Logistik

Wie Berlins Lieferverkehr aufs Rad kommt

Der Liefer- und Wirtschaftsverkehr verstopft die Straßen der Stadt. Radlogistiker wollen etwas dagegen tun und sehen gute Marktchancen.

Mit seinem Unternehmen stellt Martin Schmidt Warensendungen per Lastenrad zu.

Mit seinem Unternehmen stellt Martin Schmidt Warensendungen per Lastenrad zu.

Foto: Christian Latz

Berlin. Einige Obst- und Gemüsekisten stehen noch gestapelt im Lager, daneben ein paar Pappkartons mit Druckerpapier. Ansonsten wartet keine Ware mehr im Depot von Martin Schmidt, seine Fahrer sind damit längst auf Berlins Straßen unterwegs. Schmidt ist Geschäftsführer des Unternehmens Cycle Logistics und Vorsitzender des Radlogistikverbands Deutschland. Mit seiner Firma stellt er per Fahrrad in der Hauptstadt Sendungen aller Art emissionsfrei zu. Ein Wachstumsmarkt, dem die Zukunft gehören könnte. Doch noch sind manche Hürden zu überwinden.

Dinge im Internet zu kaufen und sich schicken zu lassen, ist bequem. Im Schnitt erhielt jeder Deutsche 2018 23 Paketsendungen, ergab eine Studie des Bundesverbands Paket- und Expresslogistik BIEK. Ein Anstieg um mehr als 50 Prozent in den vergangenen zehn Jahren, ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Entsprechend nimmt die Zahl der Lieferwagen in den Innenstädten zu. Doch die Transporter verschmutzen auf ihrem Weg zur Haustür nicht nur die Luft, sie parken auch häufig in der zweiten Reihe und werden so ein ständiges Hindernis und Risiko im Innenstadtverkehr. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will deshalb 20 Prozent des Lieferverkehrs künftig mit Lastenrädern abwickeln lassen.

Auf der Kurzstrecke dem Lkw überlegen

Damit das funktionieren kann, braucht es Unternehmer wie Martin Schmidt. Der Logistikfachmann ist vor zwei Jahren in die Zustellung auf zwei Rädern eingestiegen. Vor einigen Monaten hat er seine Firma mit dem Berliner Radlogistik-Pionier Velogista zusammengeführt. Schmidt stellt mit seinen Fahrern täglich um die 600 Sendungen per Lastenrad zu. Die Päckchen, Gemüsekisten oder Schnittblumen lagern in den beiden Depots am Hafenplatz nahe dem Potsdamer Platz sowie in der Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg.

Zusätzlich nutzt Cycle Logistics zwei Kühlcontainer am Südkreuz und in Neukölln als weitere Hubs. „Das Nachladen ist sonst zu aufwendig und zu teuer“, erklärt Schmidt. So jedoch könnten sie mit den Rädern ihre Vorteile ausspielen. „Das Fahrrad ist auf kurzen Strecken schneller als das Auto.“ Besonders bei vielen Stopps lohne sich die Zustellung per Rad.

Bereits mehrere Mikro-Hubs in Berlins Innenstadt

Von den Vorteilen der Radlieferung ist auch Jan Erdweg überzeugt. Er ist Co-Geschäftsführer des Unternehmens Zukunftsangelegenheiten. Die Ausgründung aus der Deutschen Bahn ist dabei, als Bindeglied zwischen Produzenten und mehreren Radzustellern eine digitale Plattform aufzubauen. Dazu gehört auch ein eigens betriebenes Netz aus bisher sieben Mikrodepots in der Innenstadt. Neben den vier Hubs, die auch Martin Schmidts Cycle Logistics nutzt, zählen dazu Kleinlager in Charlottenburg, am Ostbahnhof und in Kürze an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg.

Der Platzvorteil auf der Straße sei mit den Lastenrädern riesig, sagt Erdmann. „Ich komme direkt vor die Haustür, das schaffe ich mit dem Sprinter nicht.“ Dabei versperrten die Gefährte nicht die immer knapperen Verkehrsflächen. Gerade bei Beziehern von Bio-Gemüsekisten werde es zudem nicht gern gesehen, wenn die Lieferung per Dieseltransporter komme.

Unternehmen suchen dringend Flächen im Berliner Zentrum

Das überzeuge immer mehr Produzenten, Radzusteller zu nutzen. „Die Kunden sind da und die Mengen auch, das hat ein riesiges Potenzial“, sagt Erdweg. „Aber es fehlt halt an der Infrastruktur.“ Was Erdweg dringend sucht, ist Platz für weitere Mikrolager – in der Innenstadt kein leichtes Unterfangen. „Es ist sehr schwer, Flächen zu finden. Da fehlt zum Teil auch die politische Unterstützung“, klagt er.

Zwar lobt Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) das Potenzial der Radlogistik und die Senatsverkehrsverwaltung hat das Hub-Projekt KoMoDo an der Eberswalder Straße unterstützt, an dem auch Schmidt beteiligt ist. Doch für den Aufbau ihres offenen Lagernetzwerks gebe es zu wenig Hilfe. Dabei hat die Verkehrsverwaltung im Mai angekündigt, 2020 drei bis fünf neue Mikro-Hub-Standorte eröffnen zu wollen. Auf Anfrage der Berliner Morgenpost konnte bisher jedoch kein konkreter Ort genannt werden.

Nichts für sehr schwere Lasten

Ein anderes Flächenproblem bemängelt Martin Schmidt: „Wir haben einfach viel zu wenig Verkehrsflächen für Fahrräder.“ Er wünscht sich mehr breite Radwege, die auch Platz für die dreirädrigen Cargobikes Plätz böten.

Doch welche Sendungen lassen sich überhaupt sinnvoll mit dem Rad transportieren? „Es geht alles“, sagt Schmidt. Ob es logistisch und kaufmännisch Sinn mache, sei jedoch zu hinterfragen. Ein Kunde habe angefragt, ob er 1,5 Tonnen Druckerpapier transportieren könne. „Da kommt dann der Lkw hier an, nur damit ich dann zig Mal losfahren muss. Das macht keinen Sinn.“

Logistikkonzern Dachser liefert in Berlin per Lastenrad

Betrachtet man den gesamten Wirtschafts- und Güterverkehr in der Stadt, macht die Paket- und Kurierzustellung daran nur überschaubare vier Prozent der CO2-Emissionen aus. Die Belieferung des Einzelhandels hingegen schlägt mit 39 Prozent zu Buche. Baugewerbe und Handwerk verursachen 38 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes. Kurier-, Express und Paketlieferungen seien „vom ganzen Spiel nur ein kleiner Bestandteil“, stellte Julius Menge, in der Senatsverkehrsverwaltung für das Thema Wirtschaftsverkehr zuständig, kürzlich auf einer Konferenz zum innerstädtischen Lieferverkehr von der Organisation Agora Verkehrswende fest.

Doch auch im weiteren Güterverkehr findet ein Umdenken statt. Der deutsche Logistikkonzern Dachser beliefert die Innenstädte von Stuttgart und Paris bereits emissionsfrei mit Lastenrädern und E-Lkw. Auf die gesamte Strecke gerechnet, spare man dadurch 23 Prozent CO2. Ab Oktober fahren für den Konzern auch Fahrräder durch Berlin. Noch sei die Zustellung so teurer, räumte Stefan Hohm, Leiter der Entwicklungsabteilung bei Dachser, auf der gleichen Konferenz ein. Der Konzern gehe dennoch jetzt schon den Weg. „Weil wir glauben, dass das kommt.“