Zukunft der Bankenwelt

Finleap-Chef: „Geldautomaten werden wir nicht mehr brauchen“

Fintech-Entwickler Ramin Niroumand über die Zukunft der Bankenwelt und das ausländische Interesse an Berliner Finanz-Start-ups.

Finleap-Chef Ramin Niroumand vor dem Sitz des Fintech-Entwicklers an der Hardenbergstraße in Charlottenburg.

Finleap-Chef Ramin Niroumand vor dem Sitz des Fintech-Entwicklers an der Hardenbergstraße in Charlottenburg.

Foto: David Heerde

Berlin.. In Berlin sitzen mehr Fintechs als in Frankfurt am Main. Dass die deutsche Hauptstadt den alten Bankenstandort in Sachen neue Finanzdienstleistungen längst überholt hat, liegt auch an Ramin Niroumand, einem der bekanntesten Köpfe der Berliner Fintech-Szene. Als Gründer und Geschäftsführer des Fintech-Entwicklers Finleap hilft er jungen Unternehmen bei den ersten Schritten. Im Interview mit der Berliner Morgenpost spricht er über Investitionen aus Asien, europäische Regularien und die Zukunft der Bankenwelt.

Berlin war laut einer Studie zuletzt auch Hauptstadt der Fintech-Pleiten. Ist das ein Alarmsignal?

Ramin Niroumand: Nein. Das ist ein Spiel mit Statistik gewesen. Wir haben die meisten Fintech-Gründungen, deswegen haben wir auch die meisten Fintech-Pleiten. Es trennt sich nach einigen Jahren aber klar die Spreu vom Weizen.

Was macht die Berliner Fintech-Szene im Vergleich zu einem traditionsreichen Banken-Standort wie Frankfurt am Main so attraktiv?

Berlin ist eine sehr attraktive Stadt. Die hohe Lebensqualität und die viele Kultur ziehen zahlreiche Talente aus dem Ausland an. Diese Masse an jungen, hoch qualifizierten Digital-Köpfen gibt es in Deutschland nur in Berlin. Das ist für die Firmen attraktiv. Auch als gebürtiger Berliner halte ich aber nicht viel von föderalistischen Debatten. Ich glaube, wir brauchen ein starkes Europa, wenn es um Finanztechnologie geht. Das ist schwer genug. Frankfurt tut sich aber sicher auch ein bisschen schwer, weil man dort ein Stückweit zwischen den Türmen sitzt und so nicht immer den Blick auf das offene Feld hat. Einigen Frankfurter Finanzmanagern geht es am Ende immer noch zu gut, um wirklich Veränderung zu wollen. Start-up hat mit Wandel zu tun. Die Gehaltsstrukturen der dort etablierten Geldhäuser lassen eine Start-up-Kultur nur schwer zu.

Ist ein Ende des Geldregens durch Investoren für Fintechs absehbar?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die digitale Transformation und damit der Einzug von digitaler Technologie in die Finanzwirtschaft abnimmt. Ganz im Gegenteil. Es werden allerdings weniger Unternehmen finanziert werden und nicht mehr jedes Wald-und-Wiesen-Start-up.

Zuletzt brachten vor allem ausländische Investoren das große Geld zu deutschen Start-ups. Besteht die Gefahr, dass langfristig Wissen und Technologie aus Deutschland abwandert und so die hiesige Wirtschaft geschwächt wird?

Ohne das ausländische Geld würde die deutsche Wirtschaft geschwächt werden. Denn anscheinend haben ausländische Investoren besser verstanden hat, wie Plattform- und Technologiemodelle wachsen können. Im überwiegenden Teil der Fälle halten die Geldgeber ohnehin Minderheitsanteile an den Start-ups. Das heißt, sie profitieren zwar vom ökonomischen Erfolg der Firmen. Am Ende sitzen die Unternehmen aber in Deutschland, beschäftigten hier Mitarbeiter und zahlen auch hier ihre Steuern. Die Gefahr, dass Wissen und Technologie abwandert, sehe ich in den meisten Fällen nicht. Denn häufig sind die ausländischen Geldgeber technisch gesehen nicht weit von den hier entwickelten Innovationen der Fintechs entfernt.

