Zugverkehr

Zugauslastung: So kämpft die Deutsche Bahn gegen Überfüllung

Die Bahn hat ihr Buchungssystem erneuert. Damit will der Konzern gegen überfüllte Züge ankämpfen. Doch ganz problemlos läuft es nicht.

Die Deutsche Bahn gilt als chronisch unpünktlich. Wir zeigen vier Fakten rund um die Pünktlichkeit auf den deutschen Schienen.

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Frankfurt/Main.. Mit künstlicher Intelligenz versucht die Deutsche Bahn, die Fahrgastströme besser zu analysieren und zu vermeiden, das einzelne Züge völlig überfüllt sind. Als Konsequenz sehen Kunden nun mit kleinen Symbolen bei der Buchung, ob die ausgewählte Verbindung besonders populär ist.

Dieses Warnsystem hat bisher allerdings noch seine Tücken, wie viele Kunden zuletzt feststellten – teils sind vermeintlich voll Züge menschenleer, andersrum sind als wenig gebucht gekennzeichnete Verbindungen völlig überlastet. Darüber amüsieren sich auch im Internet viele Bahnreisende – und posten Bilder menschenleerer Züge, die eigentlich an der Belastungsgrenze sein sollten.

Die Deutsche Bahn und der Kampf gegen überfüllte Züge – darum geht es

  • Mit neuen Kennzeichnungen bei der Buchung kündigt die Bahn die Auslastung ihrer Züge dem Kunden an
  • Die Berechnungen macht eine künstliche Intelligenz – allerdings mit teils überschaubarem Erfolg
  • Software soll auch Erlöse maximieren: Mehr Bedarf, höherer Preis
  • Flexible Kunden sollen dann ausweichen und so die Ausnutzung aller Züge verbessern

Neuerung im Buchungssystem soll Bahnkunden helfen

Die Vorfreude auf einen kurzfristig geplanten Urlaub per Bahn kann sich bei der Buchung der Tickets schnell eintrüben. Wer beispielsweise an diesem Freitag mit dem Zug von Essen nach München oder von Berlin nach Ravensburg fahren möchte, muss mit happigen Preisen rechnen. 160 Euro kostet etwa die Reise ohne Bahncard aus dem Ruhrgebiet nach Bayern, der Sparpreis am Vormittag ist mit 130 Euro nicht viel billiger.

Von der Hauptstadt nach Oberschwaben wird die Fahrt noch teurer. „2. Klasse ausgebucht“, heißt es mitunter. Für 198 Euro ist nur noch ein Ticket in der ersten Klasse im Angebot. Drei kleine, knallrote Figuren neben dem Preisschild zeigen an, dass die Wagen bei dieser Verbindung brechend voll sein werden.

Seit Anfang April gibt es diese Neuerung im Buchungssystem der Bahn. Sind die drei Figuren farblos, ist mit leeren Abteilen zu rechnen. Grau eingefärbt wird vermutlich jeder Passagier einen freien Platz finden. Bei orange wird es schon kritisch und durchgestrichene rote Figuren signalisieren, dass der Zug vermutlich überfüllt sein wird. „Eine Ticketbuchung und Sitzplatzreservierung sind deshalb nicht mehr möglich“, sagt Andreas Ferbert, Chef der Abteilung „Erlös-, Auslastungs- und Sitzplatzmanagement“ der Deutschen Bahn.

Künstliche Intelligenz steckt hinter Informationen

Hinter der farblichen Anzeige steckt künstliche Intelligenz. Das Unternehmen verfügt über viele Millionen Informationen über das Buchungsverhalten in der Vergangenheit. So werden die Zeiten und Routen mit bisher besonders hoher Auslastung ermittelt. Das Ergebnis koppelt Ferbert mit den aktuellen Buchungen. Aus dem Ergebnis leiten sich dann die Farben der Figuren im Buchungssystem ab. „Zu 90 Prozent stimmt das Symbol mit der Realität überein“, versichert der IT-Experte, „wir wollen damit eine bestmögliche Verteilung unserer Fahrgäste auf die Züge erreichen.“

Perfekt ist das System allerdings nicht, wie ein Blick auf die Schwachpunkte zeigt. So sind manche Züge nur auf überschaubaren Teilabschnitten rappelvoll, werden aber durchgängig als überfüllt angezeigt. Firmen oder Gruppen reservieren gelegentlich vorsorglich Sitzplatzkontingente, ohne sie später auch zu nutzen. Das führt die künstliche Intelligenz auf die falsche Fährte.


