Essen auf Rädern

Deliveroo-Kuriere gründen eigenen Lieferdienst

Nach dem Aus des britischen Lieferservice in Deutschland bringen zwei der Fahrer das Essen nun auf eigene Rechnung.

Stefano Lombardo (links) und Christopher Mäuer

Stefano Lombardo (links) und Christopher Mäuer

Foto: Reto Klar / Reto Klar / Funke Foto Service

Berlin. Das Ende kam schnell und unerwartet: Vier Tage, bevor sich der britische Essenslieferdienst Deliveroo in der vergangenen Woche vom deutschen Markt zurückzog, erhielten die rund 1000 Essensausbringer eine E-Mail: Deliveroos Deutschland-Chef Marcus Ross bedankte sich darin für den Einsatz und teilte mit, dass es Deliveroo Deutschland nicht mehr geben werde. Als „Geste des guten Willens“ wurde den Fahrern eine Entschädigung von zwei Wochengehältern angeboten, wenn sie vertraglich auf Ansprüche gegen Deliveroo verzichten.

Auch Christopher Mäuer und Stefano Lombardo gehörten zu den Empfängern dieser E-Mail. Seit Deliveroo 2015 in Deutschland startete, saß Stefano Lombardo für den Lieferdienst im Sattel, die Tätigkeit als Fahrradkurier ist sein Haupterwerb. Christopher Mäuer verlagerte im Juli sogar seinen Wohnort von Rudow nach Wilmersdorf, um näher an seiner Lieferzone in Schöneberg zu sein. Hauptberuflich ist der 23-Jährige als Software-Entwickler tätig, die Deliveroo-Dienste stellten für den leidenschaftlichen Radfahrer aber einen guten Nebenverdienst dar. Das plötzliche Aus wollte das Duo nicht akzeptieren. Einen Tag, nachdem Deliveroo in Deutschland Geschichte war, starteten sie daher ihren eigenen Lieferdienst: Kolyma-2.

„Es war und ist derzeit als temporäres Projekt gedacht“, sagt Stefano Lombardo. Schon seit zwei Jahren schwebte dem 41-Jährigen die Idee vor, einen im Kollektiv betriebenen Lieferdienst zu organisieren. Dafür suchte er das Gespräch mit anderen Fahrern – erfolglos. „Niemand wollte das sichere Geld von Deliveroo verlieren für ein Unternehmen, dessen Erfolgschancen man nicht kennt.“ Als dann aber die E-Mail im Postfach landete, sei für den 41-Jährigen klar gewesen: „Jetzt starten wir einen eigenen Dienst und zeigen, dass es auch ohne finanzielle Mittel geht.“

Mit Christopher Mäuer fand Stefano Lombardo einen Mitstreiter, der offen für die Idee war. Gemeinsam bauten sie die Webseite kolyma2.de. „Ich wollte etwas mit Charakter“, beschreibt Lombardo die minimalistische Seite im Stile der 90er-Jahre. Mit dem asiatischen Restaurant Com Á am Heinrichplatz und dem Burgerladen BRGRS BRGRS an der Brückenstraße fanden Lombardo und Mäuer zwei Restaurants, die bereit für eine Partnerschaft waren. „Ich kannte Stefano Lombardo aus seiner Deliveroo-Zeit, das hat super funktioniert. Außerdem wollen wir die nachhaltige Idee unterstützen“, sagt Jamal Habibi, Mitarbeiter im Com Á.

Ziele sind transparente Löhne und Pfandbehälter

Während Lieferdiensten oft der Ruf der Ausbeutung vorauseilt, setzen Mäuer und Lombardo auf das Gegenteil. Sie wollen als Kollektiv ohne Hierarchie agieren, mit fairen Bedingungen und flexiblen Arbeitszeiten. Und sie haben Visionen: „Ich denke über einen Pfandbehälter nach. In diesem erhalten Kunden das Essen und können ihn später wieder beim Restaurant abgeben“, sagt Lombardo. So könne Verpackungsmüll vermieden werden. Auch überlegt das Duo, seine Geschäftszahlen offenzulegen. „So viele Fahrten haben wir, so viel verdienen wir daran – alles kann transparent für den Kunden sein“, sagt Lombardo.

Das allerdings ist noch Zukunftsmusik, das erste Wochenende startete mit fünf Bestellungen, zwei kamen von Freunden. Überraschender sei gewesen, was unter der Woche folgte, nachdem Lombardo und Mäuer ihr Konzept in den sozialen Medien verbreiteten: Restaurants, darunter eine Kette, und Software-Entwickler hätten angefragt, eine Hamburger Unternehmerin habe bereits eine Idee für eine Kooperation präsentiert. „Es gab so viel zu organisieren, ich habe kaum noch geschlafen“, sagt Mäuer. Zunächst wolle man mit Restaurants in Kreuzberg kooperieren. Ein wichtiger Faktor für Lombardo ist dabei die persönliche Erfahrung: „Wir wollen nur mit Restaurants zusammenarbeiten, in die wir selber gerne gehen würden.“

Dass sich weitere ehemalige Deliveroo-Kuriere anschließen, sei denkbar. Erst am vergangenen Sonntag trafen sich rund 30 ehemalige Fahrer, um sich über die Perspektiven auszutauschen. Dabei sei es auch um die Entschädigungszahlung gegangen. Weder Lombardo noch Mäuer haben bisher den Deliveroo-Aufhebungsvertrag unterschrieben. „Ich habe mir im Juli bei einem Unfall während einer Deliveroo-Fahrt den Finger ausgekugelt und konnte seitdem nicht arbeiten. Die Entschädigung berechnet sich aber aus der durchschnittlichen Arbeitszeit der letzten 12 Wochen“, sagt Mäuer.

Dass Kolyma-2 in ein paar Jahren Takeaway.com mit seinen marktbeherrschenden Töchtern Lieferando und Foodora Konkurrenz bieten könnte, glauben Mäuer und Lombardo nicht. „Wir werden Lieferando nie Konkurrenz machen können, daran ist ja auch Deliveroo gescheitert“, sagt Lombardo. Stattdessen gehe es darum, ein Geschäft aufzubauen, bei dem Kunden bereit seien, „freiwillig mehr zu bezahlen“ und bei denen man mit Restaurants kooperiere, die bewusst auf die Zusammenarbeit mit großen Lieferdiensten verzichten.