Mobilität

E-Scooter-Chaos überall? Wien zeigt, dass es anders geht

In vielen deutschen Städten sorgen E-Roller für Chaos. Wien macht Anbietern strenge Auflagen. Wir waren mit einem Ordner unterwegs.

Die seit kurzem erlaubten Elektro-Tretroller erweisen sich als umstrittenes neues Phänomen im Bereich der individuellen Elektromobilität.

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Wien. Der schwarz-weiße Elektroroller steht etwa zwei Meter neben dem Fahrradständer. Damit stört er zwar nicht sonderlich auf dem Gehweg, doch vorschriftsgemäß ist er nicht abgestellt. Toni Filipov schnappt sich das Gefährt.

Der Scooter reagiert mit einem schrillen Alarmton, den er immer ausstößt, wenn er bewegt wird, ohne dass er vorher über die App freigeschaltet wurde. Filipov zieht einige Blicke von Passanten auf sich, deren Interesse aber schnell wieder abnimmt, als der kleine Elektro-Flitzer ordentlich neben den Fahrrädern an einem freien Ständer lehnt.

Toni Filipov ist einer von sechs Aufpassern, den der US-Anbieter Bird in der österreichischen Hauptstadt Wien täglich auf Streife gehen lässt. Die Aufgabe des 23-Jährigen besteht darin, einen ihm zugeteilten Stadtbezirk zu prüfen, ob abgestellte Tretroller im Weg stehen oder defekt sind. Während in Deutschland Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die Kommunen aufruft, härter gegen Verstöße mit E-Rollern vorzugehen und für eine sichere und sachgemäße Nutzung zu sorgen, werden in Wien bereits Fakten geschaffen.

In Wien sind die Scooter präsent, allerdings nicht dominant

Denn seitdem in Europa immer mehr Städte E-Roller genehmigen, zeigen sich auch die unschönen Seiten der Gefährte. Immer mehr Menschen verletzten sich mit den maximal 20 Stundenkilometer schnellen Fahrzeugen bei Unfällen, die Scooter werden wahllos auf Straßen, Bürgersteigen oder Grünflächen abgestellt – manchmal auch einfach hingeworfen.

Manche Nutzer fahren betrunken, auf dem Gehweg oder auch zu zweit. Sie gefährden dabei sich und andere – und verstoßen damit zudem gegen die geltende Straßenverkehrsordnung. Es gibt auch schon die ersten Toten in Paris und London zu beklagen. Die großen Anbieter unter den Sharing-Diensten sind derzeit Lime, Bird, Voi und Tier.

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In Wien sind die Scooter präsent, allerdings nicht dominant. Noch sind Fahrräder auf den Radwegen in der Mehrheit. Im Regierungsviertel sieht man Männer im Anzug vorbeisausen, in der Hofburg drehen Touristen ihre Runden. Im bürgerlichen Stadtteil Mariahilf etwas abseits der Innenstadt rauscht rund alle zehn Minuten ein Scooter-Fahrer vorbei. Hier ist das Einsatzgebiet von Toni Filipov. Rund 6.000 Scooter gibt es knapp ein Jahr nach der Freigabe der Elektro-Flitzer in Wien, jedes zehnte Gefährt gehört der Firma Bird.

Von Beginn an wurden in der 1,9 Millionen Einwohner zählenden Stadt strenge Maßstäbe gesetzt. Wien wollte kein Stadtbild, wo Roller kreuz und quer stehen – so wie es in anderen europäischen Städten wie Paris passierte. Die Ansage aus dem Rathaus war klar: Es bleibt ordentlich oder die Roller verschwinden wieder. Auf Gehwegen sind die Roller ebenso wie in Deutschland tabu, in einigen Straßen herrscht absolutes Fahrverbot.

In Deutschland gibt es bislang kein vergleichbares Angebot

Bird war nicht immer für seine Regelkonformität bekannt. In San Francisco löste das Unternehmen den Hype erst aus, indem es ohne Erlaubnis die Straßen mit Rollern flutete – was zu chaotischen Zuständen mit falsch geparkten Scootern führte.

„Das war daher der Preis, der notwendig war, um E-Scooter als umweltschonende Verkehrsalternative zu etablieren. Dass eine Strategie wie in San Francisco kein Zukunftsmodell sein darf, ist klar“, sagt Christian Geßner, Bird-Geschäftsführer für den deutschsprachigen Raum. Mittlerweile würden Markteinstiege erst nach monatelangen Gesprächen mit den Städten erfolgen.

In Deutschland gibt es derzeit keine Bird-Roller. Der Markteinstieg ist aber noch in diesem Sommer in den sieben größten Städten geplant, sagt Geßner. Aber auch mittelgroße Orte hat Bird im Visier – in Bamberg gab es bereits im März ein Modellprojekt mit Bird-Rollern. Die Gespräche mit den Städten liefen teilweise seit mehr als einem Jahr. „Es geht nicht um die Schnelligkeit des Markteintritts, sondern um die Sicherheit und Qualität“, ist Geßner überzeugt.

