Konjunkturumfrage

Laune der Wirtschaft in Berlin trübt sich ein

Viele Unternehmen beurteilen die Geschäftsaussichten deutlich skeptischer. Warum jetzt auch die Politik gefragt ist.

Laut IHK-Konjunkturumfrage blicken Unternehmen in Berlin weniger optimistisch in die Zukunft als noch vor einem Jahr.

Laut IHK-Konjunkturumfrage blicken Unternehmen in Berlin weniger optimistisch in die Zukunft als noch vor einem Jahr.

Foto: Jens Büttner / dpa

Berlin. Unternehmen in Berlin blicken angesichts der wirtschaftlichen Lage sorgenvoller in die Zukunft als noch vor einem Jahr. Das geht aus der neuen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin hervor, die am Dienstag vorgestellt wurde. Demnach ist der sogenannte Geschäftsklimaindex zum zweiten Mal in Folge gesunken. Im Sommer 2018 lag der Wert, in den die aktuelle Geschäftslage und die Geschäftserwartungen einfließen, noch bei 144 Punkten. Derzeit steht der Index bei 140 Zählern.

„In keiner Branche laufen die Geschäfte schlecht. Wir sehen eine Konjunkturdelle, keine konjunkturelle Krise“, sagte Sandra Trommsdorf, IHK-Bereichsleiterin für Mittelstand und Energie. Mit Blick auf die Berliner Politik nannte Trommsdorf die aktuellen Zahlen einen „Weckruf“. Die Hochkonjunktur und damit die komfortable Einnahmesituation seien keine Selbstverständlichkeiten. „Jetzt ist die Zeit, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu sichern“, erklärte die Kammer-Vertreterin.

Laut aktueller Konjunkturumfrage sank im Frühsommer 2019 der Geschäftslagenindikator von 59 auf 54 Punkte. Auch der Erwartungsindikator hat seit Jahresbeginn einen Punkt verloren, liegt jetzt bei 23 Zählern. Das sei laut Kammer sogar der dritte Rückgang in Folge.

In Berlin zeigte sich vor allem die Industrie weniger optimistisch. Angesichts des langsamer wachsenden Welthandels und drohender internationaler Handelskriege formulierte die Branche nur noch nüchterne Erwartungen. Auch die in der Hauptstadt traditionell starke Dienstleistungsbranche vermeldet erste Eintrübungen. Vor allem die Nachfrage nach unternehmensnahen Dienstleistungen habe zuletzt laut IHK etwas nachgelassen.

Umfrage: Fachkräftemangel als größtes Risiko

Als größtes wirtschaftliches Risiko für die kommenden Monate nannten 71 Prozent der befragten Unternehmen in der Hauptstadt den Fachkräftemangel. 51 Prozent sehen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Berlin als größtes Risiko an. Vor allem die anhaltende Debatte über die Enteignung großer Wohnungsunternehmen hatte bei vielen Unternehmern in der Stadt Kopfschütteln ausgelöst.

Die IHK mahnte die Politik auch dazu an, endlich Hausaufgaben zu erledigen. „Die Umsetzung des Zukunftspakts Verwaltung muss Fahrt aufnehmen in Richtung digitaler und kundenorientierter Verwaltung“, sagte Sandra Trommsdorf. Das neue Vergabegesetz solle zudem den Investitionsstau bei öffentlichen Aufträgen in Berlin auflösen. Erst in der vergangenen Woche hatte die IHK gemeinsam mit anderen Wirtschaftsverbände aus Berlin, eine Überarbeitung des vorliegenden Entwurfs gefordert. Das Vergabegesetz solle vor allem mittelstandsfreundlicher werden, forderten die Verbände.

Mittlerweile ist auch innerhalb der Firmen deutlicher Unmut über die Landespolitik zu hören. „Wenn wir so arbeiten würden wie die Politik, wären wir mit Sicherheit nicht mehr am Markt“, sagte Dieter Mießen, kaufmännischer Leiter bei Frisch & Faust Tiefbau. Mießen kritisierte vor allem die schleppende Arbeit der Verwaltung – sowohl in den Bezirken als auch auf Senatsebene. Mit Blick auf die Behörden sagte Nießen, Berlin laufe auf einen „demografischen Notstand“ zu. „Uns gehen auf Senats- und Bezirksebene die Ansprechpartner aus, weil immer mehr zuständige Mitarbeiter in Rente gehen“, beklagte der Tiefbau-Spezialist. Gleichzeitige gelinge es vielen Ämtern nicht, vorhandene Ausbildungs- und Studienplätze zu besetzen.

Sein Unternehmen lege deutlich mehr Wert auf Nachwuchsgewinnung- und förderung als noch vor ein paar Jahren. Von 160 Mitarbeitern bei Frisch & Faust seien alleine drei Beschäftigte als Ausbildungskoordinatoren tätig. Größere Anstrengungen forderte Mießen im Bereich Berufsorientierung in Schulen. „Gerade in den Gymnasien stellen wir fest, dass es nur eine Studienorientierung gibt“, bemängelte er. Das Thema Ausbildung komme viel zu kurz.

Firmen blicken mit Sorge auf steigende Energiepreise

Neben dem Fachkräftemangel bereitet Firmen laut IHK-Umfrage auch der Inlandsabsatz mehr Sorge als noch vor einem Jahr: 39 Prozent der Umfrageteilnehmer sagten, das sei ein Risiko für die Geschäftsentwicklung. Deutlicher ist nur der Anstieg beim Thema Energiepreise: Vor einem Jahr spielten Kosten für Gas, Wasser und Strom praktisch keine Rolle. Jetzt sehen rund 22 Prozent der Unternehmer in den gestiegenen Energiepreisen ein Risiko.

An die Höhe der Arbeitskosten scheinen sich viele Firmen allerdings gewöhnt zu haben. Aktuell nennen nur noch 39 Prozent der Unternehmer die Arbeitskosten als Risiko. Zu Jahresbeginn lag der Wert noch bei 49 Prozent. Möglicherweise würden die Höhe der Arbeitskosten von einigen Unternehmern in Anbetracht der anderen Risiken nicht mehr als allzu risikoreich angesehen, so Studienautor Christian Nestler.