Der japanische Investor Softbank ist mit Auto1 oder GetyourGuide gleich an zwei vielversprechenden Start-ups aus Berlin beteiligt.

Was Softbank macht, ist im Grund in sichere Geschäftsmodelle zu investieren. All diese Firmen hatten ihre Basis vor dem Einstieg bereits gelegt. Softbank hat sich dann mit zum Teil Hunderten Millionen Euro klar zu den Firmen bekannt. Die europäische Wirtschaft profitiert dann nicht mehr von diesem Erfolg. Die damit verbundenen Erträge entstehen dann an anderer Stelle. Da sehe ich das Risiko, nicht so sehr in dem befürchteten Technologieklau.

Ist Ihnen Technologie-Diebstahl durch ausländische Investoren bei Fintechs bekannt?

Nein. Das liegt aber auch daran, dass noch keine Komplett-Übernahmen passiert sind. Wenn nun ein asiatischer Investor morgen ein Fintech übernehmen würde, wäre das ein anderer Fall. Dann liegt der Marktzugang in dessen Hand. Es gibt aber auch einen Unterschied zwischen dem deutschen Mittelstand und Fintechs: Maschinenbauer sind zum Beispiel vor allem im Visier, weil sie jahrzehntelang eine Technologie perfektioniert haben. Diese Technik dann zu kaufen und dann an anderer Stelle günstiger zu produzieren, ist attraktiv. Bei Fintechs ist der Wandel aber viel schneller. Zudem sind viele Geschäftsmodelle eine Kombination aus Marke, Prozesse, Know-how und Technologie. Man kann nicht einfach reingreifen, und einen Teil ins Ausland bringen.

Gibt es ein besonderes Interesse aus Fintechs aus China?

Ich glaube, dass es generell ein besonderes Interesse asiatischer Investoren an Fintechs gibt. Asien ist aber unterschiedlich. China ist weit vorne. In Japan ist das anders. Investieren Japaner, geht es auch immer darum, zu lernen und zu gucken, wie man Geschäftsmodelle von Deutschland nach Japan bringen kann. Japan hat zudem traditionell eine eigene starke Finanzwirtschaft. Dort gibt es einen ähnlichen Innovationsstau wie bei den etablierten Geldhäusern hierzulande.

Was muss passieren, damit deutsche Investoren endlich in der ersten Liga mitspielen?

Ich hoffe, dass das in den nächsten Jahren der Fall ist. Dafür müssen drei Dinge passieren: Wir brauchen in Europa auch mal wieder Mut. Zweitens dürfen wir bei Geschäftsmodellen nicht zu viel an der Vergangenheit festhalten. Denn die Welt dreht sich weiter. Drittens müssen wir die Regulatorik anpassen. Das heißt, wir müssen die Rahmenbedingungen für Versicherungen und Pensionsfonds so ändern, dass sie noch viel umfangreicher in junge Unternehmen und Wachstumsfonds investieren können.

Gibt es in Bezug auf die Fintech-Regulatorik etwas, dass Sie sich von der neuen EU-Kommission wünschen?

Wir brauchen einen gemeinsamen europäischen Identitätsnachweis im Internet, der auch zentral verwaltet wird. Das würde vielen Banken sehr viel Geld sparen, etwa in Sachen Geldwäschekontrolle. Zudem müssen wir endlich das Versprechen, was mit der Einführung der europäischen IBAN gegeben wurde, einlösen. Heute können Verbraucher zum Beispiel mit einer deutschen IBAN keinen Stromvertrag bei einem italienischen Anbieter abschließen. Das Länderkürzel in dem IBAN-Code verhindert das. Ich finde, da stehen wir uns selbst im Weg. Das merken wir zum Beispiel auch bei unseren Firmen. Teilweise wird durch diese Hürde das Ausrollen europaweiter Geschäftsmodelle blockiert.

