Konferenz

Digitalkonferenz re:publica - Mobilität wird Zukunftsfrage

Auf der re:publica geht es auch um E-Roller, U-Bahnen und Fahrdienste. Experten erwarten neue Geschäftsmodelle in den Städten.

Moderatorin Hanna Gersmann, Dirk Meyer, Stephan Rammler und BVG-Chefin Sigrid Nikutta (v.l.).

Moderatorin Hanna Gersmann, Dirk Meyer, Stephan Rammler und BVG-Chefin Sigrid Nikutta (v.l.).

Foto: Dominik Bath

Berlin. Auf der Digitalkonferenz re:publica liegen alte und neue Mobilität nur wenige Meter auseinander: Im Park des Technikmuseums, das in diesem Jahr erstmals zum Veranstaltungsgelände zählt, steht ein sogenannter Volocopter – das elektrisch betriebene Flugtaxi eines süddeutschen Unternehmens. Gewissermaßen um die Ecke, in dem Lokschuppen des Museums, sind Relikte aus der Frühzeit der Mobilität ausgestellt.

Die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta, fühlt sich in diesem Ambiente am Dienstagnachmittag sichtlich wohl. Die Vorstandsvorsitzende der größten deutschen Verkehrsbetriebe ist gekommen, um mit Wissenschaftler Stephan Rammler und dem Leiter der Abteilung für Digitalisierung und Forschung im Bundesumweltministerium, Dirk Meyer, über die Mobilität der Zukunft zu sprechen.

Debatten über Flugtaxis sind „Modediskussionen“

Nikutta nutzt die erste halbe Stunde zunächst dazu, ein Plädoyer für die Schiene zu halten. Die Debatten um E-Roller, Drohnen und Flugtaxis bezeichnet sie als Modediskussionen. „Schienen sind das Rückgrat der Mobilität“, sagt Nikutta und nennt die U-Bahn das „effektivste Verkehrsmittel“. Unter der Erde wollten Hunderte Menschen in eine Richtung, sagt Nikutta. Natürlich gebe es dabei Herausforderungen. „In der U2 wird morgens 8 Uhr nicht immer ein kundenfreundliches Freiheitsgefühl vermittelt“, so Nikutta. Wissenschaftler Stephan Rammler widerspricht. E-Roller seien als eine Form der Mikromobilität eine praktische Ergänzung zum ÖPNV-Angebot. Diese Angebote seien zukunftsträchtig, Autos hingegen nicht. Auch wenn die Fahrzeuge eines Tages autonom unterwegs sein könnten, würden so Verkehrsprobleme in großen Städten nicht gelöst werden können, sagt Rammler, der wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin ist. Er beschwört den Systembruch. „Wir als Gesellschaft sind im goldenen Käfig der Automobilindustrie gefangen“, sagt er. Dirk Meyer, der beim Bundesumweltministerium auch für Digital-Fragen zuständig ist, sieht bereits einen gewaltigen Druck auf die bestehenden Wirtschaftsordnung. Ausgelöst durch den Klimawandel müsse sich die Autoindustrie verändern. Angesichts der Digitalisierung stelle sich zudem die Frage, wer künftig Mobilität organisiert: Autohersteller müssten sich dabei auch gegen Digital-Konzerne wie Google wehren.

In großen Städten ist laut Meyer mit neuen Geschäftsmodellen rund um die Mobilität mittlerweile auch ein Kampf um Marktanteile und Kundendaten entbrannt. Auch in Berlin nehme die Anzahl der Marktteilnehmer im Segment Mobilität seit Jahren zu. Es gehe auch darum, Verkehrsräume neu zu organisieren. Für Kommunen sei es dabei wichtig, die Zukunft nicht in die Hände von Konzernen zu legen, so Meyer. „Wir müssen auf Bundes- und Länderebene die Flankierung bieten, um zu verhindern, dass andere Interessen die Mobilität von morgen bestimmen.“

Die Stadt San Francisco als mahnendes Beispiel

Auch deswegen gibt es in Berlin Angebote wie den Berlkönig von der BVG. Bei dem Service können Nutzer eine Fahrt per App teilen. Pooling heißt das in der Fachsprache. Die BVG bietet ab Sommer zudem mit Jelbi eine App, die verschiedene Verkehrsmittel miteinander vernetzt.

Nikutta nennt die US-amerikanische Stadt San Francisco als mahnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn der Markt die neue Mobilität regele. Dort gebe es sehr viele On-Demand-Services, also Angebote, die Kunden von der Haustür bis zum gewünschten Ziel bringen. Dadurch sei der Innenstadtverkehr stark gestiegen. Gleichzeitig seien ÖPNV-Fahrten um 15 Prozent zurückgegangen. „Die Stadt ist völlig verstopft“, sagt Nikutta.