Gesundheitsmanagement

Wie Raumfahrttechnik Mitarbeiter gesünder macht

Wenn Arbeit krank macht, wird es für Firmen teuer. Ein Berliner Start-up will Beschäftigte zu Sport und gesunder Ernährung motivieren.

Aeroscan-Gründer Martin Kusch: Betriebliches Gesundheitsmanagement kann Mitarbeiter gesünder machen und bei Unternehmen zu Produktivitätssteigerungen führen.

Aeroscan-Gründer Martin Kusch: Betriebliches Gesundheitsmanagement kann Mitarbeiter gesünder machen und bei Unternehmen zu Produktivitätssteigerungen führen.

Foto: Foto: Sergej Glanze

Berlin. Ein Auftrag der Europäischen Weltraumagentur ESA legte die Basis für die Technik, die heute Teil des Geschäftsmodells des Berliner Start-ups Aeroscan ist. Die ESA hatte vor mehr als 15 Jahren mehrere europäische Hochschulen damit beauftragt, einen Stoffwechselmonitor zu bauen. Das Gerät sollte im All den Fitnesszustand von Astronauten überwachen. Martin Kusch (52), damals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Deutschen Sporthochschule Köln, erkannte nicht sofort das Potenzial des Geräts. Doch heute ist die Technik wichtiger Bestandteil seines Start-ups Aeroscan.

Aeroscan will Menschen zu mehr Bewegung und gesünderer Ernährung motivieren. Kunden sind große Unternehmen wie Adidas, Vodafone oder der Gebäudedienstleister ISS. Die Firmen kaufen bei Aeroscan gewissermaßen das Sport- und Ernährungsprogramm für ihre Belegschaften ein. Im vergangenen Jahr haben mehrere Tausend Mitarbeiter in ganz Deutschland die Leistungsdiagnose mit der Aeroscan-Technik absolviert. Die wenigsten haben sich dabei wohl wie Astronauten geführt.

Aeroscan erstellt Trainings- und Ernährungsprogramme

Der Test funktioniert so: Aeroscan hat auf Grundlage der Raumfahrt-Sensoren ein Gerät für die sogenannte Atemgasanalyse entwickelt. Die Technik steht in rund 500 Partner-Fitnessstudios in ganz Deutschland. Über die Aeroscan-App machen die Kunden einen Termin. Dann geht’s auf das Laufbahn oder das Ergometer. Während der sportlichen Betätigung atmen die Kunden in ein Mundstück. So werden die Werte gemessen. Danach stellt die App in Sekundenschnelle die Leistungsfähigkeit des Probanden dar. Anschließend gibt das Programm taggenaue Bewegungs- und Ernährungsprogramme vor.

„Aeroscan stellt den Energiestoffwechsel eines Menschen dar“, sagt Firmengründer Martin Kusch. Mithilfe der Auswertung könne der Fettstoffwechsel im Körper genau kontrolliert und gefördert werden, erklärt der Sportwissenschaftler. So seien auch heutige Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Übergewicht in den Griff zu bekommen. Die Datenverarbeitung läuft vollständig über die Server von Aeroscan. Die Unternehmen, die mit dem Berliner Start-up ihre Mitarbeiter zu einem gesünderen Lebensstil motivieren wollen, haben keinen Zugriff auf die Informationen ihrer Belegschaft. Und dennoch profitieren die Firmen von dem Aeroscan-Geschäftsmodell.

Krankheitstage verursachen Milliardenschäden in Deutschland

Deutschlandweit wird das sogenannte betriebliche Gesundheitsmanagement immer wichtiger. Auch in Berlin haben Unternehmen den Wert einer gesunden Belegschaft erkannt. „Nur mit gesunden und motivierten Mitarbeitern kann ein Unternehmen hochwertige Produkte und Dienstleistungen anbieten. Deshalb ist jeder Betrieb an einem möglichst geringen Krankenstand interessiert“, sagt der Chef der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, Christian Amsinck. Derzeit sind in Berlin und Brandenburg Arbeitnehmer durchschnittlich noch rund 20 Tage pro Jahr erwerbsunfähig. Das verursacht Milliardenschäden.

Einer der größten Arbeitgeber in der deutschen Hauptstadt, das BMW-Motorradwerk in Spandau, investiert deswegen in das Gesundheitsmanagement. Pro Jahr gibt es etwa 500 umfangreiche Gesundheitsuntersuchungen für die Mitarbeiter, hinzu kommen rund 5000 ärztliche Beratungen in der werkseigenen Ambulanz. Auf dem Gelände hat BMW zudem ein eigenes Fitnessstudio sowie eine Physiotherapiepraxis. Auch bei der Produktion der Motorräder achtet der Konzern verstärkt auf die Gesundheit. So hat BMW rückenfreundliche Bodenmatten an einigen Fertigungslinien angebracht. Auch mit Hebehilfen, um besonders schwere Teile zu bewegen, können die Beschäftigten arbeiten.

Betriebliches Gesundheitsmanagement erhöht Produktivität der Unternehmen

„Gesunde Mitarbeiter schaffen unseren Erfolg. Wir wollen daher die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter langfristig sichern. Um das zu erreichen, gestalten wir ein ergonomisches Arbeitsumfeld und fördern gesundes Verhalten“, erklärt der BMW-Standortleiter Helmut Schramm. Für das Unternehmen dürfte sich das betriebliche Gesundheitsmanagement auch durchaus rechnen: Studien haben ergeben, dass jeder dafür eingesetzte Euro die Kosten um mindestens drei Euro senkt. Zudem steigt die Produktivität.

