Eine Tonne pro Jahr

Diese Berliner bauen als erste deutsche Firma Cannabis an

Aurora darf als eine von zwei Firmen in Deutschland medizinisches Cannabis anbauen. Noch im Mai beginnt der Bau einer Hanf-Plantage.

Die Aurora-Geschäftsführer Axel Gille (l.) und Philip Schetter im Berliner Büro der Firma.

Die Aurora-Geschäftsführer Axel Gille (l.) und Philip Schetter im Berliner Büro der Firma.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Das Berliner Unternehmen Aurora Deutschland sieht gute Chancen, dass die in Deutschland angebauten Cannabis-Mengen nach der ersten Anbau-Phase anwachsen könnten. Der deutsche Markt stehe im Vergleich zu anderen Ländern noch am Anfang, sagt Aurora-Geschäftsführer Philip Schetter der Berliner Morgenpost.

„Wir hoffen, dass die Produktionskapazitäten nach der Pilot-Phase perspektivisch ausgeweitet werden. Aurora Deutschland will sich jetzt gut positionieren, um dann größere Mengen abgeben zu können“, erklärt Schetter, der gemeinsam mit Axel Gille das Unternehmen von Berlin aus führt.

Aurora Deutschland, eine Tochterfirma des kanadischen Cannabis-Marktführers Aurora, hatte Mitte April als eines von zwei Unternehmen den Zuschlag für den Anbau von medizinischem Cannabis in Deutschland bekommen. Laut Ausschreibung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) darf Aurora über einen Zeitraum von vier Jahren 4000 Kilogramm Cannabis produzieren.

Aurora hatte für 11 der 13 ausgeschriebenen Lose das beste Konzept abgegeben, erhielt aber aufgrund der Ausschreibungsbedingungen nur den Zuschlag für fünf Lose. Ein Los steht für eine Jahresmenge von 200 Kilogramm Cannabis-Blüten, fünf Lose somit für eine Tonne.

79 Unternehmen hatten sich um den Cannabis-Anbau beworben

Das BfArM hatte für insgesamt neun Lose Zuschläge erteilt. Neben den Berlinern erhielt auch das Unternehmen Aphria die Erlaubnis Cannabis auf deutschem Boden anzubauen. Vier Lose gingen an das Unternehmen, hinter dem ebenfalls ein kanadischer Konzern steht. Um vier weitere Lose ist allerdings Streit entbrannt: Betroffen ist ein weiteres Los der Firma Aphria sowie drei Lose des jungen Berliner Unternehmens Demecan. Offenbar hatte ein unterlegenes Unternehmen aus dem Kreis der insgesamt 79 Bewerber Einspruch gegen die Vergabe eingelegt.

In Deutschland darf Cannabis schwer kranken Menschen seit März 2017 verschrieben werden. Krankenkassen erstatten die Behandlungskosten, wenn andere therapeutische Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Bisher wird zur medizinischen Therapie verwendetes Cannabis in Deutschland ausschließlich durch Importe gedeckt. Im vergangenen Jahr wurden durch das BfArM 3,1 Tonnen Cannabis-Blüten nach Deutschland eingeführt. 2017 waren es noch 1,2 Tonnen gewesen. Das BfArM sieht eine Produktion von Cannabis in Deutschland vor allem mit Blick auf die Versorgungssicherheit der Patienten als sinnvoll an.

Produktionsanlage entsteht in Chemiepark in Sachsen-Anhalt

Aurora Deutschland beginnt bereits Mitte Mai mit dem Aufbau einer Cannabis-Produktionsanlage. Standort ist ein 10.000 Quadratmeter großes Grundstück im Chemiepark Leuna östlich von Halle in Sachsen-Anhalt. Dort entsteht zunächst eine große Halle, in der später Lüftungsanlage, Beleuchtung sowie Wasser- und Nährstoffleitungen installiert werden. Aurora verhandelt derzeit noch mit dem Bundesland über eine Förderung der Ansiedlung. Nach eigenen Angaben investiert das Unternehmen dort einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag.

Unter anderem die hohen durch die Ausschreibung geforderten Sicherheitsauflagen beim Cannabis-Anbau ziehen Aurora in das ostdeutsche Flächenland. „Wir bauen gewissermaßen Fort Knox in einen Hochsicherheitstrakt“, sagt Schetter mit Blick auf die neu zu errichtende Produktionsstätte. Weil in Leuna bereits zahlreiche Life Science Firmen ihre sensiblen Produkte herstellen, sind die Sicherheitsstandards in dem Park bereits hoch. Die durch den Gesetzgeber vorgegebenen Auflagen dürften die Cannabis-Produktion in Deutschland deswegen teurer machen als in anderen Regionen der Welt.

Anbaumenge wird Nachfrage in Deutschland nicht decken

Deswegen gibt es auch Gegenstimmen. Finn Hänsel, eigentlich mit dem Start-up Movinga Berlins bekanntester Umzugsunternehmer, hat im vergangenen Jahr die Firma Sanity Group gegründet, die sich zunächst auf den Import von Cannabis konzentriert. Der Anbau des Hanfgewächses in Deutschland mache nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus ökologischen Gesichtspunkten keinen Sinn. „Nur, weil Deutschland Südfrüchte braucht, fangen wir doch auch nicht an Südfrüchte anzubauen“, sagt Hänsel.

