Umfrage

Politik soll sich um Kieze kümmern

Die Berliner identifizieren sich mit ihrem Kiez. Für die Gestaltung des Wohnbereichs sieht vor allem der Ost-Teil der Stadt die Politik am Zug.

Die Identifizierung der Berliner mit ihrem eigenen Kiez ist groß, hat eine aktuelle Umfrage ergeben.

Die Identifizierung der Berliner mit ihrem eigenen Kiez ist groß, hat eine aktuelle Umfrage ergeben.

Foto: Bildagentur-online/Schoening / picture alliance

Berlin.  Trotz des seit Jahren anhaltenden Zuzugs aus anderen Bundesländern und Staaten und der dadurch ausgelösten Veränderungen in der Stadt fühlen sich immer mehr Berliner mit der eigenen Wohnumgebung verbunden. In einer aktuellen Umfrage der Berliner Sparkasse, die der Berliner Morgenpost vorliegt, geben 83 Prozent der Befragten an, sich mit ihrem Kiez, in dem sie leben, identifizieren zu können. Im vergangenen Jahr hatten nur 79 Prozent der Umfrageteilnehmer diese Frage mit „Ja“ beantwortet.

Zuletzt zählte das Amt für Statistik Ende September des vergangenen Jahres 3.634.100 Berliner. Das waren 20.600 Bewohner mehr als zum letzten Quartalsende 2017. Auch durch den großen Zuzug aus dem Ausland war der Anteil von Berlinern nicht deutscher Herkunft in der Stadt weiter gestiegen: Aus anderen Ländern zogen 26.800 Personen mehr in die deutsche Hauptstadt als nicht-deutsche Einwohner Berlin wieder verließen.

Wegen der gestiegenen Nachfrage waren in den vergangenen Jahren auch die Ausgaben für Miete in der Stadt angewachsen. Vor allem in den Innenstadt-Bezirken klagten alteingesessene Bewohner immer wieder über Verdrängung aus den begehrten Wohnlagen. Laut Umfrage steigt die Verbundenheit mit dem eigenen Kiez mit dem Lebensalter – und somit möglicherweise auch mit der Wohndauer an einem Ort – an: 87 Prozent der über 50 Jahre alten Berliner geben in der Studie an, sich besonders mit dem eigenen Kiez zu identifizieren.

Nur wenig Anwohner sehen sich selbst in der Pflicht

Geht es um die Gestaltung der Wohnumgebung sieht ein Großteil der Berliner die Landes-, Bezirks- und Lokalpolitiker in der Pflicht: Jeder Zweite ist der Meinung, dass die lokale Politik für die Zukunft der Kieze am meisten verantwortlich sei. Erst an zweiter Stelle sehen sich die Bewohner selbst am Zug: 27 Prozent sagen, dass es vor allem die Aufgabe der Anwohner sei, die Gestaltung der eigenen Umgebung zu übernehmen. 16 Prozent der Umfrageteilnehmer sind der Meinung, lokale Unternehmen wie Geschäfte, Gastronomie und Büros sollten federführend bei der Weiterentwicklung der Kieze sein. Nur eine geringe Verantwortung sehen die Befragten dabei bei lokalen Vereinen.

Die Haltung, wer für die Gestaltung der Kieze verantwortlich ist, verändert sich aber mit dem Wohnort der Befragten: Vor allem Einwohner aus dem Ost-Teil der Stadt sehen die meiste Verantwortung dafür bei der Politik (64 Prozent). Im Westen hingegen sind nur 45 Prozent der Bewohner der Ansicht, der Staat sei federführend, wenn es um die Gestaltung der Wohn-Umgebung gehe. Gut ein Drittel der West-Berliner sieht die Verantwortung dafür bei den Anwohnern selbst (32 Prozent). Im Osten der Stadt sehen sich hingegen nur 19 Prozent der Einwohner für die Gestaltung der Kieze verantwortlich.

63 Prozent der Berliner können sich ehrenamtliches Engagement vorstellen

Wie stark das Verantwortungsgefühl für die eigene Nachbarschaft ausgeprägt ist, ist auch keine Frage des Alters: Sowohl die 18 bis 29 Jahre alten Berliner als auch die Einwohner, die älter als 50 Jahre alt sind, sehen zu nahezu einem Drittel die Anwohner für die Gestaltung des Kiezes verantwortlich. Bei den 30- bis 49-jährigen Berlinern sind hingegen nur 23 Prozent der Befragten der Meinung, das sei Sache der Bewohner.

Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, sich in ihrer Freizeit etwa bei Straßenfesten oder Müllsammeln um die Gestaltung ihres Kiezes zu kümmern, antworten 63 Prozent der Berliner mit „Ja“. 16 Prozent geben an, sich bereits ehrenamtlich zu engagieren. Mehr als ein Drittel der Befragten kann sich ein solches Engagement in ihrer Freizeit allerdings gar nicht vorstellen.

Den Wandel in den Bezirken durch Renovierung und Sanierung halten viele Berliner für gefährlich: 61 Prozent der Befragten sehen eher Risiken für den eigenen Kiez, sollte die Verdrängung von Einwohnern und Geschäften durch steigende Mieten weiter anhalten. 39 Prozent geben an, eher Chancen durch den Prozess zu erwarten. Vor allem jüngere Menschen und Bewohner mit einem verfügbaren Haushaltsnettoeinkommen von monatlich 3000 Euro und mehr finden den Wandel von Kiezen in gentrifizierten Szene-Vierteln gut oder eher gut.

Trotz aller Veränderungen will nach wie vor ein Großteil der Befragten weiter in Berlin wohnen bleiben: Wie schon 2018 geben auch 2019 76 Prozent der Befragten an, auch im Alter in der deutschen Hauptstadt ein Zuhause finden zu wollen: 63 Prozent der Berliner wollen auch später noch in der gewohnten Umgebung leben. 22 Prozent setzen im hohen Alter auf ein Mehrgenerationenhaus. Nur sehr wenige können sich vorstellen, im Seniorenheim (fünf Prozent) oder bei den eigenen Kindern (vier Prozent) einzuziehen.