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Zur Qualität gehört, dass Bird-Roller nur von mindestens 18-Jährigen ausgeliehen werden dürfen und dass die Fahrer gegen Fremdschäden versichert sind. Als Bird vor einem Jahr in Österreich begann, startete das Unternehmen zunächst mit 100 Rollern. Heute sind es sechsmal so viele, perspektivisch sollen es 1500 Roller werden – das ist das Limit, das die Stadt den Firmen stellte.

Für je 100 Roller stellt Bird einen Aufpasser sowie einen Mechaniker ein. Dies ist auch für Deutschland geplant, sagte eine Bird-Sprecherin. Die Aufpasser sorgen für Ordnung, die Mechaniker reparieren und säubern täglich die Roller. Kunden müssen zudem nach der Fahrt ein Foto von ihrem abgestellten Roller machen – so soll mutwilliges Falschparken schon im Keim erstickt werden.

Trotzdem finden die Aufpasser regelmäßig Fahrzeuge an Orten, wo sie nichts verloren haben. „Mal findet man einen Bird-Roller im Gestrüpp, dann hängt ein anderer auf einem Straßenschild“, beschreibt Filipov. Wer macht sich die Mühe, einen 17 Kilogramm schweren Roller auf ein Straßenschild zu hieven? „Wahrscheinlich irgendwelche betrunkenen Leute“, glaubt er. Für seine täglichen Runden durch die Straßen wird Filipov mit einem Rucksack mit Schraubenziehern und Inbusschlüsseln ausgestattet. Seine Route absolviert er zu Fuß. „Die Roller sollen schließlich den Kunden zur Verfügung stehen“, erklärt er.

Für je 100 Roller ist ein Aufpasser verantwortlich

Der 23-Jährige arbeitet als Teilzeitkraft für Bird. Nebenbei bereitet sich der gebürtige Bulgare mit Deutsch-Sprachkursen auf sein Studium in Wien vor. Andere Aufpasser sind ganztägig im Einsatz. In einer Mitarbeiter-App bekommt Filipov angezeigt, wo Kunden Schäden an Rollern gemeldet haben. Schon nach wenigen Hundert Metern erreicht er den ersten beschädigten Scooter.

An der Klingel hat sich eine Spannfeder gelöst, die Schelle baumelt abseits der Glocke. Mit schnellen und geübten Handgriffen tauscht Filipov die defekte Klingel aus. Anschließend meldet er in seiner App die Reparatur und schaltet den Roller so wieder für die Nutzung durch Kunden frei.

Weiter geht die Route, zwischendurch werden ein paar falsch geparkte Bird-Roller umgesetzt. Doch die nächsten beiden Roller erweisen sich als pro­blematisch. Bei einem kommt das GPS-Signal aus einem Haus. Es komme immer wieder vor, dass Kunden die Roller einfach mitnehmen würden. Angesichts der Nutzerdaten ließe sich das aber leicht nachverfolgen.

Filipov meldet den Fall der Zentrale und geht zum nächsten Roller, dieser steht vorschriftsmäßig an einem Fahrradständer, aber die Box, wo der GPS-Sender und der App-Scanner eingebaut sind, ist defekt. Da hilft auch kein Schraubenschlüssel. Toni Filipov nimmt den Roller und schiebt ihn zu einem sogenannten Nest. Dort stehen bereits mehrere defekte Fahrzeuge, die der 23-Jährige nicht selbst reparieren kann.

„Da oben hat’s einer g’standen – mitten auf der Straße“

Bei einem ist das Trittbrett an der Seite abgebrochen, ein anderer wurde offenbar mutwillig zerstört. Der Lenker ist entzwei, die Kabel herausgerissen, das Heck abgefetzt. „Normalerweise ist Vandalismus in Wien kein großes Problem“, meint Filipov. Auch Geßner sagt, dass der Anteil an gestohlenen und mutwillig zerstörten Rollern in Österreich und der Schweiz meist unter einem Prozent liege. In den Nestern werden die defekten Roller tagsüber gesammelt und abends von Mechanikern repariert.

Während Filipov eine Schadenmeldung in sein Handy tippt, kommt ein Arbeiter vorbei. Gereizt ruft er: „Da oben hat’s einer g’standen – mitten auf der Straße.“ Filipov reagiert, findet den Roller, der halb auf dem Bürgersteig steht, und fährt ihn zur Seite. Auch am Vortag gab es Kritik. „Ganz oft stehen Roller auf Blindenwegen, das ärgert mich“, sagte eine Passantin. Für diesen Tag hat Filipov viele Probleme mit wild geparkten Scootern beseitigt – im Wissen, dass morgen neue auftauchen werden.