In Südeuropa seien nicht nur die klimatischen Bedingungen zur Cannabis-Produktion besser als hierzulande. In Deutschland kämen zudem neben zusätzlichen Kosten für Sicherheitsauflagen auch teurere Löhne sowie höhere Energie- und Wasserpreise hinzu, so Hänsel. Ohnehin werde die jetzt genehmigte Anbaumenge die Nachfrage nicht decken können, glaubt Hänsel. Importe von Cannabis nach Deutschland soll es aber auch weiterhin geben. Hänsel etwa arbeitet dafür mit Lieferanten aus Portugal zusammen.

Deutscher Markt kann noch wachsen

„Für uns macht die Produktion über die gesamte Laufzeit gesehen wirtschaftlich Sinn“, erklärt hingegen Philip Schetter. Natürlich sei der Anbau in Deutschland aber auch eine strategische Entscheidung. Denn noch ist der deutsche Cannabis-Markt vergleichsweise unterentwickelt. Schätzungen gehen derzeit von rund 40.000 Cannabis-Patienten in Deutschland aus. „In reiferen Märkten werden zwischen 0,5 und 1 Prozent der Bevölkerung mit medizinischem Cannabis behandelt. Hierzulande sind wir von ähnlichen Werten noch weit entfernt. Dennoch kann Deutschland dahin kommen“, so Aurora-Geschäftsführer Axel Gille. Das sei auch ein Grund für die Vielzahl an Bewerbern um eine deutsche Cannabis-Produktion gewesen.

Für wie viel Umsatz die Lose stehen, dazu will Gille keine Angaben machen. Nach Informationen des „Handelsblatts“, das sich auf Branchenkreise beruft, liegen die Herstellerabgabepreise für Cannabis auf dem Weltmarkt zwischen 1,50 und etwa acht Euro pro Gramm Cannabis. Bei der deutschen Ausschreibung sollen die Preise vermutlich unter der Marke von fünf Euro gelegen haben. Basierend auf einem Gramm-Preis von vier Euro würde ein Los für rund 800.000 Euro Herstellerabgabepreis jährlich stehen. Bei fünf Losen wäre über die Ausschreibungsdauer von vier Jahren also ein Umsatz von 16 Millionen Euro möglich.

Berliner Ableger soll europäisches Aurora-Hauptquartier werden

Aurora kann bei dem Aufbau der ersten Plantage auch auf die langjährige Erfahrung des Mutter-Konzerns zurückgreifen. Aurora ist weltweit einer der größten Hersteller des Medizinalhanfs. Etwa 500.000 Kilogramm pro Jahr vertreibt das Unternehmen in 24 Ländern auf fünf Kontinenten. Der Anbau findet derzeit vor allem in Kanada statt. In Dänemark gibt es eine kleinere Produktionsanlage. Neben Deutschland plant Aurora auch in Portugal den Aufbau einer Cannabis-Plantage. In Berlin, wo derzeit in Adlershof und Charlottenburg rund 60 Mitarbeiter für das Unternehmen arbeiten, soll das europäische Hauptquartier entstehen.

Aurora sei angesichts der langjährigen Erfahrung beim Cannabis-Anbau mittlerweile führend in Qualität und Kostenmanagement, sagte Gille. Dennoch bleibe die Produktion der Blüten eine Herausforderung. „Cannabis ist eine sensible Pflanze“, so der Aurora-Deutschland-Chef. Wie in den Blüten die Wirkstoffe ausgebildet werden, hänge stark davon ab, wie viel Licht und Nährstoffe die Pflanzen erhielten. Auch die Temperatur spiele eine Rolle, sagte Gille. Gleichbleibende, streng kontrollierte Bedingungen und eine große Expertise beim Anbau seien entscheidend, weil Cannabis als medizinisches Produkt an einen definierten Wirkstoffgehalt gebunden sei.

Cannabis stellt bisherige Gesetze auf dem deutschen Arzneimittelmarkt auf den Kopf

Für den deutschen Arzneimittelmarkt bedeutet das Hanf so oder so eine Zäsur. Während bei anderen Medikamenten jahrelange Tests und Studien Voraussetzung für eine Zulassung sind, ist Cannabis per Gesetz als Medizin zugelassen worden – und das trotz erwiesener Nebenwirkungen wie schwerer Psychosen. Das BfArM sieht in der jetzigen Situation deshalb auch nur eine Übergangsregelung. In ein paar Jahren soll es, so das Bundesinstitut, stattdessen mehr cannabisbasierte Fertigarzneimittel geben, die auch mit entsprechenden Studien zur Wirksamkeit und Unbedenklichkeit hinterlegt sind.

Nach der Freigabe als Medizin-Produkt ist Cannabis in Kanada und Teilen der USA inzwischen gänzlich legalisiert worden. In Europa hatte zuletzt auch Großbritannien die Pflanze als Arznei zugelassen. In Frankreich berät derzeit eine Kommission ähnliche Schritte.