Windkraftanlagen

Berliner sorgen bei Energiewende für frischen Wind

Das Berliner Unternehmen Re-Wind arbeitet alte Windkraftanlagen auf. Davon hängt auch der Erfolg der deutschen Energiewende ab.

Deutschlandweit auf der Suche nach alten Windkraftanlagen: Re-Wind-Geschäftsführer Lars Meyer.

Deutschlandweit auf der Suche nach alten Windkraftanlagen: Re-Wind-Geschäftsführer Lars Meyer.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin/Waldow. Mit Sicherheit war das Angebot des Berliner Unternehmens Re-Wind der bequemste Weg, vielleicht war es sogar finanziell lukrativ. „Es ist so, dass der Dorffrieden gewahrt ist“, sagt Hartmut Jurke. Waldow, ein Örtchen in Brandenburg, gut eine halbe Autostunde von Berlin entfernt: Auf mehreren Feldern gibt es hier seit 2003 einen Windenergiepark. Jurke hat sich für einen Projektentwickler um Betrieb und Wartung der 14 Anlagen gekümmert. Auch das Dorf hat dabei mitverdient.

Doch seit Anfang des Jahres haben elf der Anlagen bei Waldow einen neuen Eigentümer. Das Unternehmen Re-Wind aus Berlin hat die Windräder gekauft. Die Leute im Dorf seien damit zufrieden, sagt Jurke. Das liegt auch daran, dass Re-Wind dem Ökostrom-Projekt vor der Waldower Haustür eine neue Perspektive gibt. Denn 2023, also zwei Jahrzehnte nachdem die erste Anlage auf dem Feld Strom produzierte, fällt der Windpark aus der staatlich garantierten Einspeisevergütung. Die Betreiber müssen dann den erzeugten Strom auf dem freien Markt anbieten. Das bringt erhebliche Preiseinbußen mit sich. Nun aber bleibt den unterschiedlichen Eigentümern des Windparks der harte Weg in die Marktwirtschaft erspart.

Berliner Firma kauft Windräder, die bald aus der Einspeisevergütung fallen

Es ist ein warmer Vormittag Ende April, als Re-Wind-Geschäftsführer Lars Meyer unter einer der Waldower Anlagen steht und sich etwas ärgert. „Das Wetter könnte besser sein“, sagt Meyer und lacht. Zwar scheint die Sonne, doch Wind weht an diesem Tag kaum. Meyer und sein Firma wollen mit den Windrädern trotz der nur noch bis 2023 garantierten staatlichen Vergütung Geld verdienen. Meyers Geschäftsmodell geht so: Mit Re-Wind kauft er bestehende Windparks, die in ein paar Jahren aus der Ökostrom-Förderung fallen, und stellt sie neu auf. Re-powering nennt sich die Arbeit von Re-Wind in der Fachsprache.

Um auch ohne staatliche Hilfe weiter Geld verdienen zu können, muss Meyer dafür alte Windkraftanlagen durch neue ersetzen. Für Waldow hat Re-Wind folgende Rechnung aufgestellt: Eine Anlage kann dort derzeit im Jahr bis zu drei Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen, was den Jahresbedarf von etwa 850 Haushalten deckt. Reißt Re-Wind nun die alte Anlage ab und baut ein Windrad der neuesten Generation auf, könnte sich die Stromproduktion nahezu verfünffachen. Die erzeugte Energie würde rechnerisch für 3800 Haushalte reichen.

29 Anlagen betreibt Re-Wind in ganz Deutschland

Die Berliner haben neben den elf Windrädern in Waldow bereits 18 weitere Anlagen an Standorten in ganz Deutschland erworben. „Wir suchen Anlagen, die zwischen 2000 und 2005 gebaut worden sind“, sagt Meyer. Das Angebot von Re-Wind richtet sich vor allem an private Eigentümer von Windkraftanlagen. Bürgerwindparks etwa stellt das Auslaufen der garantierten staatlichen Einspeisevergütung vor Herausforderungen: Nicht nur die Frage, ob der Windpark danach noch weiter rentabel zu betreiben ist, stellt sich, sondern auch wie. „Nicht immer haben alte Eigentümer Interesse, in neue Anlagen zu investieren oder bestehende zu optimieren“, erklärt Meyer.

Der Berliner Unternehmer hingegen ist nicht nur von seiner Geschäftsidee überzeugt, er bringt auch das nötige Kleingeld mit: Ein rund 400 Millionen Euro schwerer Fonds steht Meyer zu Verfügung. Das Geld stammt zum großen Teil von den Geldgebern des spanischen Energie-Investmentunternehmens Q-Energy. Nicht nur die Spanier gehen davon aus, dass in Deutschland mit Windenergie weiterhin gutes Geld zu verdienen ist.