Die alte deutsche Bankenwelt steht wieder mal vor einer Sanierungsphase. Gibt es überhaupt noch etwas, das Fintechs von Playern wie der Deutschen Bank lernen können?

Unsere Ambition ist es, mit unserer Technologie für einen Finanzmarkt zu sorgen, der groß und stabil ist, aber gleichzeitig auch möglichst wenige Risiken in sich trägt. Ich glaube sehr stark daran, dass man in Europa einen Markt schaffen kann, der auf der einen Seite von den Risikonehmern dezentral ist, aber insgesamt stark ist. Dafür müssen wir ein Netz von europäischen Banken und Investoren schaffen, die sich dann ein Risiko auch Teilen können. Damit eben nicht mehr eine einzige Bank alles in den Abgrund ziehen kann. Daran müssen wir alle gemeinsam arbeiten.

Werden Fintechs irgendwann in Sachen Unternehmensfinanzierungen auch in die Liga der etablierten Geldhäuser aufrücken können?

Definitiv. Es gibt mehrere Start-up-Banken und auch Fintechs, die daran arbeiten große Kredite zu teilen. Natürlich können wir heute noch keine fünf Milliarden Euro schweren Kredite vergeben. Die dafür nötige Bilanz kann kein Fintech vorweisen. Wir werden aber irgendwann in der Lage sein, den Prozess eines Kredites in dieser Höhe abzuwickeln. Woher dann die Geldtöpfe kommen, ob das dann Spareinlagen oder andere Investoren sind, wird sich zeigen. Aber Fintechs werden in der Liga mitspielen.

Geldautomaten und Bankfilialen – sieht so die Zukunft der Bankenwelt aus?

Nein. Geldautomaten werden wir sicherlich nicht mehr brauchen. Das bisschen Bargeld wird durch Filialen oder Supermärkte ausgeben werden. Wir sehen ja heute schon, dass so ein System gut funktioniert. Für denkbar halte ich auch, dass das Abheben von Bargeld durch den Staat reguliert wird, um die Geldwäsche zu bekämpfen. Für das tägliche Bankgeschäft wird es Filialen nicht mehr für das Massengeschäft geben. Aber bei Fragen zur Finanzierungen wird es sicher nicht ohne den persönlichen Austausch gehen.

Bei aller Euphorie gab es auch zuletzt einige Rückschläge. N26 musste zum Beispiel die Geldwäsche-Kontrolle verbessern und geriet ins Visier der Finanzaufsicht. Ist die Branche sensibilisiert?

Ja, die Branche hat die Regulatorik im Blick. Wir setzen uns bewusst mit den gesetzlichen Vorgaben auseinander, weil sie Teil unseres Geschäftsmodells sind. Aber wir sind auch eine lernende Branche. Es gibt viele Geschäftsbereiche, die überhaupt noch nicht durch Fintechs erschlossen sind. Dazu gehört zu großen Teilen das Firmenkundengeschäft, auch das Thema Mittelstand. Da muss noch eine Menge passieren. Die derzeit herrschende Euphorie ist dafür ja wesentlich besser als das negative Spektrum, was wir derzeit so aus der alten Bankenwelt gespiegelt bekommen.

Wenn mehr und Bankgeschäfts ins Digitale abwandern, steigt auch das Risiko Opfer von Kriminellen im Internet zu werden. Was heißt das für die Fintechs?

Cyber-Sicherheit ist ein Riesen-Thema. Die Banken sind heute weltweit der zweitgrößte Kunde von IT- und Serviceleistungen. Alle großen Finanzunternehmen kämpfen mit dem Thema Cyber-Sicherheit und das wird ein ewiger Kampf sein. Dabei hilft ein Stückweit Größe und eine stärkere Vernetzung. Auch eine europäische ID wäre bei dem Thema sicher von Vorteil.