Arbeit

Vier Thesen zum Home Office: Hat man wirklich mehr Freizeit?

Die SPD möchte ein Recht auf Home Office schaffen. Aber wollen das die Arbeitnehmer überhaupt? Die Arbeit von zu Hause hat Nachteile.

Hat man bei der Arbeit zu Hause, dem Home Office, wirklich mehr Freizeit?

Hat man bei der Arbeit zu Hause, dem Home Office, wirklich mehr Freizeit?

Foto: via www.imago-images.de / imago images / AFLO

Berlin. Lästige Staus und überfüllte Züge vermeiden, für die Kinder zu Hause erreichbar sein und die Arbeit bequem vom eigenen Schreibtisch aus erledigen – Arbeiten von zu Hause, das sogenannte Home Office, hat Vorzüge. Deshalb feilt die SPD um Bundesarbeitsminister Hubertus Heil derzeit an einer Gesetzesvorlage, die ein Recht auf Home Office verankern soll. „Wir wollen eine moderne Arbeitswelt. Ein Rechtsrahmen für mobiles Arbeiten ist dabei ein zentraler Baustein“, sagte der zuständige Staatssekretär Björn Böhning unserer Redaktion.

Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken hervorgeht, arbeiten aktuell rund zwölf Prozent der deutschen Arbeitnehmer von zu Hause. Schon 2016 haben fast 40 Prozent der Arbeitgeber mit mehr als 50 Beschäftigten Home Office angeboten.

Die Bundesregierung bezieht sich bei ihrer Antwort, die unserer Redaktion vorliegt, auf mehrere wissenschaftliche Studien und Befragungen. Drängen die Deutschen also auf die Arbeit in den eigenen vier Wänden? Vier Thesen zum Home Office.

These 1: Die Mehrheit der Deutschen würde gerne im Home Office arbeiten.

Die meisten Deutschen bewerten die Arbeit im Home Office zwar grundsätzlich positiv, einer Sonderauswertung der Arbeitszeitbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zufolge können sich über zwei Drittel derjenigen, die derzeit nicht von zu Hause aus arbeiten, auch künftig nicht vorstellen, regelmäßig im Home Office tätig zu sein. Immerhin ein Drittel würde gerne im Home Office arbeiten, allerdings lasse entweder ihre ausgeübte Tätigkeit keine Arbeit von zu Hause zu oder ihr Arbeitgeber erlaube kein Home Office.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung kam 2016 in einer Studie zu dem Schluss, dass sich aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit vorstellen könne, zumindest ab und an von zu Hause zu arbeiten. Auch wenn die Mehrheit nicht regelmäßig von zu Hause aus arbeiten würde, so bewerten laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation 41,7 Prozent die grundsätzliche Möglichkeit des selbstgewählten Arbeitsplatzes positiv. Rund jeder Zehnte lehnt Home Office grundsätzlich ab.

These 2: Wer zu Hause arbeitet, hat mehr Zeit für die Familie.

Mütter, die im Home Office tätig sind, betreuen ihre Kinder pro Woche durchschnittlich drei Stunden länger als Mütter, die nicht von zu Hause aus arbeiten. Das geht aus einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) hervor. Bei Vätern hingegen gebe es diesen Effekt nicht.

Drei Viertel der Home-Office-Arbeitenden schätzen laut Forschungsdatenzentrum IAB die Möglichkeit, Beruf und Privates durch die Arbeit besser vereinbaren zu können. Bei Familien scheint das Konzept durchaus beliebt zu sein. Aus der BAuA geht hervor, dass in fast jedem fünften Haushalt, in dem ein Kind unter 18 Jahren lebt, ein Elternteil von zu Hause arbeitet.

SPD: Partei fordert gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice

Hintergrund: Arbeit von zu Hause macht glücklich – und krank

Ebenfalls praktisch für Familien: 70 Prozent der Home-Office-Beschäftigten sagen, dass sie viel Einfluss auf den Beginn und das Ende ihrer Arbeitszeit haben. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede, für wen die Zeit in der Familie genutzt wird. Während Home Office bei Familien mit Kindern durchaus beliebt ist, spielt Pflege nur eine untergeordnete Rolle. Nur rund jeder Zehnte im Home Office pflegt mehrmals im Monat.

„Unser Ziel ist, dass die Beschäftigten, die zu Hause arbeiten können und wollen, diese Möglichkeit bekommen. Damit verbessern wir den Alltag vieler Familien erheblich und reduzieren Pendelverkehre“, sagte Staatssekretär Böhning.

Insbesondere für Eltern scheint Home Office also eine erstrebenswerte Lösung darzustellen. Das heißt aber nicht, dass sie damit tatsächlich auch mehr Zeit für die Familie haben.