Das Berliner Health-Tech-Start-up Aeroscan setzt beim betrieblichen Gesundheitsmanagement vor allem auf Digitalisierung. Die App zeigt dem einzelnen Firmenmitarbeiter nicht nur Trainingspläne an, sondern schlägt jeden Tag auch wechselnde Rezepte auf Basis der Messergebnisse vor. Mehr als 3800 Gerichte lagern in der Datenbank. Der größte Motivationsfaktor sei aber die Darstellung der eigenen Leistungsfähigkeit zu Hunderten anderen Nutzern in der jeweiligen Vergleichsgruppe, sagt Martin Kusch. Nach dem Test sehen die Kunden sofort, wo sie stehen und was erreichbar wäre. „Diese Ansicht hat eine unglaubliche Motivationsmacht. Wenn die Leute das sehen, gelingt es uns, in Belegschaften bis zu 70 Prozent der Mitarbeiter für das Programm zu gewinnen“, erklärt Kusch.

Je nach Teilnehmerzahl kostet das Aeroscan-Angebot die Unternehmen zwischen 10 und 20 Euro pro Mitarbeiter und Monat. Ein Teil des Budgets für das betriebliche Gesundheitsmanagement holen sich die Firmen für gewöhnlich aber von den Krankenkassen zurück.

Krankenkasse: Arbeitgeber müssen auch auf Veränderungen der Arbeitswelt reagieren

Laut der Techniker Krankenkasse (TK), bei der rund 840.000 Berliner krankenversichert sind, bieten nur ein äußerst kleiner Teil der Unternehmen überhaupt kein Gesundheitsmanagement für ihre Mitarbeiter an. Die meisten Firmen haben erkannt, dass gesundheitsfördernde Angebote die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöhen. Zudem könnten Unternehmen mit Gesundheitsmanagement auch auf dem Arbeitsmarkt im Kampf um Talente punkten. Neue Veränderungen in der Arbeitswelt, etwa die Digitalisierung, müssten dabei aber mitgedacht werden. Das sei noch nicht bei allen Programmen für betriebliches Gesundheitsmanagement der Fall, sagt die Berliner TK-Chefin Susanne Hertzer.

„Die Digitalisierung der Arbeitswelt stellt uns vor veränderte Bedingungen. Dadurch verschwinden die starren Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Einige Unternehmen haben bereits auf diese Herausforderung reagiert“, erklärt Hertzer.

Gesundheitssenatorin will gesundes Arbeiten vor allem in der Pflege stärken

Auch die Gesundheitsverwaltung versucht, gesundes Arbeiten in Berlin zu stärken. „Arbeit darf nicht krank machen. Wir wissen aber, dass bestimmte Tätigkeiten mit physischer und psychischer Belastung die Gesundheit gefährden. Hier tragen die Arbeitgeber eine hohe Verantwortung“, erklärt Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). Im Fokus der Politikerin sind vor allem Pflegekräfte. „Die Krankenstände sind hier sehr hoch, und die Verweildauer im Beruf ist mit acht Jahren zu kurz. Wir brauchen in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen betriebliches Gesundheitsmanagement“, so Kalayci. Auch mithilfe des „Berliner Paktes für die Pflege“ soll die Arbeit familienfreundlicher gestaltet werden. Digitale Technik könne zudem für Entlastung sorgen.

Aeroscan-Gründer Martin Kusch hatte ursprünglich einen anderen Plan. Nach der erfolgreichen Entwicklung der Raumfahrt-Sensoren brachte er die Technologie zunächst mit einem anderen Unternehmen auf den Markt. Zwischen 2005 und 2010 verkaufte er die Sensoren an Firmen wie GE oder Olympus, die die Technik etwa in Überwachungsmaschinen für Intensiv-Stationen verbauten. Erst danach war auch Kusch an der Entwicklung des Geräts beteiligt, das noch heute zur Leistungsdiagnostik genutzt wird. Seit 2016 gibt es das Start-up Aeroscan.

Olympiasiegerin hat in Aeroscan investiert

Mehr als 1,2 Millionen Euro Kapital hat das junge Unternehmen inzwischen eingesammelt. Unter den Geldgebern ist auch die Biathlon-Olympiasiegerin Andrea Henkel. Die Sportlerin hatte das Gerät erstmals während ihrer Ausbildung zur Fitnesstrainerin kennengelernt und zählt seit Anfang dieses Jahres zum Gesellschafterkreis. Henkel könnte mit ihren Kontakten nun auch dafür sorgen, dass Aeroscan weitere Kunden außerhalb Deutschlands gewinnt. Durch ihre Ehe mit dem früheren US-amerikanischen Biathleten Tim Burke ist die Ex-Sportlerin in den Leistungssportverbänden Nordamerikas gut vernetzt.

Zunächst nimmt Gesundheits-Experte Kusch aber das deutsche Geschäft in den Fokus. In diesem Jahr soll Aeroscan weiter wachsen und neue Firmenkunden dazu gewinnen. Helfen soll dabei auch das Geld eines neuen Investors. Eine siebenstellige Summe will das Start-up einsammeln. „Wir sind in Gesprächen mit mehreren möglichen strategischen Partnern“, sagt der Firmengründer. Ein Teil des Geldes will Aeroscan in Werbung investieren. Daneben arbeitet das Unternehmen weiter am Aufbau von regionalen Standorten, um deutschlandweit flächendeckend die Leistungsdiagnosen anbieten zu können.

Im Herbst soll zudem eine neue Version der Smartphone-App veröffentlicht werden. Theoretisch stehen für das Programm sogar schon Pakete in 13 Sprachen zur Verfügung. Gut möglich also, dass es für Aeroscan bald ähnlich hoch hinaus geht, wie für die Sensorik, die einst für die ESA entwickelt worden ist.