Bahn-Kunden sollen nicht mehr stranden

In der Frankfurter Zentrale des Fernverkehrs laufen die Informationen über das aktuelle Geschehen auf den Schienen zusammen. Hier beobachtet auch Nina Hutwagner den Verkehr. Die Leiterin des Betriebsmanagements und ihre 40 Mitstreiter überwachen rund um die Uhr die Fernreisen. Ihre Aufgabe besteht im Krisenmanagement. Fallen wegen eines Sturms oder technischer Mängel Verbindungen aus, errechnen die Experten mögliche Ersatzrouten.

Auch hier spielt die EDV eine entscheidende Rolle, wie Hutwagner zeigt. Das System prognostiziert bei einem Problem sofort die wichtigsten Daten. Muss der Zug zum Beispiel von Hamburg kommend am Berliner Hauptbahnhof aus dem Verkehr genommen werden, sagt die Statistik, wie viele dieser Passagiere noch weiter nach Erfurt, München oder ins Umland fahren oder wie viele Reisende in Berlin zusteigen wollten, die nun alternative Routen benötigen. „Wir wollen vermeiden, dass Kunden stranden“, sagt Hutwagner, „da sind wir sensibler geworden.“

Je größer die Nachfrage, desto teurer die Tickets

Jenseits des akuten Krisenmanagements dient die aufwändige Software vor allem höheren Erlösen. Das Prinzip ist einfach. Je begehrter die Strecken und Zeiten bei den Reisenden sind, desto weniger preiswerte Tickets werden verkauft. So will der Chef des Erlösmanagements mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: „Wir optimieren die Erlöse und sichern zugleich die Qualität und die Kundenzufriedenheit“, erläutert Ferbert.

Wie hoch die Kontingente an Sparpreisen und Supersparpreisen ist, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Stichproben im Buchungssystem zeigen eine beträchtliche Bandbreite an Angeboten. Mal kostet der Fahrschein selbst auf langen Strecken nur knapp 30 Euro, mal gibt es nur noch Billetts für den hohen Flexpreis.

Bahn verzichtet auf Verkaufstrick

Und immer häufiger zeigt die Angebotsauswahl auch nur noch Tickets für die 1. Klasse an. Da kommen für die einfache Fahrt auf Paradestrecken schon einmal bis zu 200 Euro an Kosten auf den Reisenden zu. Die gleiche Tour an einem anderen Wochentag ist unterdessen schon für einen Bruchteil des Preises zu haben. Kein Wunder, dass die Kunden auf die preiswerteren Zeiten ausweichen. So füllen sich über den Preis gesteuert auch die Züge in den Randzeiten.

Auf einen bei den Fluggesellschaften angewandten Verkaufstrick verzichtet die Bahn nach eigenen Angaben wiederum: „Die Ticketpreise ändern sich nicht ständig“, versichert Ferbert. Es lohnt sich demnach nicht, auf besonders günstige Angebote in der späten Nacht oder am Montagmorgen zu hoffen. Schnäppchenjäger haben bei der Bahn fast nur mit einer Strategie recht sicher Erfolg: früh buchen. Sagen die Prognosen erst einmal eine hohe Auslastung des gewünschten Zuges voraus, kann die Fahrt schnell teurer werden.

Um die Bahn insgesamt zu stärken, hatte Verkehrsminister Andreas Scheuer das riesige Programm „Deutschland-Takt“ ersonnen. Nach Ungereimtheiten mit Beratern musste der Konzern Konsequenzen ziehen. Kürzlich wurde das „Schöne Wochenende“-Ticket eingestellt – das sind die Alternativen.