Denn wer im Home Office arbeitet, macht fast doppelt so viele Überstunden wie klassisch Beschäftigte. 5,6 Stunden wird im Home Office im Schnitt wöchentlich mehr gearbeitet als im Vertrag vorgesehen. Bei denjenigen, die nicht von zu Hause aus arbeiten, sind es 2,9 Überstunden pro Woche. Besonders deutlich ist der Unterschied bei denjenigen, die wöchentlich mehr als zehn Überstunden auf sich nehmen: Das betrifft 14 Prozent der Beschäftigten im Home Office und damit doppelt so viele wie beim herkömmlichen Arbeitsplatz.

Bleibt also mehr Zeit für die Familie? Während Büroangestellte öfter zwischen Arbeit und Privatem trennen können, berichtet rund die Hälfte der befragten Personen im Home Office von einem „Verschwimmen der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung.

These 3: Wer zu Hause arbeitet, ist weniger krank.

Wer zu Hause arbeitet, reduziert das Risiko, sich bei erkälteten Kollegen oder beim Pendeln anzustecken. Allerdings fand die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen heraus, dass Menschen im Home Office häufiger unter Schlaflosigkeit und Stress leiden. Auch eine IW-Studie kam zu dem Ergebniss, dass viele Arbeitnehmer im Home-Office Stress haben.

„Wenn zu Hause gearbeitet wird, bedarf es dafür klarer Regeln, hat sich doch in den vergangenen Jahren häufig gezeigt, dass das für viele Beschäftigte mit unbezahlten Überstunden und ständiger Erreichbarkeit verbunden ist. Diesem zusätzlichen Stress müssen wir unbedingt einen Riegel vorschieben“, sagte Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) unserer Redaktion.

Auch in der Antwort der Bundesregierung heißt es, dass Beschäftigte im Home Office öfter außerhalb der Arbeitszeiten kontaktiert würden und häufiger von verkürzten Ruhezeiten von unter elf Stunden zwischen dem Ende des Arbeitstages und dem Start des nächsten Arbeitstages berichten würden.

Kommentar: Arbeitnehmer sollen flexibel sein – Arbeitgeber aber auch

Gewerkschaft: DGB fordert das Recht auf Home Office

„Der Arbeitgeber hat mögliche Gefährdungen für die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten zu ermitteln und die notwendigen Schutzmaßnahmen zu treffen“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung. Fragestellerin und Linken-Arbeitssprecherin Jessica Tatti sagte unserer Redaktion: „Arbeitgeber dürfen Homeoffice-Vereinbarungen nicht ausnutzen, um Arbeitsschutzrechte zu umgehen oder Büroarbeitsplätze abzubauen.“ Sie forderte ein „Recht auf Nicht-Erreichbarkeit und eine Anti-Stress-Verordnung“, da Arbeitszeiten über acht Stunden nachweislich krank machen würden.

Das Bundesarbeitsministerium teilte auf Anfrage mit, dass selbstbestimmte Flexibilität mehr Zufriedenheit bei den Arbeitnehmern schaffe – „mit allen positiven gesundheitlichen Folgen“. Staatssekretär Böhning empfiehlt, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer „Maßnahmen der Gesundheitsförderung und des Stressabbaus“ vereinbaren sollten.

These 4: Wer zu Hause arbeitet, verdient mehr Geld.

Beschäftigte im Home-Office zählen oft zu den Besserverdienern. 41 Prozent mit einem Bruttogehalt von über 5000 Euro monatlich haben mit ihrem Arbeitgeber die Arbeit von zu Hause vereinbart, ergab die Antwort der Bundesregierung. Im Niedriglohnsektor bis 1499 Euro sind es dagegen nur vier Prozent und auch in der Kategorie von Deutschlands Durchschnittsverdienst von 2500 bis 3499 Euro sind es nur sieben Prozent, die mit ihrem Arbeitgeber Home Office verabredet haben.

Der Bildungsabschluss spielt bei Home Office ebenfalls eine Rolle: Es gibt derart wenige Home Office Beschäftigte mit einem niedrigen Bildungsabschluss, dass sie in der Statistik der BAuA erst gar nicht auftauchen. Jeder Fünfte mit einem hohen Bildungsabschluss arbeitet dagegen von zu Hause aus.

Interaktiv:

Interaktiv:

Besonders beliebt ist Home Office in Informations- und Kommunikationsberufen, wo jeder Zweite von zu Hause aus arbeitet. Im verarbeitenden Gewerbe arbeitet dagegen nur jeder Zehnte im Home Office.

Auch gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Am häufigsten wird in Hessen (16 Prozent), Baden-Württemberg (15 Prozent) und Berlin (14 Prozent) im Home-Office gearbeitet. Von den ostdeutschen Bundesländern spielt nur Sachsen eine Rolle im Home Office: Dort arbeitet jeder Zehnte von zu Hause.

(Tobias Kisling)