Berliner Unternehmen

Zeitfracht - Plötzlich die Nummer zwei auf dem Markt

Zeitfracht ist in kurzer Zeit zum größten Flugunternehmen Deutschlands nach Lufthansa geworden. Die Berliner wollen weiter investieren.

Hat seine Maschinen am Himmel immer genau im Blick: Wolfram Simon-Schröter, Chef des Berliner Flugunternehmens Zeitfracht.

Hat seine Maschinen am Himmel immer genau im Blick: Wolfram Simon-Schröter, Chef des Berliner Flugunternehmens Zeitfracht.

Foto: Carsten Koall

Berlin. Um zu wissen, wo in Europa sich seine Flugzeuge gerade befinden, muss Zeitfracht-Chef Wolfram Simon-Schröter (38) nur für einen Moment auf den großen Bildschirm in seinem Büro blicken. Seit Anfang April benötigt Simon-Schröter dafür mitunter aber etwas mehr Zeit. Denn das Berliner Flugunternehmen ist stark gewachsen. Mittlerweile zählen 22 Maschinen zur Flotte.

Erst vor wenigen Wochen hatte Zeitfracht vom Lufthansa-Konzern die frühere Air-Berlin-Tochter Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW) mit 17 Flugzeugen übernommen. LGW ist im Regional- und Zubringerverkehr für die Lufthansa-Billigtochter Eurowings tätig. Den Auftrag führt die LGW auch unter dem neuen Eigentümer Zeitfracht fort. Zum Kaufpreis schweigt Simon-Schröter.

Berliner vermieten Maschinen an Easyjet und Eurowings

LGW sei eine sinnvolle Ergänzung. „Unsere Strategie ist, führender Anbieter für regionale Flugdienstleistungen im Wet-Lease, also in der Vermietung von Flugzeugen an andere Gesellschaften, zu sein“, erklärt Simon-Schröter. Derzeit sind die Zeitfracht und LGW-Flieger unter anderem für Air France, Easyjet und Eurowings unterwegs. Neben den Flugzeugen hatte Zeitfracht auch rund 600 LGW-Mitarbeiter in dem Deal übernommen. Die Berliner Zeitfracht-Unternehmensgruppe beschäftigt nun deutschlandweit fast 1800 Mitarbeiter.

Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ist der Berliner Mittelständler in den vergangenen Monaten so zu Deutschlands zweitgrößtem Flugunternehmen aufgestiegen. Nur die Lufthansa-Gruppe hat noch mehr eigene Flieger am Himmel. Zeitfracht ist der Sprung auf Platz zwei nicht nur durch eigene Zukäufe gelungen. Auch die erneuten Umbrüche in der deutschen Luftfahrtbranche durch die Pleiten von Germania und dem deutschen Ableger von Small Planet haben dazu beigetragen.

Wolfram Simon-Schröter hat die Veränderungen innerhalb seiner Branche aufmerksam beobachtet. Als die Charterfluggesellschaft Small Planet in finanzielle Schwierigkeiten geriet, soll der Zeitfracht-Chef einen Blick in die Bücher geworfen haben. Auch bei Germania habe Zeitfracht zeitweise über Kooperation nachgedacht, berichten Branchen-Insider. Vielleicht wäre ein Einstieg bei der damals taumelnden Berliner Airline aber zu viel für das vergleichsweise kleine Unternehmen gewesen. Simon-Schröter will zwar wachsen, doch die noch immer familiengeführte Zeitfracht auch nicht überlasten.

Simon-Schröter, der das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau in dritter Generation führt, ist ein bedächtiger Geschäftsmann. Wo sich Konkurrenten verzetteln, will Simon-Schröter einen klaren Kurs halten. Das Wet-Lease-Geschäft will Zeitfracht in den kommenden Jahren weiter ausbauen. Dafür müssen die Berliner zunächst aber Hausaufgaben erledigen. Um langfristige Kosten zu senken, sollen unter anderem Prozesse und Systeme vereinheitlicht werden. Vor LGW hatte Zeitfracht 2017 bereits die Charterfluggesellschaft WDL Aviation übernommen.

