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Smart Country Convention: Litauen als Vorbild für Berlin

Bei der Smart Country Convention steht die Digitalisierung der Verwaltung im Mittelpunkt. Eine Herausforderung für Deutschland.

Schöne bunte Verwaltungswelt: Für die dreitägige Messe im City Cube sind 18.000 Fachbesucher angemeldet.

Schöne bunte Verwaltungswelt: Für die dreitägige Messe im City Cube sind 18.000 Fachbesucher angemeldet.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin. Erst kürzlich ist Bitkom-Präsident Achim Berg von Nordrhein-Westfalen nach Bayern umgezogen. Über das Internet habe er einen Termin beim Amt ausmachen können. Das sei es dann aber auch schon gewesen mit der Digitalisierung, beklagte der Chef des Digital-Verbands am Dienstag bei der Eröffnung der Smart Country Convention auf dem Berliner Messegelände.

Deutschland müsse sich anstrengen, in Sachen digitaler Verwaltung nicht noch weiter hinter andere Länder zurückzufallen. Die Smart Country Convention, die noch bis einschließlich Donnerstag in der deutschen Hauptstadt stattfindet, biete für Städte und Kommunen eine gute Plattform, auch, um von Innovationsführern aus anderen Staaten zu lernen, sagte Berg.

Litauen, das Partnerland der Smart Country Convention, ist ein solches Land. Der baltische Staat gilt europaweit als Vorbild, wenn es um die Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen geht. Die Steuererklärung abgeben, den Wohnsitz ummelden, ein Auto anmelden oder ein Gewerbe registrieren – all das geht in Litauen online.

Mehr als 90 Prozent läuft in Litauen online

Mehr als 90 Prozent aller öffentlichen Dienstleistungen – in Summe etwa 600 Verwaltungstätigkeiten – habe das Land in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt digitalisiert, sagte der Vize-Kanzler der Republik, Deividas Matulionis.

Die Digitalisierung habe einen großen Anteil an der erfolgreichen Entwicklung Litauens in den Bereichen der Wirtschaft und Informationsgesellschaft. Matulionis, der zwischen 2012 und 2017 litauischer Botschafter in Berlin war, machte dem Ausrichterland der Smart Country Convention Mut: „Ich glaube an das deutsche Potenzial, die Spitzenposition bei der Digitalisierung in der EU zu erlangen.“ Litauens Unternehmen könnten bei der Schaffung digitaler Verwaltungslösungen ein Partner sein, erklärte Matulionis.

Das Format Smart Country Convention hatte die Messe Berlin im vergangenen Jahr zum ersten Mal erprobt. 18.000 Fachbesuchern hätten sich in diesem Jahr zu der dreitägigen Veranstaltung im City Cube angemeldet. Das seien 50 Prozent mehr als bei der Premiere im vergangenen Jahr, sagte Messe-Berlin-Chef Christian Göke. Er betonte den branchenübergreifenden Charakter der Convention.

Es gehe nicht nur um die Digitalisierung der Verwaltung, sondern um sämtliche Bereiche der Smart City und Smart Region. „Wir haben den Anspruch, das Thema entlang der gesamten Wertschöpfungskette darzustellen. Wir reden nicht nur von Digitalisierung, wir zeigen anhand von konkreten Beispielen, wie es geht“, erklärte Göke.

Bitkom-Präsident mahnt Schnelligkeit an

Möglicherweise finden auch die Berliner Digitalisierungs-Strategen Anregungen für den digitalen Wandel in den Verwaltungen. Einen vergleichbaren Digitalisierungsstand wie in Litauen suchen deutsche Bürger aber nicht nur in der Berlin vergebens.

Bitkom-Präsident Berg forderte den Abbau von bürokratischen Hürden und schnellere Entscheidungen. Er nahm Deutschland aber auch in Schutz. Die Komplexität der Verwaltung sei eine andere als bei einem Drei-Millionen-Einwohner-Land wie Litauen.

Der Druck, endlich Verwaltungsaufgaben stärker zu digitalisieren, nehme aber auch durch die Bürger zu, sagte Berg. Eine aktuelle Bitkom-Umfrage hatte erst kürzlich ergeben, dass 69 Prozent der Deutschen ihre Stadtverwaltungen auffordern, die Digitalisierung mit Nachdruck zu verfolgen.

Jeder zweite Bürger findet demnach seinen Wohnort digital rückständig. Neben Sorgen um die Sicherheit der Daten sehen viele Deutsche aber auch Vorteile durch den digitalen Wandel: Acht von zehn Befragten sind der Meinung, dass abgehängte Städte und Gemeinden von der Digitalisierung besonders profitieren können. Sechs von zehn Bürger sehen zudem eine große Chance, das Leben in der Stadt und auf dem Land durch die Digitalisierung lebenswerter zu machen.

Jeder Däne hat ein digitales Postfach

Wie das gelingen kann, ist auf der Smart Country Convention auch am Stand von Dänemark zu sehen. In dem nordeuropäischen Land hat jeder Bürger ein digitales Postfach, um mit den Behörden zu kommunizieren. Die entsprechende Plattform hat dazu das dänische Unternehmen „eBoks“ entwickelt.

Jeglicher Schriftverkehr zwischen Staatsbürgern und der Verwaltung läuft über das Portal, sagte Eva Sønnichsen, die seit fünf Jahren für die dänische Botschaft in Berlin arbeitet. Dänemark war im vergangenen Jahr Partnerland der Smart Country Convention. Die Kooperation habe dazu beigetragen, dass nun viele dänische Digital-Firmen mit deutschen Partner zusammenarbeiten.

Müllabfuhr der Zukunft in Vilnius

Aus Litauen ist in diesem Jahr unter anderem das Start-up „TeleSoftas“ auf der Messe dabei. Das Unternehmen zeigt, wie in Vilnius derzeit die Müll-Abfuhr der Zukunft organisiert wird. Dazu hat die junge Firma handelsübliche Mülltonnen mit Sensoren ausgestattet.

Die Chips zeigen, den Stand der Befüllung und auch die Beschaffenheit des Mülls an. Dem örtlichen Entsorger helfen die Daten bei der Routenplanung, sagte „TeleSoftas“-Chef Algirdas Stonys. Derzeit befindet sich das Projekt noch in der Pilotphase. 2020 soll aber bereits die Marktreife erreicht sein.

Litauen zählt bei der Digitalisierung fraglos zu den Vorreitern in Europa. Der hohe Digitalisierungs-Grad bringe aber auch Nachteile für gewisse Teile der Bevölkerung mit sich, erzählte der Vize-Kanzler des Landes am Dienstag süffisant: Eltern könnten nun von Lehrern erteilte Hausaufgaben online nachschauen. Zumindest Schülern dürfte der digitale Fortschritt in diesem Bereich eher weniger gefallen.