Schienenverkehr

Deutsche Bahn setzt auf die digitale Schiene

Bis 2030 will die Bahn rund 2000 Streckenkilometer digitalisieren. Die Zentrale für das Projekt steht in Berlin.

Auf der Schnellfahrstrecke Berlin - München sind bereits 236 Kilometer Strecke, unter anderem zwischen Erfurt in Thüringen und Bamberg in Oberfranken mit dem ETCS ausgerüstet.

Auf der Schnellfahrstrecke Berlin - München sind bereits 236 Kilometer Strecke, unter anderem zwischen Erfurt in Thüringen und Bamberg in Oberfranken mit dem ETCS ausgerüstet.

Foto: Frank Barteld / Deutsche Bahn AG

Berlin. Mehr Menschen in die Züge, mehr Güter von der Straße auf die Schiene. Diese Forderungen erheben Umweltschützer seit Langem. Nun ist sie mit dem Klimapaket der Bundesregierung auch eine der Botschaften der Politik geworden. Doch wie soll die Verkehrswende gelingen, wenn schon heute im Bahnnetz zahlreiche Engpässe das Wachstum im Schienenverkehr bremsen?

Die Zauberworte zur Lösung des Problems heißen „Digitale Schiene Deutschland“. Unter diesem Projektnamen plant die Deutsche Bahn (DB) eine umfassende Modernisierung vor allem der stark belasteten Gleisstrecken im Land. Die Idee: Der Bau neuer Bahnstrecken ist kostenaufwendig und sehr langwierig. Deutlich schneller und auch kostengünstiger geht es voran, wenn bereits bestehende Verbindungen so modernisiert werden, dass dort Züge künftig in dichterer Folge und zudem zuverlässiger und pünktlicher durchfahren können als bisher. Um bis zu 35 Prozent lasse sich die Kapazität einer Bahnstrecke so steigern, heißt es bei der DB.

Vorrang haben europäische Verbindungsstrecken

Der Betreiber des bundeseigenen Bahnnetzes hat zunächst ein „Starterpaket“ für die digitale Schiene geschnürt. Es beinhaltet drei Projekte mit besonderer Dringlichkeit. Danach sollen die Schnellfahrstrecke Köln–Rhein/Main, der Bahnknoten Stuttgart und abschnittsweise Bahnstrecke zwischen Maschen (Niedersachsen) und Halle/Leipzig sowie zwischen Nürnberg und den Grenzübergängen nach Österreich als Teil des transeuropäischen Korridors Skandinavien-Mittelmeer modernisiert werden. Noch bis Ende 2019 will die Bahn die dafür nötigen Finanzierungsvereinbarungen schließen, 570 Millionen Euro will der Bund allein bis 2023 für die Umsetzung dieser sogenannten Vorrangprojekte bereitstellen.

Digitalisierung heißt zunächst: weg von den teilweise noch aus der Kaiserzeit stammenden Signalen am Streckenrand, hin zu mehr Elektronik. Ein zweiter Schritt sieht den automatisierten Fahrbetrieb vor. Dafür müssen die Strecken mit dem digitalen Zugsicherungs- und beeinflussungssystem ETCS (European Train Control System) ausgerüstet werden. Mit ETCS und einem Funksystem sollen Züge künftig ohne herkömmliche Lichtsignale gesteuert werden.

Die dafür benötigten Daten werden dabei zwischen der Leitzentrale, wie sie etwa für den Bahnverkehr in Berlin und Brandenburg in Pankow steht, und dem Zug über „Balisen“ ausgetauscht. So werden die flachen gelben Kästchen in den Gleisbetten bezeichnet, in den kleine Sender und Empfänger untergebracht sind. Über sie kann die Leitzentrale genaue Daten über Standort, Tempo und technischen Zustand des Zuges erhalten, andererseits bekommt der Zugführer Informationen etwa zu nachfolgenden oder vor ihm fahrenden Zügen. Auch ohne sein Zutun können Züge beschleunigt oder auch abgebremst werden.

2000 Kilometer Bahnstrecke sollen ETCS erhalten

In der Praxis zu erleben ist die neue Technik auf der 2017 eröffneten Schnellfahrstrecke Berlin–München. Dort sind bereits 236 Kilometer Strecke, unter anderem zwischen Erfurt in Thüringen und Bamberg in Oberfranken mit dem ETCS ausgerüstet. Das System ermöglicht den ICE nicht nur, dort mit Tempo 300 durch kilometerlange Tunnel zu rasen. Auch dichtere Zugfolgen sind möglich. Nach anfänglichen Problemen mit den Fahrzeugen läuft der Betrieb inzwischen für Bahnverhältnisse relativ stabil. Die DB will ab Dezember noch mehr schnelle ICE-Sprinter fahren zu lassen, die die Strecke Berlin–München in weniger als vier Stunden zurücklegen.

Ein Entwicklungsplan der EU sieht für Deutschland vor, dass bis 2030 rund 2000 der 33.000 Kilometer Bahnstrecke mit ETCS ausgerüstet werden sollen. Im Fokus stehen dabei vor allem die wichtigen Korridore quer durch das Land, die auch das deutsche Bahnnetz mit dem der Nachbarländer verbinden (s. Grafik). „Mit Milliardenaufwand und technologischen Innovationen bauen wir deutschlandweit eine hochmoderne und leistungsfähige Bahninfrastruktur“, kündigte Infrastruktur-Bahnvorstand Ronald Pofalla an.

Davon sollen auch die Regionen Berlin und Brandenburg profitieren. „Hier werden die Effekte für die Fahrgäste, insbesondere durch die Ausrüstung des Berliner Außenrings und Abschnitte auf der Strecke Berlin–Dresden mit neuer digitaler Leit- und Sicherungstechnik, in den nächsten Jahren deutlich spürbar“, sagte Pofalla der Berliner Morgenpost.

160 Mitarbeiter arbeiten an Plänen für die digitale Schiene

Das Stellwerk für dieses milliardenschwere Zukunftsprogramm befindet sich an Stresemannstraße in Berlin. Nicht weit vom der Konzernzentrale am Potsdamer Platz entfernt hat die Bahn ihr „Digital Base Camp“ aufgeschlagen. Dort arbeiten aktuell rund 160 Mitarbeitern an den Plänen für die digitale Schiene, ihre Zahl soll sich in den kommenden Jahren verdoppeln.

Für Kristian Weiland, Chef des Programms Digitale Schiene bei der Deutschen Bahn, ist Berlin genau der richtige Standort: „Hier finden wir leichter als etwa an unserem zweiten Standort Frankfurt am Main die jungen, kreativen Mitarbeiter, die wir für das anspruchsvolle Projekt brauchen.“ Inzwischen würden hier internationale Teams mit Mitarbeitern aus der ganzen Welt arbeiten. „Das Digital Base Camp in Berlin ist sozusagen das Hirn der Digitalisierung der Schiene in Deutschland.“

Er sieht beim Projekt vor allem Vorteile bei der Schnelligkeit der Veränderungen. „Die Digitalisierung der Schiene geht schneller als der Neubau und ist zudem billiger“, sagt er. „Wird eine Strecke mit ETCS modernisiert, dauert das einschließlich der Planung sechs bis sieben Jahre. Der große Vorteil ist, das geht meist ohne zeitaufwendige Planfeststellungsverfahren. Der Neubau von Schienenstrecken ist unter 20 Jahren kaum zu schaffen, Ausbaustrecken dauern mindestens 15 Jahre“ „ETCS bringt mehr Kapazität, weil wir Signale an der Strecke weglassen können. Außerdem ist jedes Signal auch eine potenzielle Fehlerquelle.“