von Ausbeutung der Arbeitnehmer.

Ein Schmied in einer historischen Schmiede: Sollen wir bald bis zum 69. Geburtstag arbeiten?

Ein Schmied in einer historischen Schmiede: Sollen wir bald bis zum 69. Geburtstag arbeiten?

Foto: imago stock / imago/Westend61

Berlin. Wie lange muss ich im Alter arbeiten? Diese Frage treibt die Menschen zurzeit um. Ein Vorstoß der Bundesbank zur Anhebung des Rentenalters auf 69 Jahre führte zu einer erhitzten Debatte. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) befeuert die Diskussion weiter.

In der IW-Studie, die unserer Redaktion vorab vorliegt, wird argumentiert, dass ein steigendes Rentenalter nicht nur das Rentensystem stabilisiert und die Beiträge senkt, sondern wie ein Konjunkturprogramm für die deutsche Wirtschaft wirken könnte.

Würde das Rentenalter kontinuierlich steigen, läge das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Anfang der 2040er-Jahre um zwei Prozent und Ende der 2050er-Jahre sogar um vier Prozent über der Fortschreibung der bisherigen Rentengesetze, schreiben die IW-Forscher.

Rente: Durch „Längerarbeiten“ sinkt die Beschäftigung geringer

Hauptgrund dafür sei die höhere Beschäftigung. Denn demografiebedingt würde die Beschäftigung bei bisheriger Gesetzeslage bis 2060 um 5,6 Millionen Personen sinken, im Reformszenario des „Längerarbeitens“ nur um vier Millionen.

„Nur wenn eine höhere Regelaltersgrenze mit einer längeren Erwerbstätigkeit einhergeht, wird der künftige Einbruch der Beschäftigungsentwicklung aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge teilweise kompensiert“, argumentiert Autorin Susanna Kochskämper.

Für Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der INSM, wäre diese Anhebung folgerichtig. Die Menschen müssten auf die Veränderungen durch die steigende Lebenserwartung vorbereitet werden.

Gleiches Rentenalter wäre „unfair gegenüber jüngeren Generationen“

„Dazu gehört, dass mit steigender Lebenserwartung auch das Renteneintrittsalter steigen muss. Alles andere wäre unfair gegenüber den jüngeren Generationen. Von niedrigeren Beiträgen, höheren Renten und stärkerem Wirtschaftswachstum hätten hingegen alle etwas“, sagte Pellengahr unserer Redaktion.

Seit 2012 wird die Altersgrenze für den Bezug der gesetzlichen Rente schrittweise von 65 auf 67 Jahre im Jahr 2031 angehoben. Doch das wird nach Expertenansicht nicht ausreichen, weil ab Mitte der 2020er-Jahre die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichen.

Die Bundesbank regte daher an, das Rentenalter bis 2070 auf 69 Jahre und vier Monate anzuheben. Eine solche Anpassung würde nicht nur die Rentenkasse entlasten, argumentierte die Notenbank. „Sie würde über eine höhere Erwerbstätigkeit auch das gesamtwirtschaftliche Potenzial stärken und damit die Bemessungsgrundlagen für Steuern und Sozialbeiträge stützen.“

Beim DGB hält man von den IW-Berechnungen nichts

Auch die EU-Kommission, IWF und OECD hätten nahegelegt, „das Rentenalter mit steigender Lebenserwartung weiter anzuheben“, hieß es in der Begründung.

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) schüttelt man ob dieser Vorschläge den Kopf. „Dieser Rechentrick hat mit der Realität wenig zu tun, denn ein größeres Angebot vor allem an älteren Arbeitskräften hat mitnichten automatisch eine höhere Beschäftigung zur Folge“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach unserer Redaktion.

Bereits heute zeichne sich ab, dass bei den über 60-jährigen Berufstätigen längst nicht alle sozialversicherungspflichtig arbeiteten und viele Menschen in Minijobs festhingen, sagte Buntenbach. Auch in der Altersgruppe der 55- bis 65-Jährigen sei fast die Hälfte der Arbeitslosen langzeitarbeitslos und finde bis zur Rente nur in seltenen Ausnahmen noch eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

„Die Rechnungen zahlen die Beschäftigten“

„Mit höheren Altersgrenzen lässt sich zwar in der Rente viel Geld einsparen, diese Rechnung zahlen aber die Beschäftigten – gerade jene in belastenden Berufen wie Pflegekräfte, Handwerker und Schichtarbeiter“, sagte Buntenbach. „Die schaffen es schon heute kaum gesund bis zur Rente mit 67 und müssen dann hohe Abschläge in Kauf nehmen. Einsparungen zulasten der Schwächsten sind aber inakzeptabel.“

Sinnvoller wäre es, beispielsweise Selbstständige in die Rentenversicherung einzubeziehen, Frauen einen besseren Zugang in gut bezahlte vollzeitnahe Beschäftigung zu ermöglichen, betont Buntenbach. Außerdem würde es helfen, die Sozialversicherungsbeiträge nicht bei 40 Prozent zu deckeln und Leistungen wie die Mütterrente aus Steuern statt aus der Rentenversicherung zu finanzieren.

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