Ex-Air-Berlin-Chef hat neuen Posten bei Zeitfracht

Simon-Schröter will zudem in den kommenden Jahren die gesamte Flotte der Berliner auf den Flugzeugtyp E190 des brasilianischen Herstellers Embraer umstellen. Der Kurzstreckenjet mit rund 100 Sitzplätzen gilt als spritsparend und vergleichsweise leise. Entscheidungen wie diese, die die Zukunft seines Unternehmens betreffen, trifft Simon-Schröter nur selten, ohne zuvor mit Thomas Winkelmann zu sprechen.

Der frühere Vorstandsvorsitzende von Air Berlin fing im vergangenen Jahr als Beiratsvorsitzender bei Zeitfracht an. Mittlerweile ist Winkelmann diesen Posten allerdings wieder los. „Seit Frühjahr dieses Jahres ist Herr Winkelmann Generalbevollmächtigter bei Zeitfracht. Durch seine langjährige Erfahrung ist er für unser Unternehmen im operativen Bereich ein wichtiger Ratgeber“, sagt Wolfram Simon-Schröter. Möglicherweise hat Winkelmann, der als äußert gut vernetzt in der Luftfahrtbranche gilt, Simon auch dazu geraten, sich auf ein Geschäftsfeld zu fokussieren. Während der Wet-Lease-Bereich weiter wachsen soll, hat Zeitfracht das Frachtgeschäft deutlich zurückgefahren: Derzeit sind nur noch drei Cargo-Maschinen für das Unternehmen unterwegs.

Von dem im Frühjahr 2018 angekündigten Ziel, ein europäisches Netz für kleingewichtige Express-Frachtstücke zu etablieren, hat sich Zeitfracht inzwischen wieder verabschiedet. Simon-Schröter wollte ursprünglich in Frachträumen von Billigfliegern wie Easyjet die Sendungen transportieren lassen. Doch seit dem vergangenen Jahr ist der europäische Frachtmarkt aufgrund der schwächelnden konjunkturellen Weltlage in Bedrängnis. „Darauf haben wir reagiert. Im Moment hat es für uns keinen Sinn, dieses Geschäft weiterzubetreiben“, sagt Simon-Schröter.

Zeitfracht konnte 2018 auch ohne Wachstum im Frachtbereich eines der erfolgreichsten Geschäftsjahre in der Unternehmensgeschichte verbuchen, sagt der Geschäftsführer. Zu konkreten Zahlen schweigt das Unternehmen. Noch 2017 lag der Firmenumsatz allerdings bei 250 Millionen Euro, inzwischen dürften die Berliner die 300-Millionen-Euro-Umsatz-Marke geknackt haben. „2019 erwarten wir weiteres Wachstum auf der Umsatzseite und einen Ertrag, der leicht unter dem des Vorjahres liegt“, so Simon-Schröter.

Zeitfracht wird auch weiter investieren. Neben dem Kauf von neuen Flugzeugen baut das Unternehmen auch eine eigene Wartungsfirma in Köln und Düsseldorf auf, die sich künftig um die Embraer-Maschinen kümmern soll. Zeitfracht will so unabhängiger werden von externen Dienstleistern, auch um Maschinen nach der Wartung schneller als bislang wieder im Markt platzieren zu können. Das Wet-Lease-Geschäft von Zeitfracht ist zwar bewusst langfristig angelegt. Mit Easyjet und Eurowings hat das Unternehmen zum Teil jahrelange Verträge ausgehandelt. Doch mitunter fragen Fluggesellschaft wegen Personalmangels oder Engpässen im Flugplan auch kurzfristig Kapazitäten an. Darauf wollen sich die Berliner künftig noch besser einstellen.