Veröffentlichung

Ex-Manager Middelhoff bekennt sich in neuem Buch „schuldig“

Thomas Middelhoff wurde verurteilt und ist tief gefallen. Nun hat er ein neues Buch veröffentlicht und bekennt sich sogar „schuldig“.

Thomas Middelhoff war Manager und hat nun ein neues Buch über seinen Fall veröffentlicht.

Thomas Middelhoff war Manager und hat nun ein neues Buch über seinen Fall veröffentlicht.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Essen. Das Buch beginnt mit einem Bekenntnis, es steht schon auf dem Titel in großen Lettern: SCHULDIG. „Ich bin schuldig. Schuldig an meinem Scheitern.“ Das ist mindestens überraschend, aus dieser Feder. Es schreibt einer, der als Mensch und Manager ganz oben war, der tief gefallen ist, manche sagen: abgestürzt.

Thomas Middelhoff sagt, er habe alles verloren, „mein Vermögen, meine Gesundheit und meinen Ruf gleich mit“ (und auch seine Frau), vor allem aber sich selbst. Sein neues, zweites Buch nach der Haft ist eine Analyse seiner eigenen (Charakter-)Fehler geworden. Ein Schuldanerkenntnis im juristischen Sinne ist es nicht.

Schwäche zu zeigen, gehörte nicht zu den Fähigkeiten dieses Mannes. Es hätte „eine Art Kapitulation bedeutet“ für den einstigen Topmanager, der mit den Wichtigsten und Reichsten dieser Welt verkehrte, der Vorstandsvorsitzender bei Bertelsmann und Arcandor war und so viel Geld hatte, dass er noch eine Villa baute und noch eine kaufte und dann noch eine Jacht; „die Anschaffungen wurden immer umfangreicher und kostspieliger“. Er zeigte Schwäche noch nicht einmal vor dem Essener Landgericht, das ihn 2014 verurteilte zu drei Jahren Haft wegen Untreue und Steuerhinterziehung. „Ein Höllensturz.“

Thomas Middelhollf im Rückblick: überheblich und selbstverliebt

Aber jetzt das. Thomas Middelhoff, inzwischen 66, der sich für den Größten hielt, erklärt sich und der Welt sein Scheitern und wie es dazu kam: aus einer „Kombination aus Überheblichkeit und selbstverliebter Anmaßung“. Einen Menschen schildert er in gnadenloser Offenheit, unfähig zur Selbstkritik oder besser: nicht bereit dazu, der seine eigenen Werte ignorierte, verblendet von sich selbst, „zu überzeugt von meiner eigenen Unfehlbarkeit“. Der alles und jeden „spüren ließ, dass ich mich für was Besseres hielt“. Middelhoff, man darf das so sagen nach gut 200 Seiten, beschreibt sich selbst im Rückblick als einen arroganten Nimmersatt. „Wahrscheinlich war ich ganz einfach nur ein Angeber.“

Biblisch bemüht er die sieben Todsünden, „ich habe sie begangen“: „Hochmut prägte mein Denken, Arroganz diktierte mein Handeln, Narzissmus machte mich blind für die Bedürfnisse meines Umfelds.“ Aus Hochmut und Eitelkeit, schreibt der Autor, habe er auch die „Mission Impossible“, Karstadt zu retten, übernommen, was er heute für einen großen Fehler hält. „Jeder sollte wissen, dass ich besser war als andere.“

Gier nach Geld nennt er und nach Anerkennung, Neid auf Höhergestellte und Besserverdienende, Maßlosigkeit: „Es musste grundsätzlich die Marktführerschaft sein, das größte Unternehmen weltweit, das angesehenste Unternehmen...“ Wollust kommt vor (auch wenn er hier etwas drumherum schreibt: Es gab eine Geliebte), Zorn und die Unfähigkeit, im Augenblick zu sein.

Trotzdem „kein reuiger Sünder“

Es ist eine Selbstanklage, ein „Mea culpa“ auf wenigstens der Hälfte der Seiten. „Wenn ich heute all das reflektiere, tue ich das mit ungläubigem Erschrecken. Wie konnte ich mich so sehr verlieren? Wie mich so rücksichtslos verhalten, so egozentrisch und so narzisstisch?“ So viele eigene Fehler listet Middelhoff auf, dass sie die FAZ dazu brachten zu fragen, ob er, wenn schon schuldig, der „schuldigste Schuldige“ sein wolle? Er habe ehrlich sein wollen, antwortet Middelhoff darauf. Ihm deshalb aber das „Büßergewand“ überzustülpen, empfindet er als „despektierlich“, ein „reuiger und bescheidener Sünder“ will er nicht sein.

Was aber seine rechtskräftig bewiesene Schuld betrifft, so könne er „die juristischen Begründungen meines Urteils nicht nachvollziehen, übrigens bis heute nicht“. Auch zeigt er bei aller neuen Selbstkritik immer wieder auch leise mit dem Finger auf andere: auf die Verantwortlichen für den Dieselskandal, für Cum-Ex-Geschäfte, den FC Bayern München, die Deutsche Bank: Die dortigen Manager gäben ihr Scheitern nicht zu und auch nicht, dass manche genauso seien wie einst er. An solchen Stellen kann Middelhoff über sich selbst auch lachen: wie anspruchsvoll er war, immer das beste Hotelzimmer, immer die dollsten Gesprächspartner und dann der Abend in Davos, als er frech vor der Kanzlerin den Raum verließ… Er glaubte wirklich, das alles stand ihm zu. Heute nennt er sein Verhalten eine „Karikatur“.

