Reisen im Altern

So machen Deutschlands Senioren Urlaub

Rentner werden immer reisefreudiger. Vor allem Bayern und die Ostsee sind beliebt. Ein Trend, auf den sich Hotels zunehmend einstellen müssen.

Die Reisebranche muss sich die Rentner einstellen

Die Reisebranche muss sich die Rentner einstellen

Foto: Stephan Scheuer / dpa

Im Jahr 2018 sind so viele Deutsche verreist, wie noch nie zuvor. Das geht aus einer repräsentativen Befragung der Stiftung für Zukunftsfragen hervor, die vom Konzern British American Tobacco finanziert wird. Demnach sind 62 Prozent der Bundesbürger im vergangenen Jahr in den Urlaub gefahren – eine Steigerung um vier Prozentpunkte gegenüber 2017 und laut Stiftung der höchste Anstieg seit der ersten Befragung vor 35 Jahren.

Insgesamt werden alle Generationen reisefreudiger. Am deutlichsten lässt sich dieser Trend aber bei den über 55-Jährigen beobachten. So gaben 2017 noch 51 Prozent von ihnen an, wenigstens fünf Tage verreist zu sein. Im vergangenen Jahr waren es 56 Prozent. „Reiseerfahrene, ältere Generationen prägen schon heute das Bild vieler Hotels, Strände und Innenstädte“, wird Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung, in der Zusammenfassung der Studie zitiert. Die Generation bilde die Mehrheit der Bundesbürger, habe Zeit, Geld und wolle die Welt kennenlernen. Der Tourismus werde sich dadurch verändern. „Wer ohne die Senioren plant, plant an der Zukunft vorbei.“

Deutschland als Urlaubsziel besonders beliebt

Bei den Ruheständlern liegt vor allem Deutschland als Reiseziel hoch im Kurs. So gaben 33,8 Prozent aller Befragten an, den Urlaub im vergangenen Jahr innerhalb der Landesgrenzen verbracht zu haben. Bei den Befragten über 65 Jahren waren es 45,8 Prozent. Dabei zieht es die Senioren insbesondere nach Bayern (13,9 Prozent), gefolgt von der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns (7,1 Prozent) und Baden-Württemberg (6,5 Prozent). In den beiden südlichsten Bundesländern stellen Senioren mit jeweils 40 Prozent auch die größten Gruppen der Urlauber. Da sich die Ostseeküste insgesamt großer Beliebtheit erfreut, sind Rentner hinter Familien und Vorruheständlern (jeweils 25 Prozent) mit 21 Prozent nur die am dritthäufigsten vertretene Gruppe. Die Zahlen beziehen sich hier auch auf Schleswig-Holstein.

Die Berliner Senioren unterscheiden sich im Reiseverhalten in einigen Punkten von ihren bundesdeutschen Altersgenossen. Die Berliner Sparkasse legte im Juni ebenfalls die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage vor. Darin wurden die Bewohner der Hauptstadt nach ihren Urlaubsplänen für 2019 befragt. Auch hier ist Deutschland mit 45 Prozent das beliebteste Reiseziel der Ruheständler und liegt ebenfalls über dem Schnitt aller Befragten von 36 Prozent. Bei den Auslandreisen gibt es allerdings Unterschiede. So liegen Fernreisen zu Zielen außerhalb Europas in beiden Fällen auf dem zweiten Platz, erfreuen sich aber bei den Berliner Ruheständlern deutlich größerer Beliebtheit. So gaben 14 Prozent von ihnen an, einen Urlaub auf einen anderen Kontinent zu planen.

In Europa liegt Spanien als Reiseziel vorn

Im bundesweiten Vergleich haben lediglich 8,9 Prozent im vergangenen Jahr eine solche Reise unternommen. Innerhalb Europas liegt Spanien als Urlaubsziel an der Spitze, ist aber bei den Berliner Rentnern mit 12 Prozent deutlich beliebter als bei den deutschen. Während es letztere deutlich häufiger nach Österreich (7,3 Prozent) und Skandinavien (3,5 Prozent) zieht, tauchen diese Ziele unter den zehn beliebtesten Reisedestinationen der Berliner Senioren nicht auf. Dafür ist Polen bei den Ruheständlern der Hauptstadt (6 Prozent) vergleichsweise beliebt.

Außerdem lassen sich Berliner Senioren ihren Urlaub deutlich mehr kosten. Im Schnitt geben sie laut Sparkasse 1761 Euro für Hin- und Rücktransport, Unterkunft und alle persönlichen Ausgaben vor Ort aus. Der Berliner Schnitt aller Altersgruppen liegt mit 1535 Euro mehr als 200 Euro darunter. Die bundesdeutschen Senioren scheinen noch sparsamer zu sein. Laut der Studie der Zukunftsstiftung gaben sie im vergangenen Jahr gerade einmal 1253 Euro aus.

Nicht an den Strand:Ruheständler wollen ins Grüne

Die Stiftung hat Senioren auch nach ihren Reisewünschen gefragt. Demnach wollen mit 52 Prozent die meisten Urlaub in der Natur und in sauberer Landschaft machen. Für 46 Prozent ist insbesondere wichtig, mit Familie und Freunden unterwegs zu sein, wobei das Reiseziel hier eine untergeordnete Rolle spielt. 43 Prozent legen Wert auf Entspannung, Wellness, Fitness und Bewegung. Der klassische Sommerurlaub am Strand mit wenig Aktivität ist lediglich für 27 Prozent das Ziel.

Das Reisen genießt unter Senioren einen zunehmenden Stellenwert. So gaben im Rahmen einer 2017 durchgeführten Studie der Generali Versicherungen 41 Prozent der 65- bis 69-Jährigen an, künftig viele Reisen unternehmen zu wollen. Bei den 70- bis 74-Jährigen verspüren 32 Prozent große Reiselust, bei den 75- bis 79-Jährigen sind es 26 Prozent und bei den 80- bis 85-Jährigen immer noch 13 Prozent. Aber deutsche Senioren reisen nicht nur immer häufiger, sie werden auch mehr. Laut des Statistischen Bundesamts waren im Jahr 2017 fast ein Viertel der Bundesbürger 65 Jahre und älter (21,4 Prozent). Dieser Anteil wird sich bis 2030 auf 28 Prozent erhöht haben. Bis 2060 sehen die Prognosen eine Steigerung auf ein Drittel der Bevölkerung voraus.

„Der zunehmende Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung und die steigende Reiselust der über 55-Jährigen birgt für die Hotelbranche großes Wachstumspotenzial“, sagt Michel Schutzbach, Europa-Geschäftsführer der schwedischen Hotelkette Scandic. Der Erfolg sei künftig in gewissen Teilen davon abhängig, wie gut sich ein Haus auf die Bedürfnisse der Älteren einstelle. „Die Erfahrung zeigt, dass diese Zielgruppe viel Wert auf Barrierefreiheit legt.“