Auswertung

Leiharbeit entpuppt sich für Geflüchtete oft als Sackgasse

Das Berlin-Institut hat Hürden für den Berufseinstieg für Geflüchtete analysiert. Die Sprache und falsche Erwartungen sind Job-Hemmer.

Bei den Berliner Wasserbetrieben werden Geflüchtete ausgebildet.

Bei den Berliner Wasserbetrieben werden Geflüchtete ausgebildet.

Foto: imago stock&people / imago/Christian Ditsch

Berlin. Asyl, Leiharbeit, Arbeitslosigkeit: Oft misslingt es Geflüchteten, sich dauerhaft auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist das Ergebnis einer Auswertung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Dabei ist die Grundvoraussetzung zunächst gar nicht schlecht. Immerhin rund jeder Dritte derjenigen, die nach 2015 aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern wie Syrien oder Afghanistan nach Deutschland geflohen sind, hat einen Arbeitsplatz gefunden. „Die Arbeitsmarktintegration geht schneller voran als anfangs erwartet“, sagte Frederick Sixtus, einer der drei Studienautoren.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Geflüchtete kommen oft in der Leiharbeit unter
  • Anschließend ist mehr als die Hälfte aber wieder arbeitslos
  • Ausbildungen scheitern häufig an mangelnden Sprachkenntnissen
  • Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung fordert Zugänge für Integrationsmaßnahmen

Leiharbeit endet oft in der Sackgasse

Ein genauer Blick auf die Arbeitsfelder zeigt aber die Probleme: Knapp 96.000 Geflüchtete fanden zwischen Februar 2018 und 2019 eine Beschäftigung – jeder Dritte landete in der Leiharbeit. Je 11.400 Geflüchtete kamen im Gastgewerbe oder bei wirtschaftlichen Dienstleistern unter.

Als Einstieg in den Arbeitsmarkt sei Leiharbeit laut der Studienautoren durchaus geeignet, da gute Sprachkenntnisse und formale Qualifikationen meist eine nachgeordnete Rolle spielen. Der Arbeitgeber könne sich zudem einen Eindruck des neuen Mitarbeiters verschaffen, Leiharbeit könnte also das Sprungbrett zur dauerhaften Anstellung sein.

Genau das ist sie aber nicht. „Leiharbeit ist nicht der Integrationsmotor, wie das oft behauptet wird“, sagte Sixtus. Stattdessen entpuppt sich für die meisten Geflüchteten die Leiharbeit als Sackgasse. 90 Tage nach dem Ende des Leiharbeitsverhältnisses ist über die Hälfte der Geflüchteten arbeitslos, jeder Fünfte erneut in Leiharbeit tätig.

Zahl der Auszubildenden bewegt sich auf niedrigem Niveau

Hinzu kommt, dass Geflüchtete oft nur kurz angestellt sind. 83 Prozent der Syrer, Afghanen und Iraker sind nach neun Monaten ihre Anstellung schon wieder los – denn dann müssen Leiharbeiter vergleichbare Löhne wie die Stammbelegschaft erhalten. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zu deutschen Leiharbeitern, von denen nur 27 Prozent nach neun Monaten nicht weiterbeschäftigt werden.

Auch bei Ausbildungen zeichnen die Studienautoren ein verhaltenes Bild. Zwar befanden sich im Juni 2018 mit 27.000 Geflüchteten doppelt so viele Geflüchtete in einer Ausbildung als noch im Vorjahr, insgesamt bewegen sich die Zahlen aber auf einem niedrigen Niveau.

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Oft werden Ausbildungen vorzeitig beendet

Eine Ausbildung stünde oft dem Ziel vieler Geflüchteter gegenüber, schnell Geld zu verdienen. Da Anerkennungsverfahren von beruflichen Qualifikationen oft lange dauern und viele Geflüchtete aufgrund ihrer noch nicht ausreichend vorhandenen Deutschkenntnisse ihre Ausbildungszeit verlängern würden, bedeute eine Ausbildung meist „fünf oder mehr Jahre geringen Verdienstes“.

Wer sich dennoch dafür entscheidet, eine Ausbildung zu beginnen, muss diese oft vorzeitig beenden. Laut Bundesinstitut für berufliche Bildung wurden 2017 bundesweit zudem 37,5 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst – das sind über zehn Prozent mehr als bei deutschen Auszubildenden. Auch schaffen nur drei von vier Geflüchteten ihre Abschlussprüfung.

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Mangelnde Sprachkenntnisse sind die größte Hürde

„Oft scheitern Geflüchtete in ihrer Ausbildung wegen mangelnder Sprachkenntnisse“, sagte Sixtus. Zwar seien die Ausbildungsunternehmen zufrieden mit der Arbeit der Geflüchteten, aber „der Berufsschulteil mit seiner Fachsprache ist für die Auszubildenden schwierig.“

Ohnehin seien mangelnde Sprachkenntnisse eine der größten Hürden für Geflüchtete bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Ein weiteres Problem: Drei Viertel der Geflüchteten können keine berufliche Ausbildung vorweisen, 13 Prozent der volljährigen Geflüchteten haben noch nicht einmal eine Schule besucht.

Hilfsangebote sind häufig nicht bekannt

So kommt es, dass viele Geflüchtete gar nicht so genau wissen, in welchem Bereich sie eigentlich tätig sein wollen. Orientierung können Hilfsangebote schaffen. Diese seien laut den Studienautoren vorhanden, blieben aber weitestgehend unbekannt.

Bestes Beispiel: Einer Analyse des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BaMF) zufolge gaben 57 Prozent der Geflüchteten an, Hilfe bei der Arbeitssuche zu benötigen. In Anspruch nahmen solche Hilfsangebote aber nur 18 Prozent.

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Kuriose Situationen bei Fördermaßnahmen

Um Geflüchtete besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, schlagen die Studienautoren in ihrem Diskussionspapier, dass Geflüchtete unabhängig von ihrem Status Zugang zu Fördermaßnahmen erhalten. Bislang ist das oft nicht der Fall – was zu kuriosen Situationen führt.

So können im Zuge des neuen Migrationspakets Geduldete direkt Zugang zu ausbildungsbegleitenden Programmen erhalten. Maßnahmen, die sie auf die Ausbildung vorbereiten, erhalten sie aber erst nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland.

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„Das wäre im Sinne der Entwicklungspolitik“

Ein früher Zugang zu Fördermaßnahmen sei wichtig, da für die Integration entscheidend sei, dass die Maßnahmen früh beginnen, sagte Sixtus: „Zu Beginn ist die Motivation noch hoch.“ Für jene, die in Deutschland bleiben wollen und dürfen, seien laut Sixtus solche Förderungen „Integrationsmaßnahmen“.

Wer dagegen Deutschland wieder verlässt, habe Qualifikationen erworben, die im Herkunftsland von Nutzen sein könnten. „Das wäre dann im Sinne der Entwicklungspolitik“, so Sixtus.