Middelhoff über Middelhoff: „Selbstverliebter Jammerlappen“

Es sei ein langer Weg zur Erkenntnis gewesen, „langwierig und steinig“, schreibt er. In der Haft und als Freigänger bei seiner Arbeit mit Behinderten in Bethel will Thomas Middelhoff erkannt haben, „dass ich ein selbstverliebter Jammerlappen war“. Und dass „tatsächlich ich es war, der sein eigenes Scheitern anerkennen musste, vor allem: dass ich dafür ganz allein und höchstselbst die Verantwortung trage“. Er habe, sagt der fünffache Familienvater unserer Redaktion, „über die Jahre viele Weichen falsch gestellt, Fehlentscheidungen getroffen und meinen Wesenskern aus dem Blick verloren. So etwas passiert nicht über Nacht. Erst im Gefängnis, auf mich selbst zurückgeworfen, habe ich das erkennen können (...). Ich habe meine Schuld vor mir selbst und vor Gott eingestanden und meine Strafe dafür abgesessen.“

Depression, Scham, Selbstmitleid, eine schwere Autoimmunerkrankung und schließlich Demut – der Ex-Manager, so notiert er das, wandte sich zurück zu Gott, fand im Glauben Kraft und die Vergebung, die er von seiner Umwelt nicht mehr erwarte. Er sei Gott dankbar, schreibt Middelhoff, „dass er mich ins Gefängnis geführt hat – weil ich so die Möglichkeit für einen Neuanfang bekam“. Sein Buch ist in einem christlichen Verlag erschienen.

Leben in Hamburg von der Bertelsmann-Pension

Und jetzt: Die Privatinsolvenz dauert noch bis 2020, Middelhoff lebt nun „vom pfändungsfreien Teil meiner Bertelsmann-Pension“. Er ist 66 und Rentner und angeblich erleichtert, „nicht mehr mit vielen aufwendigen Besitztümern belastet zu sein“. Er fährt Fahrrad (will aber auch damit immer noch der Schnellste sein) und hat neue Dinge gelernt: einen Tisch zu reservieren, einen Mietwagen zu buchen, sich persönlich am Telefon zu melden. Es scheint nicht das Leben zu sein, über das Madeleine Schickedanz, Aktionärin der untergegangenen Arcandor AG, neulich klagte: Sie müsse jetzt beim Discounter einkaufen. Er könne nicht beurteilen, sagt Middelhoff auf Nachfrage, „wo sie einkaufen geht und mit welchen Gefühlen“. Er selbst jedenfalls gehe gelegentlich gern bei Aldi einkaufen, „ich finde das auch völlig normal“.

„Echt und ehrlich wie lange nicht“

Es gibt eine neue Wohnung in Hamburg, eine neue Frau („Sie ist der erste Engel, den Gott mir gesandt hat“), neue innere Ruhe, Sport und manchmal „eine kleine Zigarre auf der sonnigen Terrasse meines Lieblingsitalieners“. Middelhoff behauptet, sein Scheitern habe ihm die Chance gegeben, „ein anderer, ein neuer Mensch zu werden“. Er sei „glücklich und zufrieden“, sagt er unserer Redaktion. Und schreibt: „Ich fühle mich so echt und ehrlich wie lange nicht.“

Es wird viele geben, die ihm diese Wandlung nicht abnehmen mögen. Weil sie einem Middelhoff nichts mehr glauben. „Ich kann verstehen“, sagt er selbst, „wenn Menschen sich ein Bild von mir gemacht haben. Ob dieses der Realität entspricht oder nicht (mehr), das könnte man wohl nur im persönlichen Gespräch herausfinden.“ Im Buch wie in ersten Interviews ist er da klarer: Dass Menschen schlecht von ihm denken könnten, „ist mir egal“.

Sagt’s und schiebt doch gegenüber unserer Redaktion noch diese Sätze hinterher: „Den KarstadtQuelle-Pensionären würde ich zu bedenken geben, dass beispielsweise der Verkauf der Immobilien in 2006 dafür gesorgt hat, dass die über Jahrzehnte aufgetretene Unterdeckung der Pensionsfonds beseitigt wurde. Sonst würden viele Mitarbeiter heute gar keine Pension bekommen!“ Nun, er gibt ja zu, immer noch danach zu streben, ein gutes Bild abzugeben.

„Es gibt Schöneres, als über eigene Fehler zu schreiben“

Dazu passt der Seufzer, mit dem eine seiner Antworten im Interview endet: „Glauben Sie mir, es gibt Schöneres, als über eigene Fehler zu schreiben.“ Warum hat er es denn getan? Er wolle helfen und „denjenigen Mut machen, die in eine vergleichbare, scheinbar hoffnungslose Situation geraten sind; und auch junge Menschen davor warnen, meine Fehler zu wiederholen“. Dafür erscheint heute dieses Buch, das zweite schon nach seiner Verurteilung.

Er wird es vorstellen in Berlin, der Verlag belegt dazu eigens Räume im Haus der Bundespressekonferenz. Das erste Werk („A115. Der Sturz“), noch aus der Haft heraus vor nicht einmal zwei Jahren publiziert, war eine Abrechnung mit der Justiz und den Medien, die heute wieder eingeladen sind – auch wenn der Autor das bestreitet, es lieber „eine Art Traumaverarbeitung“ nennt.

Ein drittes Buch „danach“ ist übrigens schon in Arbeit: Es soll ein fiktionales werden. Mit dem Schreiben, sagt der Autor, erfülle er sich einen Jugendtraum. Doch Fiktion hin oder her – diesmal wird es um Aufstieg und Fall eines Managers gehen, ein Wirtschaftskrimi. Das Lieblingsthema von Thomas Middelhoff bleibt also: Thomas Middelhoff.

Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de.