Außenwerbung

Berliner Start-up plant Werbe-Revolution

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Die Hygh-Gründer Antonius Link (l.) und Fritz Frey haben große Pläne.

Die Hygh-Gründer Antonius Link (l.) und Fritz Frey haben große Pläne.

Foto: Reto Klar

Den Außenwerbemarkt im Visier: Digitale Anzeigen auf Bildschirmen sollen bald für jedermann möglich und erschwinglich sein.

Berlin. An den Ausblick vom 13. Stock des Total-Hochhauses am Hauptbahnhof muss sich Hygh-Mitgründer Antonius Link noch gewöhnen. Dabei passt die Perspektive zum Selbstverständnis des noch jungen Unternehmens. „Wir möchten den urbanen Raum prägen“, sagt Link. Deswegen sei der Überblick über Berlin doch ganz passend, findet er. Hygh hat die Büros in dem Neubau erst vor gut zwei Monaten bezogen.

Im Visier hat das Start-up den Außenwerbemarkt. Das Werben auf Bildschirmen an der Straße oder auf großflächigen Bildschirmen an Häuserwänden sei derzeit vor allem großen Unternehmen und Konzernen vorbehalten, kritisieren die Hygh-Gründer Antonius Link, Fritz Frey und Vincent Müller. Erwartet würden große Budgets, die Vorlaufzeit betrage häufig mehrere Monate, zudem müssten Kunden oft längerfristige Verträge mit den Außenwerbern unterschreiben. Hygh hingegen will die Barrieren senken. „Wir sehen uns als Plattform, die Außenwerbung so einfach möglich macht, wie das Erstellen einer Google-Kampagne“, erklärt Antonius Link.

Buchungsprozess ist bisher zu schwerfällig

Möglich macht diesen Schritt vor allem die Digitalisierung. Während früher Plakate geklebt wurden, werden heute vor allem Bildschirme als Werbeflächen genutzt. Die Screens können über das Internet ohne großen Aufwand bespielt werden, sagen die Hygh-Gründer. Nur: Der Buchungsprozess habe mit dem digitalen Wandel nicht Schritt gehalten. Die etablierten Anbieter würden sich mit Mail, Preislisten und Buchungsschritten aufhalten. Für das Erstellen der Kampagnen werde zudem häufig auf die Hilfe von Agenturen zurückgegriffen. Alles nicht nötig, glaubt man Hygh.

Die Berliner wollen das Geschäft anders angehen. Kern von Hygh ist ein digitaler Marktplatz. Über eine Web-App sollen Kunden Werbeflächen schnell und einfach buchen können – und auch das Erstellen einfacher Kampagnen soll durch einen Assistenten möglich sein. So sollen vor allem kleinere Unternehmen endlich eigene Außenwerbung ausspielen können. „Unser Ziel ist, die Außenwerbung schnelllebiger zu machen“, sagt Mitgründer Link. Restaurants könnten so etwa während der Mittagszeit auf ihr Lunchmenü aufmerksam machen und abends auf Teile ihrer Abendkarte hinweisen. Generell sei jeder Kunde willkommen. „Der Bäcker soll darauf werben können, aber auch die Agentur, die komplexere Aufträge hat“, so Link.

Neue Standorte für Screens müssen erschlossen werden

Allerdings muss Hygh zuvor noch ein Problem lösen. Denn bestehende Außenwerbebildschirme von Unternehmen wie Ströer, JC Decaux oder auch Wall aus Berlin stehen für die Werberevolution aus Berlin nicht zur Verfügung. Die Firmen vermarkten ihre Flächen selbst. Auch das Aufstellen neuer Bildschirme, etwa in Sichtweite zu den bestehenden Screens ist ausgeschlossen, weil Vorgaben der Städte das nicht zulassen und Werbeflächen zum Teil über mehrere Jahre vergeben sind. Hygh muss eine neue Infrastruktur schaffen und geht dafür jetzt auf Einzelhandel und Restaurants zu.

Die Hygh-Bildschirme sollen künftig vor allem in Schaufenstern von Geschäften, aber auch an Restaurants oder beim Frisör zu sehen sein. Die Hygh-Kunden sollen einerseits die Möglichkeit haben, eigene Bildschirme über den Marktplatz des Start-ups zu vermarkten. Andererseits plant Hygh Screens in Läden gegen Bezahlung aufzustellen. Das Unternehmen würde sich dann auch um Aufbau und Wartung der Technik kümmern sowie um das Aufspielen der Anzeigen auf die Werbeflächen.

Pilotphase mit 50 Geschäften am Kudamm

Noch in diesem Monat soll eine Pilotphase mit 50 Geschäften am Kurfürstendamm in Charlottenburg starten. Bis Jahresende soll die Zahl der Werbebildschirme berlinweit dann auf 500 wachsen, kündigt Hygh-Mitgründer Frey an.

Je nach Modell werden die Geschäfte an den Einnahmen aus der Werbevermarktung beteiligt. Geld will Hygh künftig vor allem über die Vermittlung der Werbung verdienen. Rund 80 Prozent der Einnahmen sollen an den Betreiber des jeweiligen Bildschirms gehen. Den Rest teilt sich Hygh mit seinen Investoren. Der Internet-Marktplatz soll künftig auch die etablierte Branche anziehen. Ströer, Wall und Co. könnten künftig freie Werbeflächen über die Hygh-Plattform anbieten.

Heiratsantrag auf dem Bildschirm: Privatpersonen willkommen

Für die Pilotphase hat Hygh erste Werbepartner gewonnen. 15 Start-ups haben sich nach Angaben des Unternehmen in einem Wettbewerb durchgesetzt. Im September nun werden die ersten Werbekunden des Start-ups auf den Bildschirmen im Westen Berlins zu sehen sein. Generell gehe es aber darum, zunächst Bedienung und Funktionen der Web-App zu verfeinern, sagen die Gründer. Hygh beschäftigt derzeit rund 50 Mitarbeiter in Berlin, der Ukraine, in Indien und Dubai.

Fritz Frey hält es auch für denkbar, dass künftig Privatpersonen Werbung auf den Bildschirmen buchen können. Schnell und erschwinglich sollen die Anzeigen sein. Frey hat folgende Vision: „Der Heiratsantrag der Zukunft könnte auf einem der Billboards am Time Square in New York ausgespielt werden, genau zu dem Zeitpunkt, an dem der Mann mit seiner Frau davor steht“, sagt Frey. Dafür allerdings müsste der Auftakt in Berlin gelingen.