Re-powering ist mittlerweile ein beliebtes Geschäftsfeld

Heiko Stohlmeyer ist zuständig für den Bereich Erneuerbare Energien bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PWC). Stohlmeyer beobachtet seit einiger Zeit, wie das Geschäft mit alten Windparks in Deutschland Fahrt aufnimmt. „Die Nachfrage ist größer als das Angebot“, sagt der Windenergie-Experte. Neben Investment-Unternehmen wie Re-Wind haben auch Energieversorger und Stadtwerke das Re-powering als Geschäftsfeld entdeckt. Die alten Windparks sind deshalb begehrt, weil die Standorte bereits etabliert sind. Man könnte auch sagen, das bei der Ökostrom-Erzeugung an den bewährten Stellen vergleichsweise weniger Gegenwind droht.

Dennoch bleibt ein gewisses Risiko, sagt Stohlmeyer. Denn nicht an allen alten Windanlagen-Standorten sei es möglich neue Technik aufzubauen. „Da neue Anlagen größer sind, können Re-powering-Anlagen nicht immer am gleichen Standort gebaut werden“, erklärt der Windenergie-Fachmann. Dem Re-powering stehen hauptsächlich planungsrechtliche Gründe entgegen. In dem dafür notwendigen Genehmigungsverfahren überprüft der Gesetzgeber vor allem inwieweit Mensch und Natur durch die neue Höhe der Anlagen beeinträchtigt wird. Auch der Abstand zur Wohnbebauung spielt eine Rolle.

Deutschland droht an selbst gesetzten Energiezielen zu scheitern

Lars Meyer winkt ab. An Standorten, wo ein Re-powering nicht möglich sei, betreibe Re-Wind auch die alten Anlagen weiter. Sein Unternehmen versuche dann durch den Einbau leistungsstärkerer Komponenten, neuer Software und mithilfe anderer Wartungsabläufe den Betrieb zu optimieren, sagt Meyer.

Wie es mit den Windenergieanlagen in Deutschland weitergeht, ist auch für die Bundesregierung entscheidend. Denn geht es nach der Politik, soll bis 2030 rund 65 Prozent des Energiebedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt werden. „Deutschland droht das Ziel zu verfehlen. Denn Stand heute liegt man erst bei etwas mehr als der Hälfte“, sagt Heiko Stohlmeyer. In Bedrängnis gerät der Plan auch, weil die Bundesregierung selbst die Errichtung neuer Windkraftanlagen gedeckelt hat.

Bau von neuen Windkraftanlagen hat der Gesetzgeber begrenzt

Die sogenannte Ausschreibungsmenge für Windenergie ist für die kommenden Jahre auf einen Zubau von rund 2800 Megawatt jährlich begrenzt. Doch allein 2021 fallen Windkraftanlagen mit einer Leistung von 4,5 Gigawatt aus der staatlichen Förderung. In Brandenburg sind in den nächsten zwei Jahren davon nach Angaben des Wirtschaftsministeriums 870 Anlagen mit einer Leistung von fast 0,8 Gigawatt betroffen. Findet sich kein neues, wirtschaftliches Geschäftsmodell, droht vielen Windrädern das Aus. Insgesamt sind in Berlins Nachbarbundesland derzeit 3.821 Windenergieanlagen mit einer Leistung von 7,1 Gigawatt verbaut.

Jenseits der Herausforderung, ob ein Re-powering möglich ist oder nicht, stellt sich für die neuen Eigentümer auch die Frage, wer künftig den erzeugten Strom abnimmt und zu welchem Preis. Laut Windenergie-Experte Stohlmeyer können Betreiber den erzeugten Strom grundsätzlich weiterhin in das öffentliche Netz einspeisen. Die Vergütung ist für diesen Fall bisher allerdings nicht geklärt, dürfte sich aber am Strombörsenpreis orientieren. Auch die Abgabe an Abnehmer zu Festpreisen sei ein Geschäftsmodell. Infrage kommen dafür energieintensive Industrieunternehmen wie die Deutsche Bahn, so Stohlmeyer. Zudem ist es denkbar, dass weitere alternative Vermarktungsoptionen entwickelt werden.

Höhere Anlagen können Folgen für Natur haben

In dem Windpark Waldow laufen bereits die naturschutzfachlichen Untersuchungen. Von den elf gekauften Anlagen wird Re-Wind bis 2023 lediglich eine Handvoll durch neue Technik ersetzen. Mit Widerstand von Anwohnern rechnet Re-Wind dabei nicht. Vögel aber könnten angesichts der neuen Größenordnung ein Problem bekommen: Die neuen Anlagen in Waldow sollen mit knapp 240 Metern Höhe rund 100 Meter höher als die bislang bestehende Technik sein.