Berliner Wirtschaft

Start-up "share": In jedem Einkauf steckt eine Spende

Das Berliner Start-up share hat sich dem sozialen Unternehmertum verschrieben. Das ist ein Balanceakt.

Sebastian Stricker ist Gründer und Geschäftsführer von share.

Sebastian Stricker ist Gründer und Geschäftsführer von share.

Foto: Reto Klar

Berlin. Seit dieser Woche gibt es neue Müsliriegel in den Bordbistros der ICEs und ICs der Deutschen Bahn zu kaufen. Sie tragen das Logo „share“ und schmecken nach Nuss. Besonders sind sie aber deshalb, weil jeder verkaufte Müsliriegel eine Mahlzeit für Kleinkinder oder schwangere Frauen im Senegal finanziert. Hinter den Riegeln, die zunächst als Testphase bis Ende September in den Bahnen verkauft werden, steckt das Berliner Start-up share. Vor eineinhalb Jahren gründeten Sebastian Stricker, Ben Unterkofler, Tobias Reiner und Iris Braun das Unternehmen, das wirtschaftliches Kalkül und soziales Engagement vereinen möchte.

Die Idee dahinter: Für jedes verkaufte Produkt wird ein äquivalentes Gut gespendet. „1+1-Prinzip“ nennt share-Geschäftsführer Stricker das Konzept. Für eine verkaufte Tafel Schokolade wird beispielsweise eine Mahlzeit finanziert – in Deutschland in Form von Lebensmittelspenden an die Tafeln, in Afrika und Asien durch sogenannte „Food-Interventions“, durch die Menschen mit hochkalorienhaltigen Nahrungsmitteln versorgt werden. Jedes verkaufte Wasser wird genutzt, um Brunnen zu bauen, für jedes verkaufte Hygieneprodukt werden Seifen oder Zahnbürsten in Entwicklungsländern verteilt.

Tracking-Codes zeigen, wohin die Spende fließt

Gestartet ist share vor eineinhalb Jahren mit dem Verkauf von Wasser, Müsliriegeln und Seife. Seitdem weisen beide Seiten des „1+1-Prinzips“ stattliche Zahlen auf. Auf der Unternehmensseite stehen im ersten Geschäftsjahr über zehn Millionen verkaufte Produkte, die einen Umsatz von rund 7,5 Millionen Euro einbrachten.

Auf der Seite des sozialen Engagement stehen 60 gebaute oder reparierte Brunnen, circa viereinhalb Millionen verteilte Mahlzeiten und zwei Millionen ausgegebene Seifen. 417.000 Menschen konnten so laut share erreicht werden. „800 Millionen Menschen leiden Hunger, zwei Milliarden haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und wir sind nicht fähig, sie alle zu versorgen. Aber wir wollen möglichst viel beitragen“, sagt Stricker, der share mit Antonia Hammer leitet. Für einen Lebensmittel- und Hygieneproduzenten ist share schnell gewachsen – auch, weil mit Rewe und der Drogeriemarktkette dm zwei prominente Unternehmen die share-Produkte von Beginn an in ihr Sortiment aufnahmen.

Möglich wurde dies, da Stricker ein erfolgreiches Referenzobjekt mitbringen konnte: 2014 gründete der gebürtige Wiener das Start-up ShareTheMeal, deren gleichnamiges Produkt eine Spenden-App für das Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen ist. Mit ShareTheMeal räumte Stricker in Folge zahlreiche Preise ab, darunter beispielsweise 2015 den LeadAward für das Start-up des Jahres.

Vor zwei Jahren gab Stricker ShareTheMeal ab, um einen neuen Weg zu gehen. „Zum einen war ich von der Idee von share fasziniert. Zum anderen hatte ich ShareTheMeal schon einige Jahre geführt und habe mich gefragt, ob ich nicht abgenutzt bin“, begründet Stricker den Schritt. Aus seiner Sicht war es die richtige Wahl: share beschäftigt mittlerweile 40 Mitarbeiter und konnte seine Produktpalette verdreifachen, ShareTheMeal habe seine Nutzerzahlen unter dem neuen Geschäftsführer Massimiliano Costa verdreifacht, sagt Stricker. Im Oktober wollen share und ShareTheMeal eine gemeinsame Kampagne starten. Das mache Stricker „unglaublich stolz“.

Während sich ShareTheMeal-Nutzer bewusst entscheiden, die Spenden-App herunterzuladen, gebe es share-Konsumenten, die gar nicht wüssten, dass sie Gutes tun. Stattdessen griffen sie eher zufällig zum share-Produkt: „Wir dachten, dass sich unsere Kunden etwas kaufen, sich mit dem Produkt auseinandersetzen und dann verstehen, dass sie mit dem Kauf ein sozial verantwortliches Projekt unterstützen“, sagt Stricker. „Aber so funktioniert es nicht, dafür gibt es zu viele Produkte.“ Deshalb überlegt er, mit Fernseh- und Radiowerbung auf share aufmerksam zu machen. „Das führt aber zu der Frage, ob wir lieber in Kommunikation oder in soziale Projekte investieren. Es ist ein Balanceakt, bei dem man sich besser nicht verkalkulieren sollte“, sagt Stricker.

Ein Gleichgewicht zu finden ist bei sozialem Unternehmertum eine Herausforderung. Das betrifft nicht nur Werbung, sondern auch die Transparenz. Mit Tracking-Codes auf den Produkten können Konsumenten nachvollziehen, wo ihre Spende eingesetzt wird. Damit sei share transparenter als der Marktdurchschnitt, sagt Stricker. Ginge noch mehr? „Transparenz hat ethische und finanzielle Grenzen. Hole ich jeden aus der Gemeinschaft, fotografiere ihn und frage, was er mit den Lebensmittel vor hat?“, fragt Stricker. Das seien Kapazitäten, die auch anders eingesetzt werden könnten.

Bei den Konsumenten hat es share geschafft, eine junge Zielgruppe zu erschließen. „Bei share erreichen wir bisher zu rund zwei Dritteln Frauen, die unter 45 Jahre alt sind“, sagt Stricker. Er ist zufrieden mit dieser Zielgruppe, denn für gewöhnlich sei soziales Engagement in Deutschland ein oft weibliches Thema, das von älteren Bevölkerungsschichten betrieben werde. Mit ShareTheMeal erreichte er die genau andere Zielgruppe: jung und männlich, mit share nun eine weitere junge. Für Stricker ist das ein Erfolg, denn „gegenseitige Hilfe ist der soziale Kleber der Gemeinschaft“, sagt er